Zurück zu Pädiatrie
  • Artikel
  • |
  • Katharina Brenner
  • |
  • 26.05.2014

Die Genese des Stotterns

Wie kommt es dazu, dass ein Kind stottert? Welche Therapien gibt es dafür? Wie sind die Chancen auf „Heilung“? Und kann Stottern vielleicht sogar im vornherein verhindert werden? Katharina Brenner beantwortet hier alle wichtigen Fragen zum Stottern.

Wie kommt es dazu, dass ein Kind stottert?

 

Foto: PhotoDisc

Versetzen wir uns in die Rolle eines stotternden Kindes. Du willst deinem besten Freund etwas sagen, doch es gelingt nicht, wie du es gerne magst. Es beginnt schon bei dem ersten Buchstabe des ersten Wortes, das du vorhast auszusprechen. Dabei ergibt sich, wenn wir einen physiologisch wohlsprechenden Menschen beobachten, eine Verschluss-Stelle des Mundkanals. Bei dir ist es jedoch anders. Du versuchst zu artikulieren, anstatt aber nur den Vokal ohne Verzug folgen zu lassen, presst du die Lippen oder Zunge und Zähne, Zunge und Gaumen fester zusammen als nötig, der explosive Durchbruch der Luft kommt nicht zu Stande, denn dieser teilt sich den übrigen Gesichtsmuskeln und der Glottis, ja den Halsmuskeln der krampfhafte Zustand der Artikulations-Muskulatur mit. Gestikulierende Bewegungen kommen hinzu, der Bauch wird zusammengepresst, der Kopf nach hinten geworfen, der Kehlkopf gewaltsam in die Höhe gezogen, du kommst schließlich in eine furchtbare Aufregung, dein Herz klopft stark, dein Kopf wird rot und blau, Schweiß bricht aus, du kannst den Eindruck eines Maniacus, also den Gott der Getriebenen, machen.

Typische Kernsymptome des Stotterns sind Wiederholungen von Lauten (d-d-dort), Silben (ge-ge-gehen) und Wörtern (und und und), Dehnungen von Lauten (ddddort) und Blockierungen der Artikulation, Atmung und Stimmgebung („Herauspressen“ der Stimme). Häufig lassen sich Begleitsymptome auf sprachlicher, nichtsprachlicher und psychischer Ebene feststellen. Zu den sprachlichen Symptomen zählen Füllwörter (z.B. ähm, also, äh), sogenannte „Starter“ (flüssig gesprochene Silben, Wörter, Redewendungen, die als Starthilfe dienen, z.B. „Also…“, „Ich denke…“, erhöhtes Sprechtempo, Vermeiden und Austauschen von Wörtern (z.B. Vanilleeis statt Karamelleis), Satzabbrüche und Umschreibungen. Nichtsprachlich sind hingegen Mitbewegungen der Extremitäten, veränderte Mimik und Gestik (Abbruch des Blickkontakts, Blinzeln, Aufreißen des Mundes), Atem- und Stimmveränderungen sowie vegetative Reaktionen wie Herzrasen und Schwitzen. Analysieren wir die Psyche, fällt oft eine hoher Leidensdruck, Sprachangst, Vermeiden von bestimmten Situationen, sozialen Einschränkungen sowie die Soziophobie bei bis zu 50% der Stotternden auf. „Wichtig: Traumatische Erlebnisse, Unfälle, besondere Ereignisse, das Vorliegen von Sprachentwicklungsstörungen usw. sind nie die Ursache des Stotterns, können aber dazu beitragen, es auszulösen.“ (Kasseler Stottertherapie).

 

„Die Genese des Stotterns“:

Stottern ist und bleibt eine Redeflussstörung, von der das gesamte Kommunikationsverhalten betroffen ist, die aber dank der Vielzahl an Therapiemöglichkeiten für einen Laien kaum zu erkennen ist. Es gibt so perfekt trainierte schwer stotternde Personen, denen man nicht anmerkt, dass sie Stotterer sind. Und warum? – Weil es „Werkzeuge“ gibt, die ihnen helfen, zum Beispiel Intensivkurse wie „Stärker als Stottern“, die „Kasseler Stottertherapie“ mit einem Ampelkonzept, Vermeidungstechniken oder individuelle Ziele generell. Stotterer, die wissen, wann sie ins Stottern geraten, können zum Beispiel erlernen, die Wörter, die bei ihnen das Stottern auslösen, zu vermeiden und geschickt Umschreibungen oder Synonyme zu verwenden. Dies erfordert ein langes, konsequentes Training und das Know-How, wann es Sinn macht, diese Technik anzuwenden. Hierfür ist die individuelle Beratung einer Logopädin definitiv empfehlenswert. Jeder Klient ist ein individueller Fall, daher können die hier vorgestellten Ideen nicht auf jeden Menschen passen. Ein ausführliches Anamnesegespräch, gegebenenfalls mit Elternberatung, sowie eine zielorientierte Diagnostik sollten immer durchgeführt werden. Liegt der Verdacht des Stotterns sehr nahe, kann mit verschiedenen Testverfahren und Transkriptionen, also einem Vorlesen eines Textes oder einer Tonaufzeichnung der Spontansprache der IST-Zustand erhoben werden. Am Ende werden die „flüssigen“ und „unflüssigen“ Silben gezählt und mit einem Auswertungsblatt, dem sogenannten „SSI-3“ ermittelt. Die Abkürzung SSI-3 steht für „Stuttering Severity Instrument 3“ und hilft dem Therapeuten, den Schweregrad des Stotterns zu ermitteln und ermöglicht eine qualitative und quantitative Erfassung. Der SSI besteht aus vier Teilen. Der erste Teil ist die Häufigkeit der Symptomatik. Hierbei wird zwischen Nichtlesern (Erhebung der Spontansprache) und Lesern (Erhebung der Spontansprache und des Lesens) differenziert. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der durchschnittlichen Dauer der drei längsten Stotterereignisse auf Zehntelsekunden gerundet. Der dritte Teil fragt nach motorischen Begleitverhalten. Dies können zum Beispiel auffällige Geräusche wie lautes Atmen, Pfeifen, Schlucken, Schnüffeln oder Klicklaute sein. Auch Grimassieren wird abgefragt. Hat der Klient eine angespannte Kiefermuskulatur, reißt er seinen Kiefer auf, streckt er beim Sprechen seine Zunge heraus oder presst er seine Lippen aufeinander? Sind Kopfbewegungen wie zum Beispiel der Blick nach vorne, unten, zur Seite oder ein ständiges Umherschauen zu erkennen? Bewegt der Klient seine Arme oder Hände beim Artikulieren? Schaukelt er auf seinem Stuhl herum? Diese Phänomene sind in einer Punkteskala zwischen 0 (=nicht vorhandenes Begleitverhalten) und 5 (=wirkt angestrengt und schmerzhaft) einzustufen. Im letzten Teil addiert man die Punktwerte aus den Teilen 1-3 und erhält eine Summe, die man in der passenden Normentabelle abgleicht. Es gibt Tabellen für Vorschulkinder, Schulkinder oder Erwachsene. Neben einer Spalte mit den Punktwerten, sieht man eine weitere Angabe, die sogenannten „Perzentile“ und den dazugehörigen Schweregrad. Transkribiere ich zum Beispiel die Spontansprache eines 20-jährigen Klienten, zähle ich die flüssigen und unflüssigen Silben (Stotterhäufigkeit), notiere, ob es zum Beispiel eine Dehnung, einen Block oder eine Wiederholung einer unflüssigen Silbe gab (Primärsymptome) und ergänze die inneren Symptome. Nachdem ich die unflüssigen Silben addiert habe, multipliziere ich diese mit 100 und teile das Ergebnis mit der gesamten Anzahl der Silben (flüssig und unflüssig). Dank des Dreisatzes erhalten wir ein Ergebnis, das wir in den Normentabellen nachsehen und so den Schweregrad einstufen können.

 

Kasseler Stottertherapie:

Diese Therapie wird in Bad Emstal angeboten und soll helfen, flüssiger zu sprechen und damit freier zu leben. Laut Dr. Alexander Wolff von Gudenberg seien ca. 800.000 Menschen in Deutschland vom Stottern betroffen. Die Therapie wird für verschiedene Altersgruppen angeboten (Kinder 6-9 Jahre, Kinder 9-12 Jahre und Jugendliche/Erwachsene ab 13 Jahren). Diese Therapie orientiert sich an dem sog. „Fluency Shaping“-Verfahren und ist stufenweise aufgebaut (von leichten bis schweren Sprachanforderungen). Elternarbeit ist Teil der Therapie. Für mehr Informationen: http://www.kasseler-stottertherapie.de/

 

Ursache des Stotterns:

Zum einen gibt es neurologische und zum anderen genetische Faktoren. Stotternde zeigen im Vergleich zu Normalsprechern anatomische Veränderungen im Gehirn, die mit veränderten Hirnaktivitäten einhergehen. Man geht laut wissenschaftlichen Studien davon aus, dass Stotternde eine erhöhte Aktivität der rechten Gehirnhälfte haben. Bei Sprechunflüssigkeiten geht man davon aus, dass Stotternde diese mit der rechten Gehirnhälfte kompensieren. Außerdem hat man in den letzten Jahren genetische Veränderungen der Chromosomen nachweisen können. Stottern tritt daher oftmals familiär gehäuft auf. Das bedeutet, dass zwar eine genetische Disposition existiert, das Stottern aber deshalb nicht zwangsläufig vorkommen muss.

 

Kann Stottern im vornherein verhindert werden?

„Verhindert“ werden kann Stottern nicht, aber es kann „frühzeitig gehandelt“ werden. Je früher, desto besser, da dann der Therapieerfolg erhöht ist. Es ist wichtig, bei der Stottertherapie nicht nur den Klienten selbst, sondern auch – besonders bei Kindern – die Eltern, also das familiäre und freundschaftliche Umfeld, einzubeziehen. Es sollte deutlich gemacht werden, dass „Stottern“ kein Tabu-Thema ist und das Stottern als Teil des Menschen akzeptiert werden muss. Oft verspüren die Betroffenen eine starke Erleichterung, wenn das Thema (zusammen mit den Eltern) wirklich in der Therapie thematisiert wird. Oft ist den Betroffenen schon allein dadurch geholfen. Meistens sind die Eltern sehr fürsorglich, sie wollen das Beste für ihr Kind und wünschen sich schnelle Fortschritte. Aber genau in dieser Therapie spielt Geduld eine große Rolle. Den Betroffenen muss der Druck genommen werden, denn unter Druck wird das Sprechen oft erschwert und es kommt zu emotionalen und verbalen Blockaden. Auch die sogenannten „turn-takings“ – also der Sprecherwechsel zwischen Eltern und Kind oder Kind und Geschwistern – ist sehr wichtig. Nur weil ein Kind stottert, darf man es nicht im Gespräch unterdrücken, nur weil man es vielleicht nervig findet und es zu lange dauert beim Reden. Genau dies wird auch gelehrt konsequent einzuhalten. Jeder sollte einen Redeanteil, beziehungsweise. eine Redemöglichkeit und ein offenes Ohr bekommen. Es ist schließlich das Recht eines Menschen zu kommunizieren.

 

Mehr zum Thema

Test: Teste dein Wissen

Klinikgeschichten: Worst-Case-Szenario: Vom Virusinfekt zum Kompartmentsyndrom

Bericht: Umgang mit schwer kranken Kindern

Schlagworte