Zurück zu Australien
  • Bericht
  • |
  • Alicja Zybowski
  • |
  • 05.09.2006

PJ-Bericht Sydney, Australien

An deutschen Universitäten bekommen Studierende schnell den Eindruck, dass sich niemand um sie kümmert, dass sie lobende Worte niemals zu hören bekommen. Ganz anders in Sydney: Hier empfing Alicja Zybowski eine sehr gute Atmosphäre auf den Stationen und ein konstruktives Miteinander.

Motivation

Nach positiven Famulaturerlebnissen im Ausland war für mich klar, dass ich auch einen Teil des PJ im englischsprachigen Ausland verbringen wollte. Außerdem kann ich mir sehr gut vorstellen nach Abschluss meiner ärztlichen Ausbildung außerhalb Deutschlands zu arbeiten. Die Wahl fiel dann aufgrund eines ähnlichen medizinischen Standards und wegen des Reiz des Landes auf Australien.
Ich erhoffte mir von der Zeit am anderen Ende der Welt ein klares didaktisches System sowie eine kollegiale Atmosphäre. Im Hinterkopf bestand außerdem die Hoffnung, der doch oft rigiden hierarchischen Arbeitssituation an deutschen Krankenhäusern für eine gewisse Zeit zu entkommen.
Weiterhin erhoffte ich mir, wertvolle Erfahrungen zu sammeln und eine andere Kultur kennenzulernen. Auch die Hoffnung auf sprachliche Fortschritte bestimmten meine Motivation.

Vorbereitung

Die Bewerbung gestaltete sich relativ unkompliziert. Über die Homepage der University of Sydney suchte ich mir ein Krankenhaus heraus und habe mit dem Studentensekretariat per e-Mail circa 1 Jahr vorher Kontakt aufgenommen. Die Ansprechpartnerin Jenny Moore ist zuverlaessig und sehr freundlich. Prompt schickte sie mir die Bewerbungsunterlagen und Informationen zu. Auch während meiner Zeit in der Klinik stand sie immer mit Vorschlägen zur Wochenendgestaltung zur Seite.
Für die sprachliche Vorbereitung bietet sich auf jeden Fall ein Wörterbuch an. Ich bin mit dem "Medizinisches Englisch pocket" sehr gut zu Recht gekommen. Um diverse Abkürzungen zu entschlüsseln und den Aufbau der Anamnese kennen zu lernen, ist auch das "Medical English" aus dem Thieme-Verlag eine gute Wahl. Für die wichtigsten Fachinformationen in Englisch empfiehlt sich die Oxford Handbook-Reihe.

Visum

Sofort nach Erhalt der Zusage sollte man sich um sein Visum kümmern, da es mindestens 2 Monate Zeit kostet. Da ich 4 Monate in Australien bleiben wollte, habe ich über das Internet ein working holiday Visum beantragt, das mich 130 Euro kostete. Allerdings kam noch eine medizinische Untersuchung für 220 Euro hinzu, was ich fuer sehr überteuert halte.

Tätigkeitsbeschreibung

Meine 8 Wochen Innere teilten sich auf in 4 Wochen Onkologie und 4 Wochen Rheumatologie/Sportmedizin.

Die ersten 4 Wochen waren sehr abwechslungsreich. Auf Station habe ich an den Visiten teilgenommen und wurde von dem mir zuständigen Arzt überall hin mitgenommen. Eigene Verantwortung für bestimmte Patienten hatte ich allerdings nie. In der Inneren Medizin bestehen die Aufgaben des Studenten in Sehen und Verstehen, und das liegt dem gesamten Team am Herzen. Keiner will den Studenten ausbeuten sondern ganz im Gegenteil helfen. Aber das wichtigste war: kein stundenlanges Blutentnehmen wie in Deutschland, das man spätestens nach einer Woche verstanden hat und das fachlich nichts bringt.

An manchen Tagen waren die "Outpatient-clinics", eine Art ambulante Versorgung. Mit den Patienten und Angehörigen wurde dabei die Diagnostik und Therapie (insbesondere die Chemotherapie) der diversen Krebserkrankungen besprochen.

Zwischendurch fanden natürlich noch diverse Fortbildungen für alle Ärzte des Fachbereiches statt, z.B. Röntgenbesprechung, Fallvorstellungen, Journal-Club und interne Weiterbildungen. Donnerstags war mittags die Grand Round, eine fächerübergreifende Weiterbildung. In Rotation durch alle Fachbereiche wurden jede Woche ein bis zwei interessante Fälle vorgestellt und anschließend im Auditorium diskutiert.

Meine letzten 4 Wochen in der Rheumatologie/Sportmedizin waren ähnlich. Allerdings waren weniger Patienten auf Station. Vor allem die Sportmedizin hat mich als Sportlerin sehr interessiert. Immer montages und donnerstags gab es spezielle sportmedizinische Sprechstunden.
Die Chefärzte haben sich persönlich um die Studenten gekuemmert und haben mit Freuden alle Einzelheiten der Patienten erklärkt, was ich in Deutschland noch nie erleben durfte. Auch um die Arbeitsatmosphäre war jedes Teammitglied ständig bemüht. Keinem fiel es schwer lobende Worte auszusprechen. In Deutschland hatte ich den Eindruck, dass es so etwas gar nicht mehr an der Uniklinik gibt.

Auch informelle Treffen bei Kaffee, den der Chef spendierte, fanden häufig statt und ich hatte das Gefühl, das der breite Meinungsaustausch durchaus den Patienten zu Gute kam.

Aufgrund meiner eher negativen Erfahrungen im PJ in Deutschland, bin ich im Nachhinein umso erfreuter, den Mut gehabt zu haben, diese lange Reise um die Welt auf mich genommen zu haben und mein PJ mit so vielen positiven Erfahrungen bereichert zu haben.

Gesundheitsversorgung und Medizinerausbildung

Der medizinische Standard in Australien ist mit Deutschland zu vergleichen. Mir ist aber aufgefallen, dass es in Australien eine echte 2-Klassen-Behandlung gibt. Eine Krankenversicherung ist in Australien keine Pflicht und so bekommen die privat Versicherten oft eine bessere Therapie angeboten.

Die Ausbildung der Medizinstudenten in Australien ist mehr an der Praxis orientiert als in Deutschland und die Studenten werden schon ab dem 3. Studienjahr in die Diagnostik und Therapieplanung einbezogen. Die Ausbildung als Student dauert 4 Jahre. Unser PJ ist in seinen Aufgaben mit dem australischen Intern zu vergleichen.

Im Krankenhaus herrschte immer ein freundliches und kollegiales Arbeitsklima. Insgesamt gab es mehr Miteinander der verschiedenen Fachdisziplinen als in Deutschland. Der Consultant legt auch Wert auf die Meinung seiner Ärzte und die Teamarbeit wird mehr betont.

Ausbildung:
2 Jahre: gerneral studies / sciences
4 Jahre: medical school
1 Jahr: internship
2 Jahre: residency
3 Jahre: specialisation
dann noch evtl. 1 Jahr : fellowship (meist freiwillig)

Sprachprobleme mit Ärzten und Patienten:
Wirkliche Sprachprobleme mit den Patienten und Ärzten gab es keine. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kann man den Gesprächen meist gut folgen. Die Patienten waren mit dem "normalen Schulenglisch" gut zu verstehen. Und auch die Ärzte sind bemüht, ein verständliches Englisch zu sprechen. Viele kommen selbst aus dem Ausland, insbesondere Asiaten sind in jedem Team vertreten.
Nur die Aussprache der Fachtermini ist gewöhnungsbedürftig. Viele Patienten in Sydney stamen ursprünglich aus Griechenland und Italien.
In dieser Stadt kann man sich eigentlich überhaupt nicht als Ausländer fühlen, was ein unglaublich angenehmes Gefühl ist.

Geld

Es bietet sich an, ein Konto bei der Deutschen Bank zu eröffnen - durch die Partnerschaft mit der Westpac Bank findet man überall Geldautomaten, an denen man kostenlos abheben darf. MLP und die Deutsche Ärztefinanz bieten kostenlose Privat- und Berufshaftpflichtversicherungen an, die man unbedingt in Australien benötigt, da sie Bedingung für einen PJ-Platz darstellen.
Es gibt diverse Stipendien für einen PJ-Aufenthalt, z.B. unter www.stethosglobe.de, DAAD, DFA, etc.
Sydney ist bezueglich der Lebenshaltungskosten etwa so teuer wie deutsche Grossstädte - Milchprodukte, Fleisch und Gemüse sind allerdings teurer.
Dazu kommt noch der Flug, der nach Sydney trotz rechtzeitiger Buchung 1200 Euro gekostet hat. Thai Airways und STA Travel sind sehr unzuverlaessig und auf keinen Fall zu empfehlen. Es waere besser gewesen, wie ich im Nachhinein erfahren habe, alles direkt bei Emirates zu buchen.

Land und Leute

Die Australier sind weitestgehend relaxt und immer freundlich und hilfsbereit. "No worries" ist die Devise und wird auch gelebt. Ein kleiner Smalltalk ist schnell initiiert und man tauscht sich über Land, Leute und weitere Pläne aus. Die Menschen waren immer interessiert, wo ich herkomme und wohin ich gehe und machten meist auch noch ein paar Reisevorschläge.

Das Krankenhaus war zu Fuss von unserer Unterkunft in 5 Minuten zu erreichen und in die Innenstadt brauchte man ungefähr 40 Minuten mit Bus oder Fähre. Insgesamt ist das öffentliche Verkehrsnetz von Sydney sehr gut ausgebaut, nur mit Verspaetungen muss man oft rechnen.
Ein Highlight war immer die Fahrt in die Innenstadt mit der "Rivercat" auf dem Parramatta River, direkt an dem weltberühmten Opernhaus vorbei.

Sydney ist mit 4 Mio Einwohnern die größte Stadt in Australien und hat ein vielfältiges kulturelles Angebot. Von hier aus kann man leicht Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung machen (Blue Mountains, Hunter Valley, diverse Strände und Nationalparks…) aber auch in Sydney gibt es ständig Neues zu entdecken. Ausflüge sind günstig, da die Eintrittspreise durch Studentenrabatte angemessen sind und Bus- und Bahnfahren vergleichsweise billig ist. Ich habe für eine Wochenkarte im erweiterten Umkreis von Sydney 40 AUD (25 Euro) bezahlt.

Rückblick/Fazit

Meine Erwartungen wurden zum großen Teil erfüllt. Das Land und die Natur sind einzigartig, sodass man auch ein wenig Zeit zum Reisen einplanen sollte.

Ein Teil des PJ im Ausland zu verleben ist jedem zu empfehlen. Ich bin der Meinung dass sich die deutschen Ärzte der Welt und anderen Kulturen öffnen sollten. Die medizinischen Teams werden immer internationaler und die Ärzte kommen aus vielen verschiedenen Ländern. So ist Englisch oft die einzige Verständigungsmöglichkeit. Auch in der Wissenschaft kommt man um Fachliteratur und Forschungsberichte in Englisch nicht herum. Von den Studenten und Ärzten wird einfach erwartet der Sprache mächtig zu sein, doch Kurse werden nur selten angeboten.

Ich hatte eine traumhafte Zeit in Australien. Ich bin sehr begeistert von einem patientenorientierten Gesundheitssystem und von einem praxisnahen Medizinstudium. Ein Praktikum kann ich deshalb nur jedem Medizinstudenten empfehlen. Es ist nur sehr schwer, danach zurück nach Deutschland zu gehen …

Schlagworte

Mehr zum Thema

Bericht: PJ Innere Medizin am Royal Prince Alfred Hospital in Sydney

Bericht: PJ am Redcliffe Hospital in Australien

Feature: Famulatur, PJ und Arbeiten in Australien – No worries in Down Under