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  • 08.10.2015

Schwester Elke

Fast jede Klinik hat eine ganz besondere Schwester Elke, meint unser PJler. Und dazu hat er auch seine ganz eigene Theorie.

Der Tag fängt gut an. Nach acht Stunden Schlaf komme ich dementsprechend ausgeruht aus dem Bett heraus. Die Dusche und der frisch gebrühte Kaffee sind derart belebend, dass ich an diesem Morgen nicht mit hängenden Lidern den Berg zum Klinikum hochschlurfe, sondern erhoben und zufrieden hinaufschreite. Ich kann es mir von der Zeit her sogar noch leisten, ein kleines Frühstück zu mir zu nehmen, bevor ich auf Station muss.

Gestärkt und mit viel Optimismus in der Seele, laufe ich über den langen Stationsgang, an dessen Ende sich die Tür zur Intensivstation befindet. Der Türcode ist immer sehr, hmmm, sagen wir mal „Morgenlaune-freundlich“. Eine effektive Kombination, die jeden Einbrecher – was auch immer er auf einer ITS hoffte zu finden – aufhalten würde, weil er paralytisch vor Lachen vor der Tür liegen bleiben würde.

Zur Tür hinein und den Rucksack im Ärztezimmer abgelegt, drucke ich mir gerade eine Übergabeliste aus, als ich ein ungewohntes Geräusch höre: ein Schriller Alarmton eines Telefons begleitet vom grell aufblitzenden Licht im gesamten Flur. Es ist das Notruftelefon.
Im Flur sind die schnellen Schritte einer laufenden Pflegerin zu hören. Zehn Sekunden später füllt ihre laute, ebenfalls grelle Stimme den gesamten Flur: „Notfall auf der Pulmologie!“ Nun höre ich mehr Schuhpaare trappeln und ich setzte mich selbst in Bewegung.


Pulmologie, die war im selben Trakt ein Stockwerk unter uns, damit der Weg für den Astrup kurz war, ebenso wie der Weg zur Raucherecke. Wenn manch einer zur Blutgasanalyse zu uns hochgelaufen kam, hätte man ihn direkt neben dem Gerät festpinnen sollen. Das Treppenhaus erlaubte einem übrigens das Umgehen der absolut standhaften, einbruchsicheren Eingangstür der Intensivstation, sowohl von oben als auch unten.

Jedenfalls sehe ich schon einen Assistenzarzt und zwei Pfleger in Richtung besagtem Treppenhaus laufen und die zweite Assistentin, Frau Dr. Wischler, ist gerade auf meiner Höhe des Flures mit dem Defibrillator in den Händen, als ich loslaufe. Da Chevalierie nicht auch noch sterben soll, biete ich im Lauf an, ihr den Defi abzunehmen. Sie gibt ihn mir und hinter einem dritten Pfleger kommen wir ins Treppenhaus.

Plötzlich zieht es mir unter den Füßen den Boden weg. Mein Körper bleibt auf der Stelle und meine Beine schnellen vor mir nach oben. Wie in einer Hausaufgabe für Geometrie: „Drehe den Studenten um 90° gegen den Uhrzeigersinn!“ Als ich mit einem Klatsch auf dem Boden aufkomme und mir der Defibrillator auf die Oberschenkel knallt, bemerke ich erst, dass meine linke Körperhälfte nach oben hängt. Nein, es ist doch kein katatonischer Anfall, sondern tatsächlich nur mein Kittel, der sich mit seiner Tasche im Türgriff zum Treppenhaus verhakt hat. Da hing ich nun und die Assistentin nimmt mir den Defi wieder ab und läuft mit einem riesigen Grinsen im Gesicht weiter die Treppe hinunter.

Mit einem schnellen „RATSCH“ (und ich könnte fast schwören, mit einem unglaublich maskulinen Schrei) befreie ich mich heroisch von der Tür und verbringe die nächste Minute damit, meine herausfallenden Compact-Karten, Bücher und Zettel in allen Richtungen um mich herum aufzufangen und aufzuheben. Gravity is a bitch.

Meine rechte Kitteltasche ist nun grotesk überfüllt, ich sehe keinen Grund mehr zur Eile und schlurfe alleine die Treppe zur Pulmologie hinunter. Dort erkenne ich den Ort des Unfalls sofort an der Schlange, die sich aus dem Zimmer heraus gebildet hat und braver Bürger der ich bin, stelle ich mich hinten an. Es war kein richtiger Notfall gewesen und alles was zu machen wäre, ist bereits geschehen. Der Patient liegt aufgebracht schnaufend und klagend im Bett und wir bereiten ihn zur Verlegung auf Intensiv vor, zur Überwachung, damit alle beruhigt sind. So richtig intensivpflichtig ist er nicht, aber wir haben Kapazitäten und geben zugunsten des interpersonellen Friedens nach.

Ich kenne ihn, er ist ein Patient, der bereits an der Grenze zu seinem zweiten Lebensjahrhundert kratzt, dafür noch recht jung und fit aussieht und merklich nicht damit zurechtkommt, dass solch ein Alter unabhängig vom Trainingszustand auch gewisse körperliche Einschränkungen mit sich bringt. Er war mir auf der Kardiologie bereits begegnet, von wo wir ihn auf die Gastroenterologie geschickt hatten und nun sehe ich ihn hier wieder. Zu allem Übel war er früher selbst Internist gewesen und war nun der festen Überzeugung, dass irgendetwas in seinem Körper zugange war und an ihm zehrte.

Wieder auf Intensivstation, bereitet Dr. Wischler die Aufnahme des Patienten vor, als die Schwester mit der grellen Stimme hereinkommt, Schwester Elke. Wir sind soweit fertig und wollen ihr den Patienten zur pflegerischen Aufnahme überlassen, als Dr. Wischler zu mir meint: „Du hast nun doch schon einige Arterien gelegt. Der Patient ist hämodynamisch auch nicht ganz sauber, ich würde ihn gerne monitoren. Übernimmst du das?“ Ich freut mich, denn hier hatte man mir das legen von Arterien beigebracht und mich auch mal merken lassen, dass man meine Arbeit zu schätzen weiß. Doch bevor ich antworten kann fährt Schwester Elke dazwischen: „Eine Arterie?! Neeee! Neee! Och neeeee! Die brauchen wir doch nicht! Dann muss ich ja alles fertig machen und hinterher drauf aufpassen und so weiter! Und vom Studenten legen lassen geht ja mal gar nicht. Die brauchen wir nicht!“ Dr. Wischler verzieht genervt ihr Gesicht und rollt mir gegenüber die Augen. Doch auf die unzähligen hysterischen „Neeee! Och Neeee!“ von Schwester Elke gibt sie schließlich klein bei, lässt von der Arterie ab und geht aus dem Zimmer.

Da ich Schwester Elke zuvor tatsächlich noch nicht auf Station getroffen hatte, will ich mich noch eben bei ihr vorstellen, obwohl ich vom ersten Eindruck schon genervt von ihr bin. Es gibt aber eben Dinge, die sich so gehören. Ich strecke die Hand aus und stelle mich mit meinem Vornamen vor, so wie mich alle anderen auf den Stationen zuvor auch angesprochen hatten. Ihre Antwort darauf ist nur ein schnippisches „nein, so heißt du nicht“, was mich von einer kurzen Existenzkrise des „Wer bin ich?“ dann wieder zu einer Ernüchterung bringt. Mir war nicht ganz klar, wieso mich so eine Antwort von einer derartigen Person so überrascht. „Entschuldige, aber doch, so heiße ich.“ „Nein, tust du nicht!“, antwortet sie frech, „zumindest nicht für mich. Für mich bist du...“, sie kommt näher und schielt auf mein Namensschild.

Spätestens jetzt ziehe ich meine Hand wieder zurück, denn Höflichkeit hat hier keinen Platz mehr. Zugleich muss ich innerlich lachen, denn mein Nachname ist keiner, den sich Leute mal einfach so merken. Alleine telefonisch habe ich schon die wildesten abstrakten Abwandlungen davon erlebt, da er nicht deutschen Ursprungs ist und auch keinem Wortstamm so richtig zuzuordnen ist. Soll sie sich ruhig damit abstrampeln. Es ist mir egal, die wesentlich leichtere Alternative, meinen Vornamen, hat sie sich verspielt. „Und für SIE bin ich bitte Frau Schlot! Ich möchte das so!“, fügt sie noch hinzu.

Damit sind für mich die Segel der Sympathie gestrichen. Während ich noch die letzten Aufnahmewerte vom Monitor in die Kurve niederkritzle, höre ich Schwester Elke mit einem Ohr zu, wie sie sich bei sich selbst beklagt, wie viel sie doch arbeiten muss und dass sie ja sowieso hier so viel arbeite und so weiter und so fort. Das ist mir ziemlich egal, ich gehe in Richtung Tür und drehe mich noch einmal um. Mir fällt gerade ein, was der Patient mir gesagt hatte, bevor mich diese unsympathische Vorstellung so aus dem Konzept gebracht hat. „Frau Schlot, der Patient hatte eben gesagt, dass er dringenden Stuhldrang habe. Seien Sie doch so freundlich und setzen Sie ihn auf den Toilettenstuhl. Das sollte ich Ihnen noch ausrichten.“ Mit diesen Worten verlasse ich das Zimmer.

Ja, dieser Name hat für mich etwas magisches immer wiederkehrendes: Elke. Ich habe in den Jahren meines Studiums einige Schwestern kennen- und auch sehr zu wertschätzen gelernt. Es war aber mit verblüffender Häufigkeit oft auch eine Elke dabei, die unter den Schwestern die Kratzbürste war. Dies fiel mir in der Vergangenheit schon so oft auf, dass ich schon eine Theorie dazu hatte. In dieser Theorie, stellte ich mir am Ende der Ausbildung von examinierten Gesundheits- und Krankenpflegern eine Zeremonie vor, wie man sie aus kitschigen amerikanischen Filmen kennt. In dieser Zeremonie sitzen die stolzen Eltern der Examinierten im Publikum und die nun frisch gebackenen Pfleger ganz vorne mit schwarzen Gelehrtenhüten und Gewändern. Im Laufe dieser Zeremonie werden die Examensurkunden vergeben und zuletzt die besonderen Ehren des Jahrgangs verliehen. Zu diesen besonderen Ehren gehören die besten Noten, der ehrenamtliche Einsatz, vielerlei andere Dinge – aber auch die Auszeichnung der härtesten Kratzbürste. Diese Kratzbürste würde nach vorne aufgerufen werden und mit feierlichem Schwur würde ihr urkundlich der Titel „Schwester Elke“ verliehen. Egal, ob sie vorher Katharina, Frederike oder Jan hieß, sie war fortan bekannt als Schwester Elke. An der Theorie mit dem Titel der „Schwester Stefanie“ für die freundlichste und liebste Pflegerin bin ich ebenso am arbeiten ... Zwei wilde Theorien, die oftmals reproduzierbar erscheinen.

Im Laufe des Vormittags höre ich aus dem Stationszimmer noch mehrmals die grelle Stimme von Schwester Elke. Einmal stehe ich im Nebenraum, als sie von ihrer dramatischen Notfallrettung am Anfang des Morgens erzählt. „Drei Weißkittel standen im Zimmer und keiner hat was gemacht! Die wussten gar nicht, was sie machen sollten.“ Dass sich Schwester Elke nie die Frage gestellt hatte, ob man bei einem atmenden Patienten, der bei Bewusstsein war, etwas machen müsste, wunderte mich gar nicht. Beeindruckend, wie einem eine einzige Person so die Laune vermiesen kann.

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