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  • 16.05.2013

Dr. Motz arbeitet für Geld

Dr. Motz ist von allen möglichen Medien genervt. Erst ist es die Werbekampagne von den Ärztekammern und dann kommt auch noch Günther Jauch in Spiel. Dabei will Dr. Motz doch nur in Ruhe arbeiten.

 

Die ganze Republik ist gerade tapeziert mit Werbeplakaten, die das Image der Ärzteschaft in der Öffentlichkeit verbessern sollen. "Ich arbeite für Ihr Leben gern", so der Slogan. Weg vom Bild des porschefahrenden, pharmafirmen-urlaubs-gesponserten Gott in Weiß, hin zum altruistischen Mutter-Teresa-Verschnitt.Dr. Motz kriegt Ekelanfälle, wenn ihm von überall ein Empathie geschwängertes, huldvolles Sülzgesicht eines Kollegen entgegenstrahlt.Er findet, das ist genau der falsche Weg. Wer sich dem möglichen Patienten derart präsentiert, kann nur enttäuschen, wenn die Sprechstunde dann in zweieinhalb Minuten routinemäßig abgehandelt wird, der Notdienst Stunden auf sich warten lässt und der Nachtdienst schlafmangelbedingt schlechte Laune verströmt. Schade um seine Kammerbeiträge.

Dr. Motz ist für klare Ansagen. Er arbeitet für Geld und auch nicht gern, sondern weil er halt nix anderes gelernt hat. Und wenn er überhaupt für ein Leben arbeitet, dann dafür, dass seines einigermaßen sorgenfrei und sinnvoll gestaltet werden kann.

Patientenfalle Günther Jauch

Gerade wollte er sich so richtig über diese unsinnige Kampagne auslassen, da kommt Günther Jauch. Der fragt in seiner Sonntagstalkrunde doch glatt: Patientenfall Krankenhaus - unnötige Operationen für satte Gewinne. Da die eingeladenen Gäste trotz der reißerischen Überschrift relativ gesittet miteinander sprechen, versucht Jauch immer wieder Pfeffer ins Feuer zu streuen. Hätte er mal Dr. Motz eingeladen. Der hat nämlich drei wesentliche Argumente vermisst:

1. Die kostenprüfenden Anfragen der AOK

Jaja, die Kassen passen auf, dass die Krankenhäuser nicht falsch abrechnen und die Patienten nicht wegen der Fallpauschale unangemessen entlassen. Also bekommt Dr. Motz jeden Monat einen Stapel Akten mit MdK (Medizinscher Dienst der Krankenkassen)- Anfragen. Doch was muss er da beantworten? Etwa, warum der Patient so früh entlassen wurde? Oder etwa, warum eine Operation durchgeführt wurde? Nein, weit gefehlt: 99% der Beschwerden lauten so:

- Welche Maßnahmen wurden am Aufnahme- oder Entlassungstag durchgeführt und machten eine stationäre Behandlung an diesem Tag notwendig? Heißt übersetzt, warum wurde der Patient nicht früher entlassen …

- Warum konnte die Operation nicht ambulant durchgeführt werden? Die Antwort lautet meistens, weil die alleinlebende grenzdemente Oma mit ihren 87 Jahren nach einer Sprunggelenksoperation nicht in der Lage war, spontan zu ihrer im 5. Stockwerk liegenden Altbauwohnung hochzulaufen. Oder auch, weil die fette Single- Mitdreißigerin nach ihrer Arthroskopie schlicht und einfach zu dumm und zu faul ist, sich von Freunden fahren und betreuen zu lassen. Nee, die beantragt lieber noch ne Haushaltshilfe bei der Kasse.

- Warum war eine straffere Behandlungsführung aus ex-ante Sicht nicht möglich?Ganz einfach, weil Komplikationen nun mal nicht vorhersehbar sind und es auch der beste Arzt nicht verhindern kann, dass der demente Opa mit seinem frisch operierten Radiusbruch den Gips gegen das Bettgitter kloppt und die ganze Osteosynthese wieder auseinander fliegt ….

Nachdem Dr. Motz Stunden an seinem Schreibtisch zugebracht hat, um die Aktenberge abzudiktieren, schafft er es gerade noch kurz vor Feierabend auf Station bei seinen Patienten vorbei zu schauen.

2. Die Zielvereinbarungen der Verwaltung

Natürlich, die Verwaltung will nur eine schwarze Null schreiben und die einzigen die dieses Ziel sabotieren, sind die Ärzte, die in ihren Tarifverhandlungen immer mehr Geld haben wollen. Dabei bekommt Dr. Motz jeden Monat eine Statistik der Abteilungsleistung - hier werden die Fallzahlen und Case Mix Punkte mit denen des entsprechenden Monats des Vorjahres verglichen. Und wehe, wehe, wenn dann drei Patienten weniger behandelt wurden und die auch noch gesünder waren, als die im Vergleichszeitraum. Was aber dann machen? Dr. Motz codierungsbeauftragter Kollege bastelt dann an Haupt- und Nebendiagnosen herum. Und Dr. Motz nimmt sich vor, mit seinem Scooter einfach ein paar mal den Rollatorfahrern vor dem benachbarten Altenheim die Vorfahrt zu nehmen …

3. Die Erwartungshaltung der Patienten

Und damit kommt Dr. Motz zum springenden Punkt der hohen Operationszahlen in Deutschland. Der Patient will operiert werden! Der will keine anstrengende Physiotherapie, der will sich nicht im Alltag einschränken und de will keine ach so bösen Pillen gegen Schmerzen nehmen. Wenn das Knie zwickt, dann muss das repariert werden und zwar jetzt und sofort. Abwarten und heilen lassen ist keine Alternative, denn wir leben in einer Hier- und -Jetzt- und Sofort-Wegwerfgesellschaft und wenn wir kein Geld für das neueste Auto haben, dann kaufen wir es trotzdem, wozu gibt es Kredite und Finanzierungen. Genau das gleiche bei Problemen mit den Bandscheiben, der Hüfte oder den Koronarien (wer verzichtet schon auf fett gebratenes Fleisch, Zigaretten und Alkohol, wenn's ein Stent auch tut?). Also sitzen bei Dr. Motz in der Sprechstunde Patienten, die genau wissen, was sie wollen, nämlich eine OP. Hält Dr. Motz das Risiko für zu hoch oder die OP für nicht indiziert, dann Vorsicht. Erstens verprellt er damit den einweisenden Niedergelassenen - der schickt die Patienten das nächste Mal an ein anderes Krankenhaus. Denn er selbst hat es ja auch satt, den jammernden Patienten ständig in der Praxis zu haben.Zweitens geht der Patient dann eben selbst an ein anderes Krankenhaus. So wie er zu einer anderen Bank geht, wenn die eigene den Kredit verweigert. Irgendeiner sagt schon ja. Und warum? Siehe 2.)…

Dr. Motz hat also gar keine Wahl. Er macht einfach seinen Job.

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