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  • Interview
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  • Ines Elsenhans
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  • 21.04.2015

Warum gibt es keine Abstoßungsreaktion gegen Spermien?

Unser Immunsystem ist ständig auf zack und jagt Fieslinge, die im Körper nichts zu suchen haben. Doch warum steckt es die Waffen, wenn es auf Spermien trifft? Wir fragten Prof. Stefan Meuer, Geschäftsführender Direktor der Immunologie am Uniklinikum Heidelberg.

 

Eizelle und Spermien - Foto: Sebastian Kaulitzki – Fotolia.com

Kann man gegen Spermien allergisch sein? Foto: Sebastian Kaulitzki – Fotolia.com

 

> Herr Prof. Meuer, warum findet keine Immunreaktion gegen Spermien statt?

Das Immunsystem unterscheidet nicht nur zwischen selbst und fremd, sondern auch zwischen gut und schlecht bzw. nützlich und schädlich. Wäre dies nicht der Fall, würden wir gegen jedes Schnitzel und gegen die vielen nützlichen Bakterien in unserem Darm eine Abwehrreaktion zeigen.

 

> Wie funktioniert die Erkennung?

Das lässt sich erklären, indem man die Immunzellen mit uns Menschen vergleicht: Die meisten Immunzellen wie Leukozyten sind frei beweglich und wandern z.B. durch den Darm, die Nieren oder das Blut. Auch wir Menschen sind frei beweglich. Mal sind wir im Schlafzimmer, mal im Auto und je nachdem wo wir sind, verhalten wir und anders. Ich kann im Schlafzimmer nicht das tun, was ich im Auto tue. Wo ich bin, bestimmt die Art und Weise wie ich mich verhalte. Wenn ich in eine Metzgerei gehe und der Metzger steht hinter der Theke mit einem Fleischermesser finde ich das völlig in Ordnung. Begegnet mir der Typ abends in einer Cocktailbar mit demselben Messer in der Hand, dann finde ich das absolut störend und bewerte die Situation als Gefahr. Das Immunsystem erkennt also zum einen das Antigen, also ob der Mann ein Messer, eine Gabel oder einen Löffel in der Hand hat und zum anderen, wo sich das Antigen befindet.

 

> Und wie erkennt das Immunsystem, wo sich das Antigen befindet?

Die Immunzellen haben Rezeptoren, mit denen sie erkennen können, wo sie sich befinden. Diese Rezeptoren sind vergleichbar mit unseren fünf Sinnen riechen, tasten, schmecken usw. Es gibt also einmal den Antigenrezeptor der das Antigen erkennt und dann über 200 verschiedene Co-Rezeptoren (z.B. CD80, CD28, CTLA-4) in den Oberflächen der Immunzellen, die in einer bestimmten Kombination in bestimmten Milieus bedient werden. Die Milieus unterscheiden sich durch Oberflächenmoleküle, Adhäsionsmoleküle, lösliche Faktoren oder Metabolite und sind darum für jeden Ort spezifisch. Die Leber hat zum Beispiel ein anderes Milieu als der Darm, das ZNS ein anders als das Blut. Die Immunzellen verschaffen sich einen molekularen Eindruck, indem sie mit ihren Rezeptoren in Wechselwirkung mit dem Milieu treten und über Liganden eine Kombination von Signalen austauschen. Die Rezeptoren kann man mit den Tasten eines Klaviers vergleichen. Wenn man mit zehn Fingern einen Akkord aufruft, ist das z.B. das Signal für Darm-Milieu, drückt man einen anderen Akkord, bedeutet das Nieren-Milleu. So kann das Immunsystem ein Molekül mit dem Ort zusammenbringen und unterscheiden, ob das Molekül dort nützlich ist oder schädlich. Beispielsweise sind die Bakterien im Darm nützlich, im Blut dürfen sie jedoch nicht sein und werden daher dort bekämpft.

 

> Hat das Spermium gewissen Oberflächeneigenschaften, um vom Immunsystem nicht erkannt zu werden?

Nein. Würde man z.B. die Spermien ins Blut spritzen, würde eine Immunreaktion stattfinden. Nur an Grenzflächen wie der Haut, der Mundhöhle oder Lunge ist die Immunabwehr nicht so stark, außer es werden z.B. Toxine an diesen Stellen von Bakterien ausgeschüttet. Dann würde es auch zu einer Immunreaktion kommen. Immunologisch gesehen sind also Spermien nicht anders.

 

> Trotzdem gibt es Frauen, die nicht schwanger werden, obwohl sie organisch gesund sind.

Je älter man im Leben wird, desto mehr Antikörper auch gegen gewebsspezifische Moleküle, die sogenannten HLA-Moleküle, hat man. Zum Beispiel durch Bluttransfusionen oder nach Schwangerschaften. Auch kann der Körper bei Infektionen Antikörper bilden, die später zufälligerweise mit dem HLA-Typ des Spermiums reagieren und dann zu einer Abstoßungsreaktion führen. In diesem Bereich gibt es aber noch viel Forschungsbedarf und es wird ziemlich rumexperimentiert indem man z.B. den Frauen Leukozyten des Mannes impft. Verlässliche Studien über den Erfolg solcher Experimente gibt es aber nicht.

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