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  • Melanie Poloczek
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  • 06.09.2021

Der ultimative Famulatur-Guide

Blutabnehmen, Hakenhalten, Nieren schallen – Famulaturen sind das Tor zu Klinik. Wie du deine vier Monate Famulatur am besten nutzt, um viel zu lernen und möglichst wenig rumzusitzen, erfährst du hier.

 

Regelungen und Bewerbung


Vor der Bewerbung um einen Famulaturplatz solltest du dich über die Vorgaben deines Prüfungsamtes informieren. Auswahlmöglichkeiten und Mindestdauer der Famulatur können sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Meist darf eine Famulatur nicht am Wochenende beginnen und eine Famulatur beim Hausarzt ist verpflichtend. Die anderen Fachbereiche kannst du in der Regel frei wählen, dabei müssen gewisse Teile im Krankenhaus sowie in Ambulanzen oder Praxen absolviert werden.

Manchmal lohnt es sich in Fächer reinzuschnuppern, die für die eigene Zukunft bisher nicht in Frage kamen. Durch die Famulatur hast du auch die Möglichkeit, Einblicke in Fachrichtungen zu gewinnen, die an der Uni zu kurz kommen. Das sind vor allem kleine oder spezielle Fächer wie die Rechtsmedizin oder die Plastische Chirurgie. Bei Fächern ohne direkten Patientenkontakt (zum Beispiel Pathologie) solltest du vorher abklären, ob sie dir als Famulatur angerechnet werden können.
Ebenso bieten sich Famulaturen in den großen Fächern an, zum Beispiel in der Inneren Medizin. Hier begegnest du den häufigsten Krankheitsbildern und frischst medizinische Grundlagen auf, denn nicht nur Internisten sollten sich mit Diabetes und Bluthochdruck auskennen.  Selbst, wer schon ein Fach favorisiert und am liebsten nicht mehr nach links und rechts schauen möchte, kann sein Interesse durch unterschiedliche Famulaturen bedienen: In der Gynäkologie etwa kannst du nicht nur im Krankenhaus famulieren, sondern auch beim Niedergelassenen, im Kinderwunschzentrum, im ambulanten OP-Zentrum oder in einer Spezialpraxis für Endokrinologie oder Pränataldiagnostik.  

Sobald du dich für einen Fachbereich entschieden hast, kannst du anhand von Erfahrungsberichten ein Krankenhaus an deinem Wunschort auswählen. Die meisten Medizinstudierenden nutzen dafür die Website Famulatur-Ranking.de. So kannst du Kliniken ausschließen, die ihren Famulanten keine Dienstkleidung oder Verpflegung zur Verfügung stellen, oder die für ein schlechtes Arbeitsklima oder fehlendes Interesse an Studierenden verrufen sind – leider keine Seltenheit.
Je nach Klinik, Fachgebiet und Bewerbungszeitpunkt kann es sein, dass für deinen Wunschzeitraum keine Plätze mehr verfügbar sind. Plane deshalb vor allem spezielle Famulaturen so früh wie möglich, am besten, sobald die Prüfungstermine veröffentlicht wurden. Falls du deine Famulatur in einer ländlichen Region absolvierst, kannst du dich (ausreichend vorher) zusätzlich nach Stipendien erkundigen. Einige Regionen unterstützen Medizinstudierende für eine vierwöchige Famulatur mit mehreren hundert Euro.

Die Bewerbung selbst ist im Regelfall mit wenig Aufwand verbunden. Ich habe meist einen kurzen Dreizeiler an das zugehörige Sekretariat geschrieben, in dem ich meinen Wunschzeitraum genannt habe (begleitet von „für alternative Zeiträume im Monat XYZ bin ich offen“). Der E-Mail habe ich immer einen Lebenslauf und eine Studienbescheinigung angehängt. Solltest du keine Antwort erhalten, kannst du nach ein bis zwei Wochen telefonisch nachfragen.

 

Vorbereitung


Die Notwendigkeit und die Möglichkeit, sich auf eine Famulatur vorzubereiten, sind eher gering. Prüfungswissen und Krankenhausalltag korrelieren selten miteinander, es bringt also wenig, vorher ein Lehrbuch zu durchforsten. Oft folgen Klausuren und Famulaturen direkt aufeinander. Wer hat da schon Lust, direkt nach der Prüfungsphase wieder ein Lehrbuch aufzuschlagen?

Viel sinnvoller ist es, während der Famulatur die eigenen Wissenslücken zu identifizieren. Das können zum Beispiel Erkrankungen oder Medikamente sein, die du während der Visite aufschnappst, aber selbst nicht mehr parat hast. Wer nach Feierabend noch die Motivation findet, kann dann die Differentialdiagnosen von Blut im Stuhl oder die Einteilung der akuten Niereninsuffizienz nachschlagen. Falls dieses Wissen mit Sicherheit wieder benötigt wird, bietet sich ein kleines Notizbuch für die Kitteltasche an, das sich nach und nach mit den Gedächtnisstützen füllt.

Wer trotzdem nicht unvorbereitet loslegen möchte, kann sich noch einmal ganz allgemeine Grundlagen und Skills vor Augen führen. In der Notaufnahme zum Beispiel sind Anamnese-Schemata wie SAMPLER oder der Ablauf der allgemein-körperlichen Untersuchung von Nutzen. Wer seine erste Famulatur absolviert oder noch ungeübt ist, kann YouTube-Videos nutzen, um die Schritte des Blutabnehmens oder Zuganglegens zu wiederholen. Aber auch hier gilt „Learning by doing“ – jeder hat anfangs den Stauschlauch zu spät gelöst und die Viggo nicht zeitig abgedrückt, bis Blutabnehmen spätestens bei der letzten Famulatur ein Kinderspiel sein wird.  

Ich empfehle auch jedem, sich vorher zu überlegen: Was ist mein Ziel? Was will ich während der Famulatur (gerade in dieser Abteilung) lernen? Interessieren mich bestimme Eingriffe? Will ich Blutabnahmen üben, Anamnesen, die körperliche Untersuchung? Manchmal fragen Assistenz- oder Oberärzten zu Beginn, was du in den zwei bzw. vier Wochen gerne sehen würdest. Die Antwort „Ach, eigentlich nichts Bestimmtes“ ist eine schwache Auskunft – schließlich hast du dir die Abteilung freiwillig ausgesucht, und Planlosigkeit erhöht die Gefahr, sich irgendwann gelangweilt im Arztzimmer sitzend wiederzufinden.

 

Der erste Tag


Mit dem Stethoskop im Gepäck machst du dich frühmorgens auf den Weg zum neuen Arbeitsplatz, vielleicht begleitet von Aufregung, Sorgen oder kleinen Ängsten – das ist ganz normal. Die vielen Praktika im Medizinstudium sind anstrengend: Ständig müssen wir uns in ein neues Umfeld mit unbekannten Hierarchien begeben. Die meisten arbeiten seit Jahren in genau dieser Klinik, während du am ersten Tag in die Frühbesprechung hereinplatzt und danach verzweifelt die Kleiderausgabe im Keller suchst.

Eine Famulatur dauert maximal 30 Tage, für einige Kollegen Grund genug, sich deinen Namen nicht zu merken oder ganz über dich hinwegzusehen. Trotzdem, sei optimistisch und schaffe die besten Voraussetzungen. Das beginnt damit, sich anfangs jedem vorzustellen, notfalls mehrmals. Wie du das machst, ist egal. Vielleicht hast du Glück und wirst in großer Runde vorgestellt, vielleicht traust du dich, vor versammelter Mannschaft selbst das Wort zu ergreifen, vielleicht stellst du dich bei Gelegenheit lieber jedem einzeln vor. Die Hauptsache ist, dass du dich nicht selbst ins Aus schießt – die Frage „Und wer sind eigentlich Sie?“ kann ziemlich unangenehm sein.

 

Bring dich ein


In den meisten Abteilungen und Praxen gibt es einen groben Tagesablauf. Morgens stehen Blutabnahmen und Visiten an, in den Ambulanzen kannst du vor- und nachmittags die Sprechstunden begleiten, du kannst dich nach dem OP-Plan richten und wirst mit Sicherheit fürs Erheben von Anamnesen eingesetzt.
Trotzdem kann ich nicht zählen, wie viele Stunden ich schon unnütz in Arztzimmern rumsaß, weil es wirklich nichts zu tun gab, nur noch Briefe geschrieben wurden oder zu viele Praktikanten gleichzeitig da waren. Die Chancen, um 11 Uhr vormittags in den Feierabend entlassen zu werden, sind äußert gering. Daher ein paar Vorschläge, wie du die Famulaturzeit aktiv füllen und dabei etwas lernen kannst.

„Einen einzigen Patienten zu begleiten bringt mehr, als zehn Patienten gleichzeitig zu betreuen“, sagte mal ein Oberarzt. Frage am besten einen Assistenten, ob er dir einen geeigneten Patienten zuweisen kann – so ein Patient ist im besten Fall kein unbeschriebenes Blatt, hat aber auch nicht zwanzig Vorerkrankungen. Du kannst dich dann in die Krankengeschichte einlesen, die Anamnese und die körperliche Untersuchung am Patienten wiederholen und in den nächsten Tagen die Prozeduren begleiten, etwa im OP, in der Endoskopie oder im Herzkatheterlabor. Zusammen mit dem Assistenten könnt ihr den Fall und das weitere Vorgehen durchsprechen, wahrscheinlich darfst du den Patienten auch bei der Visite vorstellen. Einen Fall kurz und präzise vorzustellen ist gar nicht so leicht, nutze also diese Übungsmöglichkeit. Vielleicht darfst du auch Teile des Arztbriefes schreiben, schließlich wirst du die Patientengeschichte besser kennen als jeder andere.

Bevor du und die vier anderen Famulanten in der Abteilung euch die Beine in den Bauch steht, kannst du notfalls auch in andere Fachgebiete reinschnuppern. Der OP-Saal nebenan ist vielleicht nicht ganz so überlaufen, vielleicht darfst du auch mal einen Radiologen beim Befunden begleiten oder einen Nachmittag in der Notaufnahme verbringen. Sprich dich mit deinen Betreuern ab und lass am besten in der Alternativabteilung anrufen – Die Frage, „ob noch ein Famulant bei euch zuschauen darf“, wird selten verneint.

Empfehlenswert ist auch die Teilnahme an PJ-Seminaren und oder Assistenten-Fortbildungen. Diese Veranstaltungen finden nicht in allen Häusern regelmäßig statt, halte dich diesbezüglich an die PJler. Diese Seminare sind oft lehrreich und nicht selten geht es direkt danach zum Mittagessen ;-).   

 

Wenn alles schief läuft


Jede Famulatur hat auch schlechte Tage. Im OP umkippen, keine Vene treffen, blöde Sprüche ernten – in den seltensten Fällen ziehen sich diese Tage durch die ganze Famulatur. Vier Wochen können lang sein, aber gehen vorüber. Im Notfall kannst du versuchen, die Abteilung im Krankenhaus zu wechseln und dir die bereits abgeleisteten Tage vielleicht dorthin „übertragen“ lassen. Famulaturerfahrungen sind sehr von den Betreuern abhängig, im Zweifel kann man sich nur vornehmen, später besser mit den eigenen Praktikanten umzugehen.

Mit jeder weiteren Famulatur wirst du auch merken, dass sich vieles wiederholt. Im letzten Semester macht es keinen Spaß mehr, jeden Morgen die 20 Blutabnahmen der ganzen Station zu übernehmen, weil der Lerneffekt gleich Null ist. Aber das bedeutet auch, dass du für den nächsten Schritt bereit bist: Nach den Famulaturen folgt ganz bald schon das PJ.

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