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  • Interview
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  • Sarah Hölscher
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  • 15.04.2016

Kann man Menschen einfrieren und wieder auftauen?

Ist der Tod das Ende der körperlichen Existenz? Menschen, die sich „kryonisieren“ lassen, glauben das nicht. Sie lassen sich nach dem Tod einfrieren, in der Hoffnung, irgendwann aufgetaut weiterleben zu können. Wir fragten den Kryonik-Experten, Gerontologen und Anatom Dr. med. Klaus Sames, warum er glaubt, dass diese Vision Wirklichkeit werden könnte.

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> Was ist das Grundprinzip der Kryokonservierung?

Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius hat schon vor etwa 100 Jahren herausgefunden, dass biochemische bzw. enzymatische Prozesse bei tiefen Temperaturen zum Stillstand kommen. Dieses Prinzip nutzen Notfallmediziner heute als sogenannte Hypothermie bei Reanimationspatienten. Wir Kryoniker gehen ein bisschen weiter: Wir sind begeistert von der Idee, auf diesem Weg unsere Körper theoretisch unverändert über Millionen von Jahren aufbewahren zu können. Beim Prozess der Abkühlung streben wir die sogenannte Vitrifizierung bzw. Verglasung an. Diese wird erreicht, wenn eine Flüssigkeit so schnell abkühlt, dass sie keine Kristallisierung durchläuft. Nach dem Gefrieren ist sie durchsichtig wie Glas. Da keine Kristalle entstehen, führt dieses Vorgehen beim Einfrieren zu weniger Gewebeschäden. Dieses Phänomen ist aus der Natur bereits bekannt. Die Larven des Käfers Cucujus clavipes puniceus können sich bei sehr niedrigen Temperaturen z. B. vitrifizieren und so lange Zeit überleben.

> Und wie kryonisiert man einen ganzen Menschen?

Idealerweise injiziert man schon vor dem Tod Membranstabilisatoren (Kortikoide oder Salicylate), Gerinnungshemmer (Heparin) und Radikalfänger (Vitamine) in die Blutbahn. Ist der Patient dann gestorben, sollte man sofort kühlen. Wir machen das zunächst von außen mit Eiswasser. Zudem sollte man einen sofortigen Blutaustausch durch gekühlte Zellschutzlösungen vornehmen, da sich im Blut schon sehr früh nach dem Tod viele Toxine ansammeln. Ist der Patient auf 4 bis 10°C abgekühlt, muss man Frostschutzmittel perfundieren. Ab 0°C wird diese Lösung viskös, so dass eine effektive Perfusion nicht mehr möglich ist. Währenddessen wird von außen weitergekühlt, zuerst mit Trockeneis auf -78°C und dann mit Stickstoff auf -130°C und kälter. In diesem „Status quo“ werden die Patienten dann in Stickstofftanks aufbewahrt.

> Was sind die Probleme, mit denen Sie bei der Kryokonservierung zu kämpfen haben?

Da sind zum einen bürokratische Hürden. In Deutschland haben wir eine enorm strikte Leichenschau. Wir müssen oft lange auf Patienten warten bis wir kühlen können. Bis dahin sind Gerinnung, Schädigungen der Kapillargefäße, Arteriosklerose, Leukozytenadhäsionen oder Endothelschwellungen schon weit fortgeschritten. Aber natürlich gibt es auch fachliche Hürden: Ich bin mir als Anatom ehrlich gesagt nicht sicher, ob wirklich jedes Kapillargebiet, gerade im Gehirn, von der Perfusionslösung durchströmt werden kann. Damit die Neuronen irgendwann regenerieren können, wäre das aber sehr wichtig. Ein weiterer Punkt ist, dass die Kryoprotektiva bei hoher Konzentration toxisch sind – was spätestens dann, wenn die Reanimation ansteht ein Problem werden könnte. Zudem führt die extreme Außenkühlung bei größeren Objekten zu makroskopischen Gefrierbrüchen im Gewebe – dem sogenannten Cracking. Das haben wir noch nicht unter Kontrolle.

> Wie könnte die Reanimation aussehen?

Man bräuchte eine Technik, mit der man sehr schnell erwärmen kann, so dass keine Eiskristalle entstehen und die toxischen Substanzen nicht zu lange einwirken. Momentan bekommen wir das noch nicht hin. Aber wenn das irgendwann möglich wäre, müsste man nur noch das Problem in den Griff bekommen, dass der Kryonisierte zuvor ja todkrank und alt war. Man müsste quasi eine Verjüngung durchführen. Ein Weg, das zu erreichen, könnte sein, die Reparatursysteme der Zelle zu reaktivieren, die aufgrund des Alterungsprozesses nicht mehr richtig funktionieren. Das ist natürlich kompliziert, weil
man an sehr vielen individuellen Stellen molekular ansetzen muss. Ich glaube aber, dass die Nanotechnologie dafür Lösungen bieten kann – auch wenn hier sicher noch ein langer Weg vor uns liegt.

> Was passiert mit ihrem Körper nach dem Tod?

Ich habe, wie aktuell 1.512 andere Menschen einen Körperspendevertrag mit dem Cryonics Institute in den USA. Die Versorgung der Patienten und die anschließende Lagerung ist in Deutschland derzeit noch nicht möglich. Ein Transport in die USA ist deshalb unabdingbar. Wer sich kryonisieren lassen möchte,
muss zudem die Kosten von 28.000 Dollar tragen. Ich werde am Ende mit 118 Patienten, die heute schon in den USA lagern, eingefroren sein, in der Hoffnung dass ich irgendwann „aufwache“ und dann Antworten auf all meine Fragen bekomme. 

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