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  • Bericht
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  • Christian Pardonner
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  • 22.04.2006

Famulatur in Broken Hill, Australien

Christian wollte unbedingt fernab von Hightech-Krankenhäusern eine andere Art der Medizin kennen lernen. Erlebt hat er diese dann im Outback Australiens, in Broken Hill.

Vor dem Ende meines Studiums wollte ich unbedingt noch eine Auslandsfamulatur absolvieren und bewarb mich deshalb etwa eineinhalb Jahre zuvor ohne besondere Präferenzen in verschiedenen Ländern. Ich wollte lernen, außerhalb eines modernen Hauses der Maximalversorgung mit meinen fünf Sinnen und meinen beiden Händen Patienten zu betreuen. Bei meinen Recherchen stieß ich auch auf einen kleinen Ort namens Broken Hill in Australien, in dem es ein Krankenhaus sowie eine Zweigstelle der Uni in Sydney gab, in der Studenten ihr Praktikum in "ländlicher Medizin" absolvierten.

 

Foto: Christian Pardonner

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Bewerbung und Vorbereitung

Die Vorstellungen, die Medizin im australischen Outback kennen zu lernen gefiel mir, und so schrieb ich eine Mail an das "Department of Rural Health" in Sydney und bekam prompt eine sehr nette Antwort und damit auch schon mal einen Vorgeschmack auf die Menschen, die mich erwarteten. In der Mail war genau aufgelistet, was ich für eine Bewerbung brauchen würde. Darüber hinaus beinhaltete die Mail ein Dokument, in dem mir ein Eindruck von Broken Hill vermittelt wurde. Als ich mehr von der Minenstadt in New South Wales las gefiel mir die Idee immer besser.
So bewarb mich also, musste den Termin dann wegen der Umstellung meiner Heimat-Uni auf Kurzsemester noch einmal verschieben und dachte eigentlich, ich würde nicht nach Australien fliegen. Doch dann erreicht mich doch noch die Zusage!

Nun hieß es nur noch schnell ein "Occupational Trainee-Visum" zu beantragen, was leider mit Kosten in Höhe von ca. 150 Euro verbunden war. Hinzu würden noch die umgerechnet 75 Euro pro Woche für die Famulatur inklusive Unterkunft und noch einmal hundert Euro Studiengebühren kommen. Der Flug nach Australien hingegen war recht günstig, und so machte ich mich nach überraschend wenig organisatorischen Strapazen, immer angeleitet von meiner Kontaktperson in Broken Hill, nach Down Under auf.

Nach der Ankunft

Drei Tage hatte ich dort erst einmal Zeit, Sydney zu erkunden (was ich übrigens jedem empfehlen würde), bevor ich dann meinen dreistündigen Flug nach Broken Hill antrat. Auf dem Flug traf ich bereits zwei australische Studenten, die mit mir gemeinsam ihr Praktikum dort absolvieren würden. In Broken Hill leben etwa 20.000 Menschen, von denen nur noch wenige von der Mine leben. Die Stadt selbst lässt kaum Annehmlichkeiten missen, vom Einkaufscenter übers Kino bis hin zu zahlreichen Pubs mangelt es an nichts. Verlässt man aber die Grenzen der Stadt, steht man plötzlich mitten in der Wüste, was den Ort etwas surreal aber unglaublich faszinierend erscheinen lässt. Kurz, Sydney hatte mich schon begeistert, und als ich Broken Hill sah war es um mich geschehen.

Die Unterbringung erfolgte im Schwesternwohnheim direkt oberhalb des Krankenhauses. Das Wohnheim ist aufgrund seiner vielen Bewohner ideal geeignet, sich sechs Wochen lang nicht zu langweilen. Nach unserer Ankunft widmeten sich die Bewohner sich einen ganzen Tag lang uns neuen Studenten, fuhr uns in der Stadt herum, gab uns eine Führung durch die Basis des Royal Flying Doctor Service und zeigte uns das Krankenhaus, welches relativ klein ist. Dadurch, dass es auch dem RFDS als Anflugbasis dient, versorgt es jedoch sehr viele Patienten stationär und in Ambulanzen.

Im Krankenhaus in Broken Hill

Am ersten Tag erhielten wir unseren Rotationsplan, der mich auf die Allgemeinstation, in die Notaufnahme, Community Health, das sich in Praxis, Diabetes Center und Rettungsdienst gliedert, und nach Wilcannia schickte. In Australien ist man als Student weniger dazu da, unliebsame Arbeiten schweigsam zu erledigen, sondern vielmehr um zu lernen. Und dementsprechend verhielten sich auch alle Ärzte und das Pflegepersonal. Man nahm sich immer Zeit, die Frage eines Studenten zu beantworten, wozu während der langen Visiten jede Menge Gelegenheit war. Was mir auffiel war, wie viel Zeit sich die Ärzte für Anamnese und körperliche Untersuchung eines jeden Patienten nahmen und auf was für eine Vielzahl von klinischen Zeichen sie dabei zurückgegriffen wurde. Das ist auch nötig, wenn man bedenkt, dass man einen Patienten für eine aufwendige Untersuchung wie zum Beispiel eine Angiographie drei Stunden in ein Flugzeug setzen muss. Jede aparative Untersuchung wurde genauestens hinterfragt, wodurch ich ein sehr gutes Gefühl dafür bekam, was nötig war und was nicht. Ziemlich ungewöhnlich im Land der doppelten Routineaufnahmen.

Während ich auf Station war habe ich mir ein paar Mal gewünscht, all die Abkürzungen zu können, die im medizinischen Englisch exzessiv benutzt werden. Ohne die kann man die Sprache sprechen so gut man will, eine Krankengeschichte zu lesen und manchmal auch einem Gespräch zu folgen ist am Anfang ganz schön schwer. Dazu kommt, dass alle Anamnesezettel nur leere Seiten sind, auf denen man sich dann all die Abkürzungen notieren muss.

Nach der Stationsarbeit am Vormittag ging ich meist in eine der Ambulanzen, die zum Bersten gefüllt waren und von Ärzten des Hauses oder eingeflogenen Spezialisten abgehalten wurden. Hier galt, wie auf Station oder in der Notaufnahme auch, dass ich von Anfang an meine eigenen Patienten hatte, über die ich mit dem zuständigen Arzt anschließend ausführlich Rücksprache halten konnte. Hierbei war ich immer wieder begeistert davon, wie oft sich der erste Eindruck von der netten Art der Australier bestätigte. Ich erlebte lauter freundliche, gesprächige Menschen, die es auch nie krumm nahmen, wenn sie lange warten mussten, dann von einem ausländischen Studenten betreut wurden und der auch noch manchmal gar nicht wusste, was er denn nun mit ihnen anstellen sollte. Alles wurde dankbar und mit einem Lachen hingenommen. Auch die viel zitierte Unkompliziertheit haut einen als Deutschen fast regelmäßig aus den Socken (Ach, das geht auch so einfach? Was, da muss ich gar kein Formular ausfüllen?) In der Notaufnahme ging es zu wie in einer Praxis: Da sich viele einen Allgemeinarzt nicht leisten oder nicht auf den Termin warten können, gehen sie in die Notaufnahme, echte Notfälle waren eher die Ausnahme.
Nachmittags wurden regelmäßig verschiedene Lehrveranstaltungen wie Skills Lab, Journal Club, Suturing Skills oder Tutorials per Videokonferenz angeboten.

 

Foto: Christian Pardonner

 

Durch einen glücklichen Zufall bekam ich sogar die Gelegenheit, den Royal Flying Doctors Service zu einer Klinik in Tibboburra zu begleiten, einem Dort mit etwa hundert Einwohnern und einem bekannten Pub. Der Ort ist noch einmal eine Flugstunde entfernt von Broken Hill. Diese Kliniken anzufliegen sind der wichtigste Service des RFDS. Auch hier wird letztendlich eine allgemeinmedizinische Sprechstunde abgehalten. Da dies aber nur alle zwei Wochen passiert, bekommt man Krankheitsbilder in ganz anderen Ausmaßen zu sehen als in Deutschland.

Das Krankenhaus in Wilcannia

Die Erfahrungen, die ich bisher gesammelt hatte, kamen mir in meiner letzten Woche zugute, als ich zusammen mit einem anderen Studenten eine Woche in Wilcannia verbrachte, einem Ort, der durch seine hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosigkeitsrate in Australien eine traurige Berühmtheit erreicht hat. Alkohol und Drogen sind hier ein weit verbreitetes Problem. 90 Prozent der Einwohner sind Aborigines, und es ist eine phantastische Gelegenheit, weitab von ausgetretenen Touristenpfaden einmal hinter das Bild vom Didgeridoo zu blicken und die traurige Geschichte eines faszinierenden Volkes mit einer außergewöhnlichen Kultur zu erfahren. Dort erlebte ich eine große Freundlichkeit und nicht selten wurde ich zu einem der Einwohner nach Hause eingeladen.

Der RFDS unterhält dort eine kleine Klinik, in der dreimal die Woche eine Sprechstunde abgehalten wird. Den Rest der Zeit gibt es die Schwestern und eben die Medizinstudenten, die wöchentlich hierher rotieren. So war ich zum ersten Mal in meinem Leben der maßgebliche Ansprechpartner für Patienten, die mit allen möglichen Krankheitsbildern in die Klinik kamen. Jederzeit konnten wir telefonisch mit dem RFDS Rücksprache halten, trotzdem wurde man das Gefühl der Einsamkeit bei jedem Patienten nicht los, vor allem, weil bei schweren Krankheitsbildern nur eine Evakuierung in Frage gekommen wäre. Und das Flugzeug braucht fast eineinhalb Stunden, um von Broken Hill nach Wilcannia zu kommen. Die Erfahrung war allerdings unglaublich wertvoll und machte mir sehr klar, wie wenig mich mein Studium bisher auf das echte Leben vorbereitet hat.

Leben außerhalb der Klinik

Auch der soziale Aspekt meiner Famulatur ließ keine Wünsche offen. Durch die vielen anderen Studenten war immer was los. Schon am ersten Wochenende war ein viertägiger Campingausflug angesagt, der mich in den Flinders Ranges Nationalpark führte, wo wir mitten unter Scharen von fast zahmen Wallabies zelteten. Wir unternahmen Tagesausflüge, erkundeten das Outback per Mountain Bike oder hingen einfach abends bei einem Glas einer der zahlreichen Biersorten in einem der Pubs ab. Rund um Broken Hill gibt es zahlreiche Orte, die sehr interessant sind, so wie eine Geisterstadt, die schon oft als Filmkulisse diente, oder eine Opalmine, wo man in einem unterirdischen Hotel übernachten kann. Sogar einen Ball durfte ich besuchen, auf dem der RFDS Gelder sammelte. So wurden meine Tage in Broken Hill regelrecht stressig, kamen doch auch noch all die Aktivitäten mit den Mitbewohnern aus dem Schwesternwohnheim dazu.

 

Foto: Christian Pardonner

 

Fazit

Mit einem Wort, eine Famulatur in Broken Hill kann ich jedem nur ans Herz legen, der in seinem Studium schon etwas fortgeschritten, abenteuerlustig ist und sich nicht davor scheut, Verantwortung zu übernehmen. Zu Anfang fühlt man sich vielleicht etwas überfordert, wenn man vom ersten Tag an seine eigenen Patienten in einer fremden Sprache zu betreuen hat, dafür ist die Lernkurve umso steiler. Außerdem sollte man nicht davor zurück schrecken, mitten im Nirgendwo zu leben. Die Bewerbung ist überhaupt nicht so schwer, mein Herz war es schon, als ich Broken Hill verlassen musste, und ich kann es kaum erwarten wieder zurück zu kehren.
Aber Vorsicht: Wer ein paar Wochen in Australien und besonders in Broken Hill verbringt, der muss mit drastischen Veränderungen in seinem Leben rechnen. Nicht nur, dass man nach seiner Rückkehr schief angeschaut wird, wenn man beim Bäcker mit allen ein Gespräch anfängt und jeden gleich mit seinem Vornamen anspricht. Man wird sich auch dabei ertappen, dass man auf all die kleinen Problemchen des Alltags blickt und sich denkt: "No worries, mate!"

Wichtige Links

Homepage des Department of Rural Health in Broken Hill

Homepage der Stadt Broken Hill

Die Flying Doctors

Homepage der australischen Botschaft in Berlin

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