Zurück zu Neurologie
  • Artikel
  • |
  • Annika Simon
  • |
  • 06.10.2016

Time is brain: Beim Schlaganfall zählt jede Sekunde!

Der Schlaganfall zählt heute zu den häufigsten Todesursachen. In vielen Fällen ist er aber durch schnelles Eingreifen behandelbar. Was genau passiert eigentlich im Kopf, wenn einen „der Schlag“ trifft? Und welche Symptome lassen sich von außen beobachten? Der folgende Artikel gibt einen kurzen Überblick.

Foto:Fotolia/freshidea

Sprachstörungen beim Abendessen

Es ist ein schöner Sonntag im Spätsommer, an dem Erika Romanski ihren 70. Geburtstag feiert. Die ganze Familie ist eingeladen und alle sitzen um den festlich gedeckten Tisch. Sogar ein Catering-Service ist gekommen, der verschiedenste Häppchen und Salate zum Abendessen vorbereitet hat. Erika ist überglücklich. Gerade hat sie all die liebevoll verpackten Geschenke geöffnet und möchte nun zum Dank eine kleine Rede halten. „Meine lieben Gäste“, setzt sie an, aber was ist das? Plötzlich verschlägt es ihr die Sprache. 

Erika will weiterreden, bringt aber keinen Laut mehr über die Lippen. Das Glas gleitet ihr aus der Hand und fällt mit lautem Klirren zu Boden. Sofort steht ihre Tochter auf und eilt ihr zu Hilfe: „Erika, was ist denn los? Geht es dir gut? Warum sagst du nichts?“ Die ältere Dame versucht sich mit Händen und Füßen zu verständigen, aber alles was sie zustande bringt, sind ruckartige Bewegungen und stammelhafte Sprachlaute. Ihre Angehörigen sorgen sich immer mehr. „Ich rufe jetzt sofort den Notarzt!“ sagt ihre Tochter und greift zum Telefon.

TIA und Apoplex

Kurze Zeit später trifft ein Rettungswagen der Feuerwehr vor Ort ein und fordert sogleich notärztliche Unterstützung an: „Einsatzzentrale? Wir haben hier vermutlich einen Schlaganfall mit Sprachstörungen und Halbseitenlähmung. Könnt ihr uns noch einen Notarzt schicken?“ Wenige Minuten später trifft der Notarzt am Einsatzort ein und führt zunächst eine neurologische Untersuchung durch. Langsam kommt Erika wieder zu sich und findet sogar die Sprache wieder. „Das war wahrscheinlich nur eine TIA!“, sagt der Notarzt.

Die Patientin wird dennoch stationär zur Überwachung in ein Krankenhaus mit Schlaganfall-Einheit – einer sogenannten Stroke-Unit – aufgenommen und erhält dort gerinnungshemmende Medikamente um einer Verstopfung der Hirngefäße vorzubeugen. Alle sind erleichtert – das ist ja gerade nochmal gut gegangen. Denn bei einer transitorischen ischämischen Attacke – kurz: TIA – handelt es sich um eine vollständig reversible vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn, unserer wesentlichen „Schaltzentrale“. Dadurch entsteht eine Unterversorgung bestimmter Hirnareale mit Sauerstoff (Ischämie).

Bleibt der Gefäßverschluss über eine längere Zeit bestehen oder ist nicht mehr vollständig reversibel, spricht man von einem Apoplex - dem Schlaganfall. Ein wesentlicher Risikofaktor für einen Schlaganfall oder auch eine TIA ist das Vorhofflimmern, weshalb das Risiko mit dem Lebensalter ansteigend ist. Klassische Symptome eines frischen ischämischen Geschehens sind Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen, wie sie auch bei Erika eingetreten sind. Betroffene sollten dann möglichst schnell in einem Krankenhaus mit neurologischer Abteilung überwacht werden und blutverdünnende Medikamente erhalten. Im besten Fall sind die Symptome dann rückläufig oder lassen sich durch Rehamaßnahmen verbessern.

Hypertonie und Blutung: der hämorrhagische Schlaganfall

Beim Schlaganfall unterscheidet man generell zwei Arten: den ischämischen und den hämorrhagischen Schlaganfall. Während bei erst genanntem die Hirnarterien durch Gerinnsel verstopft werden und das Hirngewebe dann aufgrund des Sauerstoffmangels abstirbt, handelt es sich bei der hämorrhagischen Variante um eine akute Blutung. Da sich die Symptome kaum unterscheiden – in beiden Fällen geht Hirngewebe unter – ist gerade in puncto Blutverdünnung eine schnelle Differenzierung wichtig. Goldstandard der Diagnostik ist eine native Computertomographie des Kopfes, das CCT. Ist eine frische Blutung ausgeschlossen, kann man in der Regel von einer Minderdurchblutung ausgehen und den Patienten mit Gerinnungshemmern wie zum Beispiel einem Heparin oder ASS behandeln.

Schnelle Therapie rettet Leben: Time is Brain!

Egal, ob es sich um eine Blutung oder Durchblutungsstörung handelt, in beiden Fällen gilt der berühmte Satz: Time is brain! Denn unsere Gehirnzellen sind sehr empfindlich und brauchen ständig Sauerstoff und Glukose als Energieträger, um überleben zu können. Erikas Tochter hat also völlig richtig gehandelt, als sie nicht zögerte und sofort den Rettungswagen rief. Denn ohne schnelle Behandlung verlaufen Schlaganfälle oft tödlich oder die Betroffenen erhalten eine adäquate Therapie zu spät und erleiden aufgrund des Sauerstoffmangels schwere Hirnschäden. 

Mehr zum Thema

Lernhilfe: Eselsbrücken

Artikel: Die verwandelte Ehefrau

Artikel: Aha-Effekt beim Ultraschall - Differenzialdiagnosen von Rückenschmerzen

Schlagworte