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  • 22.06.2016

Dr. Motz auf Kreuzfahrt (II)

Bei seiner Kreuzfahrt lässt Dr. Motz kein gutes Haar an den Mitreisenden. Da hat er ja im Urlaub fast mehr zu Nörgeln als im Krankenhaus.

Dr. Motz´ Urlaub dauert noch an, und auch wenn es sich objektiv nur um 10 Tage handelt, die er mal außerhalb der Klinik verbringen darf, kommt es dem ewigen Nörgler subjektiv wie eine herrlich gedehnte Zeitspanne vor. Begeistert schaltet er sein Chirurgenhirn vom üblichen Minimalbetrieb auf komplettes Stand-by und widmet sich weiterhin grotesken Beobachtungen an Bord einer schwimmenden Kleinstadt in Form eines Schiffes.

 

Überwachungssystem

Was Dr. Motz an Bord sieht, gefällt ihm nicht. Da plantscht im Pool die Wassergymnastikgruppe unter der Aufsicht eines tunlichst trockene Füße bewahrenden Trainers und es wird auf der 270m Quasi-Tartanbahn sinnlos im Kreis gerannt. Aber vor allem machen ihn die Seetage wahnsinnig, denn es findet ein wahres Kampfcatchen um die beste Sonnenliege statt. Wen wundert es da, dass Prellungen, Distorsionen und Wunden einen nicht unerheblichen Teil des Krankengutes im Bordhospital ausmachen.

Der höchste Pathologiefaktor sind jedoch gastrointestinale und respiratorische Probleme. Im Gespräch mit dem Schiffsarzt erfährt Dr. Motz, dass neben Feuer an Bord, virale Outbreaks die größte Furcht aller Verantwortlichen an Bord sind. Daher werden Passagiere und Crew beim geringsten Symptomverdacht auf eine infektiöse Durchfallerkrankung rigoros isoliert. Bei der Detektion solcher Fälle helfen die als hygienische Spione ausgebildeten Kabinenstewards und ein ausgeklügeltes Kameraüberwachungssystem. Heimlich in eine Ecke kotzen sei auf dem Dampfer schlichtweg nicht möglich. (Hierzu Buchtipp: Passagier 23 von Sebastian Fitzek)

 

After Eight und Atropin

Hat es einen erwischt (bzw. wurde man erwischt), geht es in Einzelhaft. Das bedeutet Isolation in der Kabine bis 24 Stunden nach dem letzten Symptomauftreten. Der kostenbewusste Dr. Motz hat eine im Bauch des Schiffes liegende Innenkabine ohne Tageslicht und Luft gebucht und bekommt nun schon beim Gedanken daran, sich dort mehr als 24 Stunden aufhalten zu müssen Depressionen. Auch der Tipp des Schiffsarztes, er solle bei Gefahr von Seekrankheit Pfefferminz und Schokolade essen, ringt ihm nur ein müdes Lächeln ab. Das Argument, sein Erbrochenes schmecke dann wie After Eight, findet er selbst zum Kotzen.
Da merkt sich Dr. Motz lieber, dass der atropinhaltige Wirkstoff in den Scopolamin Pflastern gegen Seekrankheit zu einer ausgeprägten Mydriasis führen kann. Also nach dem Kleben des Pflasters immer Hände waschen und nicht ans Auge kommen, sonst wird einem noch eine ICB (intracerebrale Blutung) angedichtet

 

3,5 Streifen statt Baumwollsack


An Deck trifft Dr. Motz nicht nur den Kapitän, der Eis essend über sein Schiff patrouliert, sondern auch den zweiten Schiffsarzt, der sich gerade von seinem 24 Stunden Dienst erholt. Die beiden Schiffsarzte und je zwei „Nurses“ wechseln sich Tageweise als Team für die Bordversorgung ab. In Notfällen oder bei Problemen spräche man sich aber ab und ergänze sich gegenseitig, so der Kollege. So eine Schiffsarzt- Uniform mit 3,5 Streifen stünde ihm auch gut, findet Dr. Motz, und denkt mit Schmach an sein one-size-fits-all kratziges Baumwoll- T- Shirt in seiner Heimatklinik.
Doch auch in seiner Freizeit kann der Junior Doc (der andere ist der Senior) es nicht lassen, und widmet sich dermatologischen Studien über Hautkrebs in verschiedenen Wachstumsstadien.

 

Windelträger und UV Anzüge


Der Junior Doc zeigt Dr. Motz seine jüngsten Beobachtungsopfer: An Bord sind viele Kinder und so wie die Eltern eine onkologisch-dermatologische Krankenkarriere anstreben, planen sie das auch für ihren Nachwuchs. Wer schon im Uterus Mozart hören muss und in der Kindergartengruppe Chinesisch paukt, sollte auch als Kleinkind schon an seinem Teint arbeiten. Nur wenige vorbildliche Eltern packen ihre Zwerge in UV- Ganzkörperanzüge oder setzen ihnen Hüte mit Nackenschutz aus.


Übrigens: Bezüglich der Benutzung des Whirlpools weist die Reederei darauf hin, dass Windelträgern der Zutritt nicht gestattet sei – legt sich aber weder auf die Altersgruppe noch Pampers oder Tena fest…

 

Unten in der Hierarchie


Nachdem er sich ausgiebig mit seinen maritimen Kollegen unterhalten hat, überlegt Dr. Motz, ob er nicht auch als Arzt an Bord gehen solle. Doch er findet heraus, dass der Schiffsarzt beim Kapitän und seinen Offizieren nicht unbedingt beliebt ist. Die halten ihn für einen Wichtigmacher, der keine Ahnung von Nautik hat, je nach Vorgeschichte auch gerne mal mit Chefarztallüren aufwartet und es nicht gewohnt ist, Befehle anzunehmen und seinen Platz in der Hierarchiekette des Schiffes einzunehmen. Zudem bereitet ein Schiffsarzt mit seinen medizinischen Wehwehchen nur Ärger, zwingt wegen eines Notfalles das Schiff zur Ausschiffung eines kranken Passagiers, zur Umkehr oder besteht auf das Einholen eines Helikopters.


Dann ist Dr. Motz am Ende der Reise doch wieder froh, wieder an Land zu sein und dort – wenn schon nicht Kapitän – dann wenigstens unangefochtener 1. Offizier zu sein. Auch ohne die blöden goldenen Streifen!

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