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  • Interview
  • |
  • Tanja Peschel
  • |
  • 20.03.2015

Macht Medizin studieren kurzsichtig?

Die dicke Brille auf der Nase gilt weltweit als typisches Erkennungszeichen des strebsamen Studenten. Doch sind junge Akademiker wirklich häufiger kurzsichtig? Wir haben bei Prof. Frank Schaeffel, Leiter der Sektion für Neurobiologie des Auges an der Uni Tübingen, ­nachgefragt, ob hohe Lernbereitschaft tatsächlich fast immer zu einer Myopie führt.

 

Prof. Frank Schaeffel - Foto: privat

Prof. Frank Schaeffel

 

> Muss ein Medizinstudent, der sehr viel lernt, davon ausgehen, dass er sich damit die Augen „verdirbt“?

Es gibt gute Studien, die zeigen, dass Schüler, die sehr viel lesen, eher kurz­sichtig werden als genetisch gleiche Schüler, die weniger lesen. Das dürfte für Medizinstudenten auch gelten. Klar ist aber auch: Häufiges Lesen ist sicher nicht der einzige Grund für eine erhöhte Myopierate.

 

> Wo sehen Sie die wahren Hintergründe von Kurzsichtigkeit?

Der Anstieg der Kurzsichtigkeit in der westlichen Welt verlief parallel mit der Industrialisierung und dem wachsenden Bildungsstand der Menschen. In Asien haben die Myopien in den letzten 20 bis 30 Jahren enorm zugenommen – interessanterweise also zu einer Zeit, als die Wirtschaft dort stark expandierte. Heute hat Asien weltweit die höchsten Myopiewerte. 95,5% der Studenten in Shanghai sind kurzsichtig! Vermutlich sind die Werte dort höher, weil die Kinder in Asien früher anfangen zu lesen. Ein ganz wichtiger Grund dürfte aber auch sein, dass sie schon mit drei Jahren in ganztägige Kindergärten kommen, weniger nach draußen gehen und so weniger natürliches Licht abbekommen. In einer chinesischen Studie führte es bereits zu 20% weniger Kurzsichtigkeit, wenn der Mittagsschlaf durch Rausgehen ersetzt wurde. Ähnliches haben wir bei Versuchen mit Hühnern herausgefunden: Die Tiere werden weniger kurzsichtig, wenn sie Tageslicht abbekommen. Bei der Frage, wie diese Faktoren dazu führen, dass der Augapfel in die Länge wächst, gibt es allerdings nach wie vor Forschungsbedarf. Eine Zeit lang dachte man, die Ursache läge darin, dass die Kinder schlecht akkomodieren und so die Schärfeebene hinter der Netzhaut zu liegen kommt. Zumindest legten Tierversuche diese Vermutung nahe. Mittlerweile ist man sich da aber nicht mehr so sicher, weil sich in epidemiologischen Studien zwischen der Unterakkomodation und der Myopie keine Korre­lation ergab. Somit hängt diese Theorie in der Luft.

 

> Was kann man tun, wenn man Kurzsichtigkeit vorbeugen möchte?

In manchen Ratgebern werden Übungen empfohlen, die auf dem Phänomen der Kontrastadaptation basieren. Dabei schaut man auf ein kontrastarmes Bild, das Auge ändert seine Kontrastempfindlichkeit, und man sieht scheinbar wieder besser. Das kennen alle Brillenträger, wenn sie die Brille abnehmen und nach einer Weile verschwommenem Sehen wieder mehr erkennen. Am Augen­wachstum ändert das aber nichts! Wenn Sie tatsächlich vermeiden möchten, ständig kurzsichtiger zu werden, sollten Sie bei gutem Licht und nicht zu nah lesen und regelmäßig auch mal rausgehen und Dinge, die weiter weg sind, fokussieren. Das kann auch kurz sein – eine Minute oder zwei sind schon gut! Und man sollte sich eher einen großen Monitor kaufen, den man weiter weg stellt, als direkt vor einem kleinen zu sitzen. Denn je näher ich an meinem Bildschirm hocke, desto stärker ist die Akkomodation und auch das Risiko, dass das Auge mehr in die Länge wächst.

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