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  • Interview
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  • Irmak Güven
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  • 17.06.2021

Kopftuch, Medizin und Emanzipation – geht das überhaupt?

Diskriminierung und Rassismus gibt es überall, auch im Gesundheitswesen. Gülcan trägt Hijab und erzählt von ihren Erfahrungen während ihrer Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin (OTA) und ihrem anschließenden Medizinstudium. Außerdem gibt sie wichtige Tipps, wie du Diskriminierung entgegentreten kannst.

 

©Gülcan Cetin

 

>Du trägst seit etwa 17 Jahren ein Hijab und bist damit auch ins Berufsleben gestartet. Welche Erfahrungen hast du gemacht?
Dazu gibt’s eine schöne Anekdote. Als ich mich für die OTA-Ausbildung bewerben wollte, habe ich die entsprechende Schule angerufen und gefragt, ob ich mich dort mit einem Kopftuch überhaupt bewerben darf. Meine damalige Lehrerin hat darauf geantwortet, dass mein Aussehen sie nicht interessiere. Hauptsache die Leistung stimme. Sie hat als erstes meiner Leistung eine Chance geben wollen, sodass ich aufgenommen wurde.
Im Laufe meiner Ausbildung haben dann nur die wenigsten mitbekommen, dass ich überhaupt ein Kopftuch trage, weil ich im OP ausgebildet wurde und dort eine Haube getragen habe. Mit einem Oberarzt habe ich mich super verstanden, er hat mich auch sehr gut ausgebildet. Nach einigen Jahren erst hat er mich mit meinem Kopftuch in der Mensa gesehen. Seine Welt ist daraufhin zusammengebrochen. Er hat sein Tablett auf den Tisch fallen lassen und gesagt, dass er enttäuscht sei. „Ich dachte du bist eine schlaue Frau. Ich dachte du bist emanzipiert.“ Das hat mich sehr verletzt. Schließlich kannte er mich und wusste, was für eine Person ich bin.

 

>Hattest du während deiner Ausbildung zur OTA Schwierigkeiten mit deinem Hijab?
Im Rahmen meiner Ausbildung musste ich auch mal auf Station arbeiten. Ich habe mich dort angemeldet, aber es hat sich niemand um mich gekümmert. Also habe ich mich ins Übergabezimmer gesetzt – in blau gekleidet mit Kopftuch. Eine Pflegerin hat mich angeschaut und ihre Kolleginnen laut gefragt, seit wann denn die Putzfrau bei den Übergaben mit am Tisch sitzen würde. Ich habe mich erneut vorgestellt, die Situation erklärt und sie in meiner Schule anrufen und das selbst klären lassen. Meine Lehrerin stand auch dieses Mal hinter mir.
Als „Belohnung“ durfte ich die folgende Woche mit der strengsten Schwester der Station zusammenarbeiten. Am Ende hat sie mich aber gelobt. Ich habe gemerkt, dass die Leute starke Vorurteile haben, aber dich lieben, sobald sie das Arbeitstier in dir sehen. Ich habe das Gefühl, mich 300% mehr anstrengen zu müssen und ich tue es tatsächlich auch: Ich habe beispielsweise oft Überstunden gemacht und sie mir aus Angst negativ aufzufallen nie aufgeschrieben. Teilweise habe ich 80 Stunden in der Woche gearbeitet. Mein Chef wusste schon gar nicht mehr, was er mit meinen Überstunden machen soll. Irgendwann habe ich mir meinen Respekt verdient, aber das hat sehr lange gedauert.

 

>Würdest du das denn heute immer noch so machen?
Ich glaube, ich würde nicht mehr so viel arbeiten. Ich würde arbeiten, wenn ich Lust darauf habe oder das Geld brauche, aber nicht um mich zu beweisen. Das würde ich nicht mehr machen. Wozu denn auch? Dir ist keiner dankbar, wenn du 80 Stunden gearbeitet hast. Keiner kommt und klopft dir auf die Schulter. Das habe ich mir gemerkt. Deswegen bin ich als Studentin auch entspannter als viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen

 

>Mittlerweile studierst du Medizin. Hast du in deiner Position als Medizinstudentin ähnliche Erfahrungen aufgrund deines Hijabs gemacht?
Als Medizinstudentin habe ich zum Beispiel während einer Famulatur ein großes Problem gehabt und das war in der Schweiz. Die Klinik wusste bei meiner Bewerbung, dass ich ein Kopftuch trage und hat mir einen Ersatz angeboten. Ich war überglücklich, weil ich dachte, dass endlich mal ein Haus mitdenken würde. Doch als ich ankam wurde ich enttäuscht. Der vorgesehene Ersatz war lediglich ein Tuch, das aussah wie ein Waschlappen. Es war dreieckig und hatte das Material einer dicken Decke. Es war auch viel zu kurz. Ich glaube, man benutzt es in der Küche. Ich habe erklärt, dass ich es nicht tragen möchte und wollte zunächst auf einer sachlichen Ebene argumentieren: das Tuch war zu dick, die Ohren wurden abgeklemmt, das Material hat gejuckt. Verletzt hat mich insbesondere die Aussage der für mich zuständigen Person vor Ort: Ich müsse es tragen, damit wir alle gleich aussehen. Nach langem Hin und Her bin ich zum Oberarzt gegangen und habe ihn gefragt, ob er ein Problem mit meinem Kopftuch habe. Ich habe ihm erklärt, dass die Personalabteilung mich zwingt, dieses Tuch, statt meinem Kopftuch zu tragen. Außerdem habe Ich ihm erzählt, dass ich in meinem Leben schon viel Diskriminierung erfahren habe und wie traurig es mich macht. Ich bin für diese Famulatur den weiten Weg aus Berlin angereist und das Erste, was gemacht wird, ist mich zu diskriminieren.
Am Ende der Famulatur hat er meinen Fleiß gelobt. Er würde nicht verstehen, warum mein Kopftuch ein Problem sein sollte. Ich glaube, das habe ich nur erreicht, weil man auf die Leute zugehen und ihnen von seinen persönlichen Gefühlen erzählen muss.

 

>Ist das dein Ratschlag für Studis, die aufgrund ihres Hijabs Diskriminierung im Krankenhaus erfahren: dass man persönlich hingehen und von seinen Gefühlen erzählen soll?
Genau. Am besten zu einem Oberarzt oder jemanden in einer höheren Position gehen – manchmal traut man sich nicht direkt zum Chef zu gehen – und zeitnah das Anliegen besprechen. Ich bin schließlich nur hergekommen, um zu lernen. Ich wünsche mir, nicht aufgrund meines Aussehens bewertet zu werden. Ich möchte einfach nur anhand meiner Leistungen bewertet werden.
Ich empfehle daher, das Gespräch zu suchen und möglichst gewaltfreie Kommunikation anzuwenden. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich schnell angegriffen fühlen, wenn man Diskriminierung beim Namen nennt. Deswegen ist es wichtig, sie zunächst zu fragen, ob sie sich überhaupt darüber bewusst sind, dass sie gerade diskriminierend handeln. Ich würde nicht sagen „Sie sind ein Rassist“, sondern darauf hinweisen, dass die Dinge anhand derer sie mich gerade beurteilen, rassistisch und diskriminierend sind. Ich würde den Punkt mit der Diskriminierung also dennoch nennen. Ich würde aber auch meine Gefühle nennen, denn die Leute sollen wissen, dass sie uns damit verletzen.

 

>Du bringst einiges an Krankenhaus-Erfahrung mit. Welche Tipps kannst du Studentinnen mit Hijab in Hinblick auf die Hygienevorschriften geben?
Solche Situationen hatte ich schon damals mit einer Auszubildenden im OP. Ich habe sie gebeten, ihr Kopftuch auszuziehen. Das hat mehrere Gründe. Erstens willst du diese Bakterien nicht an dem Kopftuch haben, mit dem du später wieder nachhause gehst. Zweitens ist es einfach viel zu warm. Drittens und am wichtigsten: wir sind im OP – du musst in erster Linie an die Gesundheit des Patienten denken. Du könntest Keime von draußen über dein Kopftuch reintragen. Wenn vor mir ein Patient mit offenem Abdomen liegt, dann ist das Letzte, was ich ihm wünsche, ein Keim aus irgendeinem Stoff. Private Kleidung, Uhren, Ohrringe – das sind alles Dinge, die man im OP nicht tragen darf.
Ich spreche natürlich nur für mich, vielleicht sehen das andere Frauen anders. Mir ist es egal, ob man unter der OP-Haube ein paar Strähnen sehen kann; für mich liegt der Fokus auf dem Patienten und weniger auf meinem Aussehen. Man kann auch ruhig zwei Hauben übereinander anziehen, damit die Haare besser bedeckt werden. Für mich ist es kein Hindernis, mein Kopftuch gegen eine OP-Haube umzutauschen. Ich finde dem Kopftuch wird sowieso zu viel Bedeutung zugesprochen. Ein Kopftuch ist das geringste Problem im OP. Man sollte sich eher auf den Druck und die Schicksalsschläge einstellen.
Für die Stationsarbeit würde ich empfehlen, sich ein bis zwei Tücher anzulegen, die man nur auf der Arbeit trägt. Du willst schließlich nicht diese ganzen MRSA und 4MRGN-Keime mit nach Hause schleppen. Diese Tücher würde ich dann regelmäßig und gesondert bei 90°C waschen. Schließlich kenne ich keine Studien, die herausgefunden hätten, dass ein Kopftuch auf Station unhygienisch wäre.

 

>Was möchtest du jungen Frauen in der Medizin noch mitgeben?
Mir liegt es sehr am Herzen, Frauen mitzuteilen – vor allem jene, die einen Migrationshintergrund haben – sich von dem Gedanken zu verabschieden, schlechter bewertet zu werden, weil sie „eine Frau sind“ oder „anders“ aussehen. Wenn ich von vornherein sage, dass ich etwas nicht schaffe, wird sich mein Unterbewusstsein darauf einstellen und entsprechend handeln. Das ist der Priming-Effekt. Mir ist es wichtig, dass dieser Effekt nur im positiven Sinne entsteht. Daher appelliere ich dringend, nicht an seinen Fähigkeiten zu zweifeln, sondern an sich selbst zu glauben und seine Ziele als realistisch anzuerkennen. Junge Frauen sollten sich auf sich selbst konzentrieren und nicht mit anderen vergleichen. Findet euren eigenen Rhythmus. Schreibt euch, wenn nötig, eure Ziele auf. Und verliert nicht den Spaß am Studium!

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Einige von euch kennen Gülcan vielleicht aus dem Funk-Format Datteltätter (https://youtu.be/7xSUpGC3FuA). Gülcan hat eine Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin (OTA) gemacht. Mit 27 Jahren entscheidet sie sich dafür, Medizin in Berlin zu studieren. Mittlerweile ist sie im neunten Semester.

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