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  • 31.08.2016

Dr. Motz lässt die Muskeln spielen

In jeder Klinik gibt es immer wiederkehrende Typen von Kollegenspezies. Eine davon ist der Muskelprotz. Da er nur in der männlichen Form existiert, ist jegliches Gender Mainstreaming in diesem Text unnötig.

© Robert Kneschke-Fotolia.com


Physiognomie

Der Muskelprotz ist eine Abart des wandelnden Little Man Syndroms, das seine fehlende Gliedmaßengröße (jeglicher Art…) nicht mit hohen Absätzen und mindestens einem PD vor dem Namen kompensiert, sondern stattdessen mittels muskulärem Massenwachstum. Zusätzliche Ausstattungsmerkmale sind ein kurzer Hals, ein runder Kopf, in dem das Denken kreist statt zu Resultaten führt und diverse Tattoos. Diese stechen oft dadurch heraus, dass sie eben nicht professionell gestochen sind, sondern den gewollt verruchten Charme eines Knastpiraten ausstrahlen. Schließlich muss der aufgrund seiner Körpergröße kindheitstraumabelastete benachteiligte Muskelprotz in gewisser Weise gegen das klinisch saubere Establishment protestieren.

Interdisziplinarität

Der Muskelpumper findet sich interdisziplinär. In der Anästhesie bietet er sich dem PJler mit seinen über den gespannten Biceps verlaufenden Wasserrohren als anatomisches Visualiserungsobjekt des humanen Venennetzes an. In der Chirurgie können die Studenten von ihm das Feingefühl lernen, mit dem ein tollwütiger Cowboy operiert. Und in der Inneren erfahren sie, dass es den Patienten nicht unbedingt schadet, wenn der Arzt einfach mal forciert nichts tut. Denn das ist ein weiteres interdisziplinäres Merkmal des Muskelprotzes: Da er all seine Kraft für sein Training aufwenden muss und sämtliche Energie in den Muskel und nicht ins Hirn fließt, überlässt er Arbeiten und Denken gerne seinen Kollegen. Wo andere Kollegen auf Intensiv oder im Stationsspind Schokolade oder Instant Nudel bunkern um zu überleben, finden sich beim Muskelprotz 96%ige Proteinpulvertöpfe oder Kreatin-Beutel.

Albtraum des Traumatologen

Abgesehen von dem Unbill einen solchen Muskelprotz in den eigenen Reihen zu haben, fürchten Traumatologen oberkörperbetonte Bodybuilder auch aus dienstlichen Gründen. Wie oft wurde Dr. Motz Nachtruhe schon gestört, weil sich beim Armdrücken der Humerusschaft zu schwach für den gepimpten Muskel erwies und in einem schönen Drehkeil nachgab. Die operative Versorgung gestaltet sich schwierig, weil der gebrochene Knochen tief unter Muskelmassen verborgen liegt und selbst die großen Hohmann Haken darin wie Miniaturspielzeug aussehen. Eine weitere typische Verletzung sich über den Umfang ihrer Oberarme definierender Menschen ist der distale Bicepssehnenabriss. Dessen operative Versorgung ist deshalb unbefriedigend, weil der Pumper natürlich nicht die Heilungszeit von 6 Wochen abwarten kann bevor er wieder pumpen geht und nach zwei Wochen mit einer Re-Ruptur auftaucht.

Umfangsproblem

Unbeliebt ist der Muskelprotz auch in der Kleiderkammer. Mit seinem Biceps bringt er die Ärmelnähte sämtlicher Scrubs zum Platzen, dafür hängen die kleinsten Hosen schlaff an den zu dünnen Beinen herab. Größenprobleme gibt es auch bezüglich der Krankenhausarchitektur. Die Krankenhaustüren sind ja bei üblichen Chirurgen aufgrund des Egos nicht breit genug, bei den Muskelmännern sind es die Schultern, die zu breit sind für den Bettenaufzug.

Nischenfindung

Bei der wichtigsten Personengruppe eines Krankenhauses ist der Muskelprotz allerdings sehr beliebt: bei den Patienten! Kleine ältere Damen fühlen sich sicher, wenn sie sich in die Obhut eines so starken Mannes begeben dürfen. Kritisch hartgesottene Angehörige, die eine Chirurgin niemals ernstnehmen würden, sind froh, endlich mal mit einem richtigen Arzt reden zu können und die arschgeweihverzierten Unterschichten-TV-Guckerinnen schmelzen bei seinem Anblick nur so dahin. So findet doch jeder in einem Krankenhaus seine Nische!

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