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  • Amrei Mandel
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  • 20.04.2015

Famulatur in Aarhus

Amrei war für eine einmonatige Famulatur in Aarhus. Was das Leben im hohen Norden so lebenswert macht und wie es in dänischen Krankenhäusern zu- und hergeht, erfährst du hier.

Aarhus, Foto: Amrei Mandel

 

Persönliche Motivation

Während des Studiums wollte ich unbedingt Auslandserfahrungen sammeln und was eignet sich dafür besser als eine Auslandsfamulatur? Aarhus kannte ich bereits, weil mein Freund dort studiert und ich ihn schon einige Male besucht hatte. Praktischerweise hatte ich dadurch auch gleicheine Unterkunft für die Zeit. So organisierte ich meine Famulatur selbst, statt mich über den bvmd zu bewerben.


Bewerbung

Als Krankenhaus hatte ich mir das Universitetshospital Aarhus ausgeguckt. Ursprünglich wollte ich in einer Abteilung der Inneren Medizin famulieren. Also schrieb ich im Dezember 2014 eine Bewerbungs-Email an den Abteilungsdirektor. Leider erhielt ich daraufhin mehrere Wochen keine Antwort und schließlich eine Absage - zu viele dänische Studenten seien in meinem gewünschten Zeitraum schon im Praktikum. Daher richtete ich meine Bewerbung noch an zwei andere Abteilungen und bekam schließlich eine Zusage von der Abdominal-Chirurgie.

 

Ein paar Missverständnisse kamen zwischendurch auf: Dazu muss man erwähnen, dass es Famulaturen wie bei uns in Dänemark nicht gibt. Klinikaufenthalte sind fest in den Semesterplan integriert und werden von der Uni organisiert. Auf der Homepage der Uni Gießen fand ich zum Glück eine gute englische Beschreibung der Famulatur, die ich der Direktorin schicken konnte:


http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb11/studium/medizin/ausland/beschreibung%20famulatur


Im Januar hatte ich schließlich die endgültige Zusage der Chefin. Alles weitere sollte ich mit der sehr netten Sekretärin klären.

 

Formalitäten

Für eine einmonatige Famulatur braucht man keine besondere Aufenthaltsgenehmigung und auch keine cpr-Nummer (Personalidentifikationsnummer, die jedem Dänen zugeteilt wird und die „Nummer für alles“ ist). Wichtig sind Auslandskranken- und Unfallversicherung: Während der Zeit, die man in der Klinik arbeitet, ist man über diese versichert.

 

Für den täglichen Arbeitsweg und die restliche Zeit gelten diese Versicherungen aber nicht. Außerdem braucht man eine Berufshaftpflichtversicherung (für Famulaturen und PJ), die ich über den Marburger Bund und den Medilearn-Club abgeschlossen habe. Besondere Impfungen werden vom Krankenhaus nicht vorgeschrieben. Trotzdem bin ich vorher nochmal zum Betriebsarzt meiner Uniklinik gegangen und habe meinen Impfstatus checken und auffrischen lassen.

Studiengebühren und Vergütungen

Uni und Klinik verlangen keine Gebühren vergütet wird aber auch nicht. Macht man die Famulatur über den bvmd, gibt es immerhin einen Essensgutschein für die Kantine.


Anreise

Ich hatte das Glück, das Auto meiner Eltern mitnehmen zu können und war deshalb mobil. Später musste ich allerdings feststellen, dass dies doch keine so gute Idee war. In der Stadt gibt es nämlich keine kostenlosen Parkplätze, die nicht zeitlich beschränkt sind. Relativ schnell hagelte es also ein Knöllchen, das mit 70€ doch ziemlich im Budget schmerzte. Man reist also besser mit dem Zug oder Flugzeug an (SAS bietet Sondertarife für unter 26-jährige) und bewegt sich in der Stadt zu Fuß oder mit dem Bus fort. Die Dänen bevorzugen das Fahrrad ;).

 

 

Universitätskrankenhaus Aarhus, Foto: Amrei Mandel

Größe und Abteilungen des Krankenhauses

Die Uniklinik besteht aus 44 verschiedenen Abteilungen, die an unterschiedlichen Orten in der Stadt lokalisiert sind. Insgesamt hat die Klinik 1.150 Betten und beschäftigt 10.200 Angestellte, um die 833.655 jährlichen Ambulanz- und Notfälle versorgen zu können. In ein paar Jahren sollen die verschiedenen Standorte der Uniklinik am neuesten Standort in Skejby etwas außerhalb der Stadt zu einem großen Komplex zusammengefasst werden.

 

Unterkunft

Da ich die Möglichkeit hatte, bei meinem Freund zu wohnen, kamen für mich weder Mietkosten auf noch musste ich auf Wohnungssuche gehen. Daher weiß ich auch leider nicht, wie hoch die Kosten für eine einmonatige Zwischenmiete sind. Generell ist Dänemark aber ziemlich teuer… Eine Studentin, die eine bvmd-Famulatur absolviert hat, war auf dem Sofa der WG einer anderen Medizinstudentin untergebracht und sehr zufrieden.

 

Verpflegung und Kleidung im Krankenhaus

Ich habe mir morgens etwas zum Essen mitgenommen, was ich dann bis zur Mittagspause im Kühlschrank deponiert habe. Es gab auch Mikrowellen und der Kaffee am Automaten des Personalraums hat nur 2 DKK gekostet (25-30ct). Die Kleidung wurde bis auf die Schuhe gestellt. Weiße Krankenhausclogs waren erwünscht.

Sprachkenntnisse


Bei meiner Bewerbung war klar, dass ich nur Englisch spreche. Es wurde aber gewünscht, dass ich noch etwas Dänisch lerne. In der wenigen Zeit, die mir neben Arbeit und Klausurvorbereitung noch blieb, habe ich also ab und zu noch etwas Dänisch mithilfe dieser Internetseite http://www.speakdanish.dk/de/introduction/index.php gelernt. Dadurch habe ich aber nur eine Idee von der Sprache erhalten, deren Aussprache wirklich gewöhnungsbedürftig ist. Unmittelbar vor dem Beginn meiner Famulatur habe ich mir zusammengesucht, wie ich mich auf Dänisch vorstelle und noch die eine oder andere nützliche Vokabel aufgeschrieben.

 

Während der Zeit in der Klinik hat mein ganzes Umfeld natürlich Dänisch gesprochen und ich konnte auch von Tag zu Tag mehr von dem Gesagten verstehen. Durch die fehlende Grundlage konnte ich es aber leider kaum sprechen. Lesen hingegen fiel mir leichter, da das Dänische dem Deutschen gar nicht so unähnlich ist, was durch die andere Aussprache aber beim Sprechen verkannt wird. Die medizinischen Begriffe waren mit Abstand am leichtesten zu verstehen. Zum Glück sprechen fast alle Dänen gut bis sehr gut Englisch, manche sogar ein bisschen Deutsch, da sie das auch in der Schule lernen.

 

 

Aarhus Altstadt, Foto: Amrei Mandel

 

Inhalt der Famulatur


Der Tag begann um 07:45 mit der morgendlichen Besprechung in der Radiologie und endete gegen 15:15. Am ersten Tag wurde mir gemeinsam mit neuen Assistenzärzten das Abteilungsgebäude von der zugeteilten ‚Kontaktperson‘ gezeigt. An den meisten anderen Tagen durfte ich mir meinen Arbeitsplatz selbst aussuchen. Manchmal wurde ich auch zugeteilt. Da ich die Landessprache nicht beherrschte, war ich nur ein paar Mal mit auf der Station oder in der Ambulanz. Den größten Teil meines Aufenthaltes habe ich im OP oder in der Endoskopie verbracht und somit auch einiges gesehen. Manchmal durfte ich sogar assistieren.

 

Dass es sich um eine Uniklinik handelte, hatte einige Vor- aber leider auch Nachteile. Interessant war, dass viele spezielle OP-Techniken verwendet wurden. So konnte ich in der Endoskopie neben Gastroskopien, ERCPs und Koloskopien auch eine Doppel-Ballon- und eine Spiral-Enteroskopie sehen. Die komplexeste OP, die ich sehen und assistieren durfte, war ein Whipple. Diese OP wird nur an 4 Krankenhäusern in Dänemark durchgeführt. In einem ländlichen Krankenhaus bekommt man die speziellen Sachen also nicht zu Gesicht, was ja in Deutschland ähnlich ist.

 

Durch den Status einer Uniklinik waren montags bis donnerstags 6-7 dänische Studenten in der Abteilung. Aus sozialen Aspekten war das natürlich super, allerdings wurde es so noch schwieriger, eine Aufgabe für mich zu finden. So stand ich dann nicht wie normalerweise in der zweiten, sondern in der dritten Reihe. Die Studenten hatten jeden Mittag 45 Minuten Unterricht, wo Fälle besprochen wurden. Dort bin ich auch regelmäßig hingegangen, wenn das der Klinikablauf erlaubt hat.

 

Viele der Ärzte haben ihren Unterricht dann netterweise auf Englisch abgehalten oder mir zwischenzeitlich etwas erklärt. Am meisten konnte ich sehen und machen wenn die anderen Studenten Vorlesungen hatten. Das war immer freitags der Fall. Einmal war ich auch am Wochenende in der Klinik, wo eine ganz andere Atmosphäre herrschte und ich bei einer laparoskopischen Cholezystektomie assistieren konnte.

 

Die dänischen Ärzten, die ich kennengelernt habe, haben mich eher in Ruhe gelassen, statt auf mich zuzugehen. Das erweckte teilweise einen desinteressierten oder unfreundlichen Eindruck – der aber keinesfalls stimmt. Man muss viel Eigeninitiative zeigen und darf sich nicht beirren lassen. Frag einfach immer, ob du mitkommen oder zugucken kannst.

 

Als sich alle an meine Anwesenheit gewöhnt hatten, wurden sie auch offener und boten mir an, mitzukommen. Das dauerte allerdings etwa drei Wochen, da man durch den Schichtbetrieb ständig mit anderen Leuten zu tun hat. Rein fachlich gesehen hätten zwei Wochen Famulatur vielleicht gereicht - von den persönlichen Erfahrungen her war aber die letzte der vier Wochen am besten.

Arzt in Dänemark

Soweit ich das beurteilen kann, sind die Arbeitsbedingungen in Dänemark weitaus besser als in Deutschland. Der medizinische Standard ist gleich, aber die Patientenzahl pro Arzt geringer. Es werden auch weniger Überstunden abgeleistet und die Pausenzeiten ausführlich eingehalten. Familie und Freizeit stehen an oberster Stelle und es kommt auch mal vor, dass eine Ärztin in einer OP abgelöst wird, weil sie ihre Kinder abholen muss. Das Wichtigste gerade für Studenten ist aber, dass die Hierarchien ganz flach sind. Prinzipiell duzen sich alle (auch Patienten und Ärzte) und es herrscht eine freundschaftliche Atmosphäre und ein angenehmes Arbeitsklima ohne negative Spannungen.

 

Land und Leute

Dänen sollen die zufriedensten Menschen sein. Das lässt sich so natürlich schwer festmachen, aber die Lebensqualität ist auf jeden Fall sehr hoch. Der Staat sponsert sehr viel, z.B. bekommt jeder Student monatlich ca. 750€ und jeder ist krankenversichert. Andererseits muss jeder, der Geld verdient, hohe Steuern zahlen, weshalb man auch kaum teure Autos auf der Straße sieht. Statussymbole kennen und schätzen die Dänen nicht. Nicht zuletzt dadurch kommen flachere Hierarchien und ein besseres Arbeitsklima zustande.

 

 

Flussmündung Moesgaard, Foto: Amrei Mandel

 

Aarhus

Eine Stadt am Meer mit Stränden und einem Hafen – was will man mehr? Der alte Stadtkern ist sehr schön zum Bummeln oder Kaffeetrinken, aber wie alles in Dänemark auch sehr teuer. Nicht verpassen sollte man das Kunstmuseum Aros mit dem Regenbogengang auf dem Dach. Von hier oben kann man über die ganze Stadt gucken. Empfehlenswert ist auch das Freilichtmuseum Den Gamle By (Die alte Stadt), das mitten im Stadtzentrum liegt. Studenten bekommen einen Rabatt auf den Eintritt! Auf dem Weg zum Moesgaard Strand gibt es außerdem ein begehbares Wildgehege, durch das man entspannt spazieren kann ohne Eintritt bezahlen zu müssen.

 

Fazit

Eine Famulatur in Dänemark kann ich nur empfehlen! Wenn man medizinisch viel mitnehmen möchte, empfiehlt es sich einen Dänischkurs zu machen. Für die gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Eindrücke reicht Englisch aber völlig aus. Und darauf kommt es bei einer Auslandsfamulatur doch in erster Linie an :).

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