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  • Ines Elsenhans
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  • 04.12.2014

Famulatur, PJ und Arbeiten in Australien – No worries in Down Under

Angesichts von Stress und Hektik in deutschen Kliniken wünschen sich junge Mediziner manchmal ganz weit weg. Beim Blick auf den Globus fällt da automatisch Australien ins Auge. Für Famulanten und PJler stehen die Chancen gut, einen Platz in Down Under zu ergattern. Jobsuchende Ärzte müssen allerdings einige Stolpersteine aus dem Weg räumen.

 

Austtralien - Foto: Andreas Edelmann/Fotolia.com

Australien ist bekannt für seine vielen Kängurus. Foto: Andreas Edelmann/Fotolia.com 

 

Aus dem Besprechungsraum der internistischen Abteilung des Hervey Bay Hospital dringt das Gemurmel des
international staffing. Die ausländischen Akzente der Ärzte gehen wild durcheinander. Auch Senior Medical Officer Michael Baumann stößt zum morgendlichen handover dazu. Er arbeitet gerne in diesem Team. Viele seiner Kollegen stammen aus Indien, Asien und dem Nahen Osten. Als die Runde vollzählig ist, beginnt ein Inder aufgeregt zu erzählen: „A patient told me, that he fell of the wagon. I checked him for injuries and traumatic marks, but there were none.”

Michael Baumann kann sich nicht beherrschen und prustet vor Lachen los. Im Gegensatz zu seinem Kollegen hat er gleich verstanden, was dem Pa­tien­ten zugestoßen ist. To fall off the wagon be­deutet im englischen nämlich einen Rückfall als Alkoholiker zu haben. Geduldig klärt er den Kollegen auf. Schließlich ging es ihm in den ersten Monaten im Krankenhaus auch nicht anders. Als er damals eine frühe, also blutige Entlassung in bloody discharge übersetzte, starrten ihn die anderen Ärzte ungläubig an. Was denn an der Entlassung so „verflucht“ sei, wollten sie wissen. Bloody wird im englischen oft als Fluchwort verwendet, was Michael Baumann damals nicht wusste.

Doch nicht nur die Sprichwörter machten ihm anfangs das Leben schwer: „Australier sind Fans von Abkürzungen, egal ob im Krankenhaus oder auf der Straße. Kommt dann noch ein starker Akzent hinzu, versteht man sie nur schwer.“ Nach einigen Wochen hatte er sich aber daran gewöhnt, und heute schmunzelt er sogar darüber. Vor allem wenn er bedenkt, dass ein Grund, nach Australien auszuwandern, ja die niedrige Sprachbarriere war.

 

Bewerbung: zeitig anfangen!

Dabei sind die Sprachschwierigkeiten oft das geringste Problem, wenn man nach Australien möchte – je nachdem in welcher Phase der Medizinausbildung man diesen Schritt wagt. Schon der Versuch, eine Famulatur in „Down Under“ zu realisieren, kann relativ aufwendig sein. Das merkte auch Juliane Ehring. Sie entschied sich, einen Teil ihrer Famu­laturen in Australien zu machen, weil sie gehört hatte, dass das Gesundheitswesen einen ähnlich hohen Standard wie in Deutschland hat und die Ärzte sehr bemüht sein sollen, den Studenten etwas beizubringen.

Da in Brisbane Verwandte von ihr leben, lag es nahe, dort in einem Krankenhaus zu famulieren. Über das Internet erfuhr sie, dass Famulatur-Plätze in Brisbane, der Hauptstadt des Bundeslands Queensland, zentral von der University of Queensland vergeben werden. Auf deren Homepage gibt es ein Bewerbungsformular, auf dem sie drei Wunschkrankenhäuser angeben konnte. Das Formular musste sie zusammen mit einer Notenübersicht, Passfoto, Empfehlungsschreiben, Hepatitis-B-Serologie, Be­scheinigung über Berufshaftpflichtversicherung und Sprachnachweis per Post an die University of Queensland senden. Dabei musste sie zwei Dinge beachten: „Laut Regeln durfte ich die Dokumente maximal acht Monate im Voraus schicken. Außerdem musste ich in den letzten beiden Jahren meines Studiums sein.“

Nach drei Monaten bekam Juliane dann per Mail mitgeteilt, dass sie einen Platz in der Transplantationschirurgie des Princess Alexandra Hospitals bekommen hatte. Nun musste sie sich ganz schön beeilen. Denn sie wollte eigentlich schon einen Monat früher fliegen, um sich das Land anzuschauen, und hatte somit nicht mehr viel Zeit, sich um das Visitor Visa* (subclass 676) zu kümmern.

Der bürokratische Aufwand dafür war groß, da sie viele Dokumente auszufüllen hatte und sich von einem Panel Doctor untersuchen lassen musste. Die Termine dazu sind rar, und Juliane hatte besonders Pech: „An diesem Tag hatte ich blöderweise auch noch eine Prüfung und bin somit von Gießen nach Frankfurt zum Panel Doctor gehetzt und wieder zurück, um rechtzeitig zur Klausur zu sein.“ Die Kosten von etwa 400 Dollar für den Panel Doctor und das Visum muss man natürlich selber übernehmen. Rechnet man dann noch die Verwaltungs­gebühren der University of Queensland von 1.000 Dollar, die Bewerbungsgebühren von 100 Dollar, das Porto für die vielen Schriftwechsel und den Flug dazu, kommt man auf einen stolzen Betrag von etwa 3.000 Dollar.

 

Juliane Ehring - Foto: privat

Juliane Ehring (rechts) mit ihren Kolleginnen an der Rezeption der Transplantations-chirurgie des Princess Alexandra Hospitals in Brisbane. Einen Kittel musste sie dort nicht tragen.

 

Doch Australien ist groß, und andernorts sind die Bewerbungsbedingungen völlig andere: So musste Medizin­student Christian Hübel zum Beispiel neben den genannten Gebühren keine Verwaltungs- oder Bewerbungskosten zahlen. Er machte einen Teil seines Praktischen Jahres in der Nähe von Adelaide. Dort ist die Vergabe der Plätze für medical electives nicht zentral gesteuert, und das Krankenhaus verlangt keine Gebühren.

Beworben hat er sich auf den Tipp eines Bekannten bei dem Klinikleiter direkt per E-Mail. Nachdem er diesem ein Anschreiben, seinen Lebenslauf, einen letter of good standing, der Studium und Semester bescheinigt, und Ver­sicherungs­unter­lagen der Haftpflichtversicherung gesendet hatte, bekam er auch prompt eine Zusage. Dafür musste er, anders als Juliane, ein kleines Zimmer bezahlen, wie er erzählt: „Ich konnte die ganzen drei Monate bei einer Ärztin aus dem Krankenhaus für 150 Dollar die Woche wohnen. Das war sehr praktisch, denn die Unterkunft, die ich zunächst vom Krankenhaus zugeteilt bekam, war nicht sehr wohnlich.“ Und für ihn
besonders günstig: „Die Ärztin nahm mich dann jeden Tag die 40 Kilometer zur Klinik mit dem Auto hin und zurück mit. So konnte ich mir die lange Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sparen.“ 

 

System: Angelehnt an „Mother England“

Im Krankenhaus wurde Christian gut aufgenommen und fühlte sich schnell wohl. Er wurde gleich in den Dienstplan eingetragen und durfte nach kurzer Zeit selbst unter Aufsicht Narkosen durchführen. Umgehauen hat ihn der großzügige Personalschlüssel. „Es gab so viele Pflegende, dass die Patienten meist von zweien zu den OPs und Untersuchungen begleitet werden konnten. Im OP waren wir dann auch schon mal zu zwölft.“

Die Hierarchien sind sehr flach, und das System ist ähnlich dem britischen. So sind die Ärzte in Teams organisiert, die für die Patienten in verschiedenen Stationen zuständig sind. Ein Ärzteteam besteht meist aus einem Senior Medical Officer, der normalerweise ein Consultant oder Staff Specialist ist, was quasi dem Chefarzt entspricht. Ein Level tiefer steht der Registrar, der dann entweder ein Arzt in Weiterbildung oder ein erfahrener Arzt ohne Gebietsbezeichnung ist. Hat er seine Weiterbildung abgeschlossen und ist Facharzt, wird er als Fellow, also Oberarzt, bezeichnet. Darunter gibt es den Resident Medical Officer, der in den ersten zwei Jahren nach seinem Internship (ähnlich dem PJ) ist und noch keine Weiterbildung begonnen hat.

 

Christian Hübel - Foto: privat

PJler Christian Hübel im Dienstoutfit in der Anästhesie seines Lehr-Krankenhauses.

 

Dazu kommen noch die Interns und die Medizinstudenten. Der kollegiale und freundliche Umgang im Team ist Christian sofort aufgefallen: „Ich konnte den Ärzten jederzeit Fragen stellen, und auch wenn jemandem mal ein Fehler unterlaufen ist, wurde das offen in der einmal wöchentlich stattfindenden grand round diskutiert.“

Jedes Ärzteteam hat an einem oder mehreren Tagen in der Woche admission day und ist damit den ganzen Tag on call. Alle Patienten, die an diesem Tag in die Klinik kommen, werden dann von diesem Team aufgenommen und behandelt. Dieses System verwirrte Juliane: „Nach welchem Plan bei der Visite vorgegangen wird, habe ich bis heute nicht verstanden. Die Patienten waren auf zig Stationen verteilt und werden auch sehr schnell wieder entlassen.“

Diese frühen Entlassungen sind in Australien normal. Genauso ist es normal, dass viele Patienten als Notfall in die Klinik kommen. Zwar sind die Australier in der gesetzlichen Krankenversicherung Medicare versichert, aber ohne private Zusatzversicherung ist es schwer, einen Termin beim Facharzt zu bekommen. Daher landen sie, wenn sie ins Krankenhaus kommen, meist sofort in der Notaufnahme. Sobald sie stabil sind, werden sie entlassen und in ambulanten Sprechstunden weiterbehandelt.

Die Pflegekräfte lernen ihr Handwerkszeug an einer Uni. Entsprechend übernehmen sie einige Aufgaben, die in Deutschland bei den Ärzten liegen. Beispielsweise legen sie Zugänge, nehmen Blut ab und geben Spritzen. Manche Diagnostiken wie Ultraschall werden extern von einem speziellen Radiographer durchgeführt. Der Alltag verläuft aber ähnlich wie in Deutschland mit der Visite am Morgen und den da­rauffolgenden OPs und Untersuchungen.

Wie Christian durfte auch Juliane im OP gleich mithelfen. Dabei fiel ihr besonders auf, dass Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ein hoher Rang zukommt: „Im OP wurde mir gleich ein Höckerchen angeboten. Die Ärzte traten auch mal vom OP-Tisch zurück, um sich ein bisschen zu entspannen. Auf den Fluren gibt es Schilder mit Fitnessübungen.

Etwas gestört hat sie die Kleiderordnung: Auf den Stationen trägt man nämlich nicht Kittel, sondern Stoffhose/-rock und Hemd oder Poloshirt. „Das fand ich einfach sehr unhygienisch. Allgemein hätte die Hygiene etwas besser sein können.“ Insgesamt fand Juliane die Arbeitsatmosphäre in der Klinik fast zu entspannt, sodass sie sich nicht vorstellen könnte, für immer dort zu arbeiten. Christian hingegen hätte es in Australien auch noch länger ausgehalten und überlegt, nach dem ­Studium für zwei bis drei Jahre zurückzukehren.

 

Karriere als Arzt: Ausdauer erforderlich

Leider machen einem die Australier diesen Schritt nicht
leicht. Eine, die diesen Weg trotzdem gegangen ist, ist Sabine Fuchs. Sie arbeitet nun seit Anfang des Jahres auf derselben Station wie Michael Baumann. Die Natur und das sonnige Wetter lockten sie nach Australien. Doch an die Bewerbungszeit denkt sie nur ungern zurück: „Es war sehr schwierig, an Informationen zu kommen“, erinnert sie sich. Schließlich wandte sie sich an eine kommerzielle Agentur, die Mediziner nach Australien vermittelt. Sabine schickte dorthin ihre Bewerbungsunterlagen mit den beglaubigten Zeugnissen und Empfehlungsschreiben. Ein paar Monate später hatte sie ein Telefoninterview mit dem Klinikleiter und kurz darauf die Zusage.

 

Poster - Foto: J. Ehring

Plakate im Flur des Princess Alexandra Hospitals ermahnen die Mitarbeiter zur besseren Hygiene. In manchen Krankenhäusern wurde erst vor ein paar Jahren die Händedesinfektion eingeführt.

 

Nun ging die Bürokratie aber erst richtig los: Sie musste sich das Visum besorgen, sich bei den australischen Behörden anmelden, beim Medical Council registrieren und das Examen AMC 1 (Australian Medical Council 1) ablegen. Dies ist ein ziemlich schwieriger schriftlicher Multiple-Choice-Test, der alle Gebiete der Medizin abfragt. Weil in Deutschland schon alle Plätze belegt waren und der Test nur wenige Male im Jahr durchgeführt wird, reiste Sabine dafür nach London. Danach musste sie als Sprachnachweis den IELTS-Test (International English Language Testing System) machen.

Endlich in Australien angekommen, prüfte sie die Ärztekammer im PESCI-Test (Pre-Employment Structured Clinical Interviews) mit echten Scheinpatienten. Und damit nicht genug: Nun muss Sabine noch den AMC-2-Test machen, der in mehreren praktischen Stationen ihre Arbeit prüft. Anschließend gilt es, noch zehn Wochen in der Chirurgie und acht Wochen im Emergency Department zu rotieren und einige Zeit in Australien gearbeitet zu haben, um die general registration, also die allgemeine Arbeitserlaubnis, zu bekommen. Erst mit dieser kann sie sich auf eine permanent residency, die unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung, bewerben. Hat sie diese in der Tasche, kann‘s endlich mit der Weiterbildung losgehen.

So kompliziert und aufwendig war das Verfahren aber nicht immer, erzählt Sabine: „Erst als im Jahr 2005 ein ausländischer Arzt in Queensland fehlerhafte OPs durchgeführt hat und dafür verurteilt wurde, wurden die Anforderungen erhöht.“ Seit geraumer Zeit versucht die Regierung auch, vermehrt selbst Mediziner auszubilden, um nicht mehr so stark auf aus dem Ausland zuwandernde Ärzte angewiesen zu sein. Trotzdem werden, gerade in den ländlichen Gebieten, wohl immer Ausländer gefragt sein, weil die Australier eben lieber in die großen Städte wie Sydney oder Brisbane gehen wollen.

Michael Baumann lebt gerne im ländlichen Hervey Bay, das direkt am Meer liegt. Er hat in Deutschland seinen Facharzt in Innerer Medizin abgeschlossen und war von der Arbeit in seiner Klink so gefrustet, dass er seine Koffer nach Australien packte. Beworben hat er sich ebenfalls über eine Agentur.

Nach einer Zusage prüften die australischen Be­hörden seine Facharztqualifikation und verlangten daraufhin ein Examen, das die Australier im zweiten Weiterbildungsjahr machen müssen. Den Facharzt letztendlich anerkannt zu bekommen war sehr schwer, erzählt Michael: „Der ganze Prozess der Anerkennung kostete mich viel Nerven und Briefwechsel. Die Australier kennen sich mit dem deutschen System eben nicht aus. Daher muss man da echt aufpassen, dass man seinen Qualifikationsgrad auch wirklich anerkannt bekommt.“ Nach der Anerkennung musste er trotzdem noch ein Jahr unter Supervision arbeiten. „Das war für mich sehr unangenehm, weil mich alle kritisch beäugten und ich mich echt beweisen musste.“ Mittlerweile ist er aber fest im Team integriert und unter anderem für die onkologische Tagesstation zuständig.

Wenn Michael Baumann einen Patienten aufnimmt, legt er heute mehr Wert auf Untersuchungstechniken. Diese clinical skills werden in Australien viel stärker betont: „Bei allen Voruntersuchungen werden das Herz, die Lungen und das Abdomen nach einem festen Schema untersucht. Das könnten sich die Deutschen mal abschauen.“ Trotz großem Spaß bei der ­Arbeit, einem hohem Gehalt und wenig Überstunden hat er aber auch manchmal Heimweh nach Good Old Germany. Freunde, Familie und Kultur fehlen ihm einfach.

Sabine hingegen hat sich schnell im Städtchen eingelebt und fühlt sich dort pudelwohl: „Für meinen Freund und mich ist mit Australien ein Traum in Erfüllung gegangen. In Deutschland nölen viele die ganze Zeit rum. Die Australier hingegen lächeln einen meistens freundlich an und sind sehr hilfsbereit. Freiwillig gehen wir nicht mehr zurück.“

 

*Ein Visitor Visa (subclass 676) wird benötigt, wenn die Famulatur oder das PJ weniger als drei Monate dauert. Bleibt man länger als drei Monate, benötigt man ein Occupational Trainee Visa.

 

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