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  • Dr. med. Horst Gross
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  • 05.12.2014

Ach, lass ihn doch schlafen - Umgang mit Alkoholvergifteten

Preisfrage: Ist eine Vergiftung mit einem Lösungsmittel, das in höheren Dosen eine Atem­depression auslöst, ein Notfall? Na klar! Und wenn es sich bei dem „Lösungsmittel“ um Trink­alkohol handelt? Dann werden oft aus unerfindlichen Gründen andere Maßstäbe angelegt. Wir erklären, auf was du bei der Basisversorgung von „Alkoholleichen“ achten musst.

 

 

Auch wenn es zunächst harmlos wirkt: Eine schwere Alkoholvergiftung ist potentiell lebensbedrohlich! 

Foto: Fotolia

 

"Ach was, der ist doch nur blau“, meint BWL-Student Pit zu seiner Freundin Antje. Die feuchtfröhliche Semester­abschlussfeier des ASTA war ein voller Erfolg. Zum Schluss hatten die feierlaunigen Studentenvertreter den Tequila ­sogar umsonst spendiert. Ihr Kommilitone Karsten hatte in kurzer Zeit wohl zehn Drinks abgestaubt. Starke Aktion! Aber dann bekam er Probleme mit der Erdanziehungskraft – und machte es sich im Gebüsch „bequem“.

 

Antje versucht ihn wachzurütteln, aber er gibt nur ein paar Urlaute von sich. Pit hat selbst schon leichte Schlagseite und will sich seine prächtige Stimmung nicht verderben lassen. „Das hat er jetzt davon“, murmelt er und drängt seine Freundin Richtung Nachtbus. Sie wirft nochmals einen Blick zurück. Ist es wirklich in Ordnung, Karsten so liegen zu lassen? Aber schließlich verdrängt sie den Gedanken. Die Nacht ist lau, das Gras ist weich. Was soll ihm da schon passieren?

 

 

Narkose ohne Schutz-Intubation und Monitoring

Das typische Schicksal eines Alkoholopfers: Die meist auch nicht mehr ganz nüchternen Begleiter erkennen den Ernst der Lage nicht und überlassen die Hilflosen sich selbst. Das kann tragisch enden, denn eine schwere Alkoholintoxikation ist potenziell lebensgefährlich. Zwar wirkt Alkohol in geringen Dosen nur selektiv auf die Gehirnteile, die uns emotional steuern. In höheren Dosen lähmt er aber das gesamte ZNS. Besonders fatal ist, wenn ein „Ungeübter“ in kurzer Zeit größere Mengen an Hochprozentigem – z. B. zehn Gläschen Tequila – in sich hineinkippt.

 

Das so traktierte Gehirn reagiert mit einer Umstellung des Stoffwechsels. Glukose und Alkohol konkurrieren um dieselben Enzyme, mit der Folge, dass die Energiegewinnung nicht mehr richtig funktioniert. Ergebnis ist ein narkoseähnlicher Zustand. Außerdem belegen neuere Studien eindrücklich, dass es bei jedem Vollrausch zu einer strukturellen Veränderung der Gehirnzellen kommt. Diese ist zwar Gott sei Dank reversibel – das nützt den In­toxikierten aber nichts, da sie ja akut in Lebensgefahr schweben: Durch den komatösen Zustand verlieren Rachen- und Atemmuskulatur ihren Tonus. Die Konsequenz: Die Schutzreflexe fallen aus.

 

Der Zungengrund kann die Atmung blockieren, oder Erbrochenes gelangt ohne schützenden Hustenreflex in die Lunge. Das führt dann zur Aspirationspneumonie und im schlimmsten Falle zum Erstickungstod. Im (seltenen) Extremfall kann die zentrale Alkoholwirkung sogar das Atemzentrum lähmen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Alkohol auch die Magenschleimhaut angreift, weswegen Alkoholintoxikierte unkontrolliert Mageninhalt heraufwürgen. An der Menge des konsumierten Alkohols kann man den Grad der späteren Gefährdung leider nicht ablesen.

 

Die toxische Schwelle des Trinkalkohols unterliegt starken individuellen Schwankungen. Auch beim ersten Blick auf eine „Schnapsleiche“ erkennt man die Gefährdung nicht, da die Betroffenen scheinbar friedlich schlafen. Wer prüft schon bei einem Alkoholisierten die „Narkosetiefe“ oder den Glasgow Coma Scale. Doch genau das müsste man tun! Denn durch einen Blick auf die klinische Symptomatik kann man beim ­Alkoholrausch den Zustand der Intoxikation klinisch relativ einfach erfassen.

 

Auf die Seite legen – und nie allein lassen!

Ersthelfer sollten narkotisierte Alkoholopfer zunächst in eine stabile Seitenlage bringen. So kann Mageninhalt abfließen, und man reduziert die Gefahr, dass der Betroffene am Erbrochenen erstickt. Außerdem muss man darauf achten, dass der Alkoholintoxikierte niemals auf einer Parkbank oder einer anderen harten Unterlage liegt. Durch den Tonusverlust der Muskulatur sind sonst Nervenlähmungen, Druckstellen und Verletzungen vorprogrammiert. Aber auch, wenn man das Alkoholopfer weich und in Seitenlage gelagert hat, darf man es natürlich nie alleine im Freien liegen lassen!

 

Bedingt durch die zentralnervöse und periphere Wirkung des Alkohols verliert der Körper sonst unkontrolliert massiv an Wärme. Der Autoregulationsmechanismus zum Erhalt der Kerntemperatur ist praktisch aufgehoben. Wenige Stunden in einer lauen Nacht reichen aus, um die Kerntemperatur in kritische Bereiche unter 32 °C abzusenken. Hinzu kommt, dass die Hypothermie zusätzlich die Vigilanz mindert. Der Hilflose wird also immer hilfloser. Der Schutz vor Auskühlung oder die aktive Wiedererwärmung ist deshalb eine der wichtigsten Erstmaßnahmen bei der Versorgung von Alkoholopfern.

 

Leider gibt es bis heute kein Gegenmittel, mit dem man den Alkohol antagonisieren könnte. Deshalb ist es kompletter Unsinn, Betrunkenen Kaffee oder einen der beliebten Koffeindrinks einzuflößen. Es wäre auch gefährlich, da man so nur die Aspirationsgefahr erhöht. Leider hilft auch frische Luft oder ein kräftiger Schmerzreiz nicht. Zwar kann es sein, dass die Betroffenen dann für ein paar Minuten scheinbar wieder munter werden. Doch dieser Eindruck ist falsch und deshalb gefährlich. Für die Alkoholwirkung charakteristisch ist nämlich der schnelle Wechsel zwischen scheinbar wachen Phasen und der Rückkehr in den komatösen Rauschzustand.

 

Wichtig ist, dass Alkoholintoxikierte kontinuierlich respiratorisch überwacht werden. Das geht am besten mit einer Pulsoxymetrie. Die haben Ersthelfer natürlich nicht zur Verfügung. Deswegen gehören schwere Alkoholintoxikationen auch immer in die Klinik. Zudem lähmt der Alkohol nicht nur das zentrale Nervensystem und die Muskulatur, sondern auch den Leberstoffwechsel.

 

Bereits geringe Dosen an Alkohol stören die Glukoseneubildung in der Leber, wes­wegen es im schweren Rausch zu bedrohlichen Hypogly­kämien kommen kann. Auch das ist eine Komplikation, die die Vigilanz mindert – und einer notfallmedizinischen Betreuung bedarf. Deswegen untersucht der Notarzt „Alkoholleichen“ immer per Blutzucker-Stix. Gelegentlich muss er sogar Glukose intravenös verabreichen.

 

„Schnapsleichen“ gehören in die Klinik!

Eine Alkoholintoxikation ist also immer eine ernste Situation. Wer so einen Menschen einfach sich selbst überlässt oder mit dilettantischen Mitteln versucht, ihn wieder wach zu machen, verhält sich sträflich. Natürlich gehört nicht jeder Betrunkene ins Krankenhaus. Wer noch auf Ansprache reagiert und – wenn auch mit Mühe – noch laufen kann, der ist im eigenen Bett sicher am besten aufgehoben. Doch wer auf Ansprache nicht mehr reagiert, wer so weit weg ist, dass er unter Umständen aspiriert, oder wer hilflos im Freien liegt, der braucht Hilfe. Es liegt ein medizinischer Notfall vor, und das rechtfertigt immer die Alarmierung des Rettungsdienstes.

 

Und was wurde aus dem Tequila-Opfer? Karsten hatte noch mal Glück gehabt! Kurz nachdem Antje und Pit verschwunden waren, entdeckten ihn die Veranstalter des Festes im Gebüsch und holten den Rettungsdienst. In der Klinik kam er dann zwei Stunden später wieder zu sich. Reichlich verkatert wurde er schließlich in den frühen Morgenstunden im Taxi nach Hause geschickt.

 

Als Antje gegen Mittag neben dem schnarchenden Pit aufwachte, fühlte sie sich mies. Sie machte sich schwere Vorwürfe. Die Erkenntnis kam spät. Hätte Karsten niemand anders geholfen, wäre er mittlerweile möglicherweise erfroren – oder an seinem eigenen Erbrochenen erstickt.

 


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