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  • Dr. Christine Preißmann
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  • 09.02.2015

Autismus und Medizinstudium – Schwierigkeiten und Hilfen

Auch Autisten können Medizin studieren. Zwar gibt es durchaus Schwierigkeiten, aber mit diesen Tipps sind sie zu meistern.

Autismus-Spektrum-Störungen werden immer häufiger diagnostiziert. Inzwischen geht man davon aus, dass etwa 1% der Bevölkerung betroffen ist, das sind in Deutschland also mehrere hunderttausend Menschen. Und während früher Menschen mit Autismus vor allem in betreuten Werkstätten arbeiteten, stehen ihnen heute alle Möglichkeiten offen.

So kommt es, dass auch das Medizinstudium immer wieder als Ziel genannt wird, ein Studiengang, der in manchen Bereichen den Bedürfnissen autistischer Menschen sehr entgegenkommt, der aber andererseits auch ganz besondere Herausforderungen für sie bereithält. Dann ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen, um auch am Ende erfolgreich zu sein und schließlich den Wunschberuf ausüben zu können. Hilfreich können dafür Erfahrungen anderer betroffener Menschen sein, die die Hürden bewältigt und ihr Ziel erreicht haben.

 

Das Medizinstudium – ein perfekter Studiengang für Autisten?

Ich selbst bin Autistin, habe in Frankfurt studiert und diesen Schritt bis heute niemals bereut. Das Studium hat mir viel Spaß gemacht, obwohl es natürlich immer wieder Schwierigkeiten gab. Und der Beruf der Ärztin ist nach wie vor mein Traumberuf, den ich niemals gegen eine andere Tätigkeit eintauschen würde.

Im Rückblick denke ich manchmal, dass dieser Studiengang für mich ganz besonders gut geeignet war. Das Lernen fiel mir leicht, es war kein Problem, die große Menge an Lernstoff zu bewältigen. Ich konnte lange Zeit aufmerksam und konzentriert an meinen Büchern arbeiten, ohne mich ablenken zu lassen. Und das Studium selbst war sehr strukturiert, wir bekamen einen festen Wochenplan, alles war vorgegeben und vorhersehbar, ich musste mich also nicht um das Organisieren und Planen der Kurse kümmern, was mich sicher überfordert hätte. Auch das wissenschaftliche Arbeiten im Rahmen meiner Doktorarbeit hat mir Spaß gemacht. Ich habe viele Stunden dafür im Archiv verbracht, eine Tätigkeit, die viele Kommilitonen hassten, aber ich fand sie gut geeignet für mich, denn sie war strukturiert, ich wusste, was ich bearbeiten und womit ich mich beschäftigen wollte, ich konnte mir die Zeit selbst einteilen und war nicht von Probanden etc. abhängig.

 

Schwierigkeiten, Herausforderungen und mögliche Hilfen

Aber natürlich gab es daneben auch problematische Faktoren:

- Vor allem in den ersten Semestern stellte mich die geforderte Gruppenarbeit immer wieder vor Probleme, ich war nicht wirklich in der Lage, mit anderen Menschen zu diskutieren, mich mit ihnen auszutauschen und notwendige Kompromisse einzugehen. Manchmal gab es die Möglichkeit, stattdessen alleine zu arbeiten, was mir sehr half.

- Von den fachlichen Inhalten her war der Untersuchungskurs mit die größte Herausforderung. Es fiel und fällt mir auch heute noch schwer, mich anfassen zu lassen, deshalb habe ich schließlich darum gebeten, dass man mich als „Untersuchungsobjekt“ auslässt, weil ich damit Probleme hatte.

- Generell ist es wichtig, bei allen auftretenden Schwierigkeiten einen Menschen zu haben, der Unterstützung bietet und mit dem man gemeinsam überlegen kann, welche Maßnahmen sinnvoll sind: Angehörige, Freunde, Kommilitonen aus einem höheren Semester als „Pate“ etc. Sehr sinnvoll ist außerdem die Betreuung durch einen kompetenten Ergotherapeuten. Die Ergotherapie bietet gerade in beruflicher und lebenspraktischer Hinsicht viele Möglichkeiten der Unterstützung (vgl. Miller 2013).

- In der Regel ist für autistische Menschen der Kontakt zu Kommilitonen problematisch. Von uns aus können wir häufig keinen Kontakt herstellen und sind isoliert. Das macht uns zu Außenseitern, wenn es um studentische Aktivitäten geht, es begünstigt Hänseleien und kann auch dazu führen, dass wir wichtige Informationen nicht erhalten, die sich durch Mundpropaganda verbreiten sollen. Es ist sehr wichtig, sich in diesem Fall an Verantwortliche zu wenden und darum zu bitten, wichtige Informationen schriftlich zur Verfügung zu stellen.

- Wir brauchen in hohem Maß ein Gefühl der Sicherheit, Vertrautheit und Vorhersehbarkeit. Auf Veränderungen aller Art reagieren wir oft mit Angst und Verunsicherung. Wichtig sind für uns rechtzeitige Informationen, wenn etwas verändert werden soll.

- Generell sind Informationen sehr wichtig, daher ist es notwendig, auch selbst aktiv zu werden und sich so viele Kenntnisse wie möglich schon im Vorfeld zu verschaffen (Semesterinhalte; Prüfungstermine etc.). Alles Fremde und Unbekannte erscheint durch eine gute Vorbereitung deutlich weniger bedrohlich.

- Da wir ein sehr wörtliches Sprachverständnis haben, verstehen wir Metaphern und Redewendungen meist wörtlich und können nur ungenaue, wage Arbeitsanweisungen oder abstrakte Begrifflichkeiten oft nicht verstehen. Dies muss den Verantwortlichen unbedingt vermittelt werden, man muss sie gezielt darum bitten, sich ganz konkret und exakt auszudrücken und auch genau das zu sagen, was sie meinen.

- Durch viele verschiedene Sinneseindrücke sowie die ständige Anwesenheit anderer Menschen sind wir oft schnell überfordert. Dann ist es wichtig, rechtzeitig eine Pause zu machen und die freie Zeit an einem ruhigen Ort zu verbringen, etwa in der Bibliothek.

- Wir haben Defizite in der Fähigkeit zum Lernen durch Imitation und profitieren sehr von lieben, geduldigen Menschen, die uns die Dinge, die wir nicht auf Anhieb verstehen können, nochmals in Ruhe erklären.

 

Herausforderung Patientenkontakt

Die Praktika in der Krankenpflege, Famulaturen, das praktische Jahr und schließlich die Facharztausbildung stellen große Herausforderungen für autistische Menschen dar, für die sie Hilfe benötigen (vgl. Preißmann 2013 a und 2013 b):

- Eine genaue Einweisung ist wichtig. Die Aufgaben und Arbeitsschritte sollten strukturiert sein, exakt beschrieben und ausreichend oft wiederholt werden können, bis man sie sicher ausführen kann. Insgesamt benötigen autistische Menschen oft eine längere Einarbeitungszeit, können dann aber sehr selbstständig und zuverlässig die Tätigkeiten ausführen.

- Manchmal brauchen wir ein bisschen länger als andere, arbeiten dafür aber sehr exakt und genau.

- Der Arbeitsplatz sollte möglichst reizarm sein, ein Großraumbüro etwa ist für autistische Menschen in der Regel nicht sehr geeignet. Bereits Trennwände, Ohrenstöpsel etc. können jedoch effektive Hilfen darstellen, wenn kein eigenes Zimmer zur Verfügung stehen kann.

- Vor allem zu Beginn sollten Personal und Rahmenbedingungen möglichst konstant bleiben, bis die Arbeitsabläufe in ausreichendem Maße eingeübt sind.

- Regelmäßige klare und eindeutige Rückmeldung ist wichtig; nach Möglichkeit sollte es sich dabei immer wieder auch um ein positives Feedback handeln. Menschen mit Autismus reagieren auf (auch gut gemeinte) Kritik oft sehr empfindlich und beziehen diese häufig auf sich als Person.

- Konstante Bezugspersonen sind unverzichtbar. Auch bei Praktika sollte es also einen festen Ansprechpartner geben, der so ein bisschen als „Vermittler“ wirken kann und uns die Dinge erklärt, die wir vor allem im sozialen Kontext nicht verstehen.

- Viele Menschen mit Autismus machen die Erfahrung, dass eine Famulatur in einem außereuropäischen Land recht gut möglich ist und häufig eine sehr wertvolle und schöne Erfahrung darstellt. Nicht selten werden die bestehenden Auffälligkeiten dort ganz anders eingeschätzt und einfach auf die andere Kultur zurückgeführt.

 

Zusammenfassung

Insgesamt ist es am wichtigsten, im Gespräch zu bleiben und für jeden Einzelfall individuelle Lösungen zu finden. Unterstützen können dabei eine Psycho- und/oder Ergotherapie (vgl. Preißmann 2013 a und b), aber auch Kommilitonen oder andere liebe Bezugspersonen. Es ist wichtig, jemanden zu haben, mit dem man anstehende Probleme besprechen kann. Fast immer lassen sich dann Lösungen finden. Dann kann es auch für Menschen mit Autismus möglich sein, ein Medizinstudium erfolgreich zu absolvieren, sich im Arztberuf zurechtzufinden und durch die tägliche Arbeit Freude und Erfüllung zu finden.

 


Dr. med. Christine Preißmann

Dr. Christine Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Im Alter von 27 Jahren hat sie die Diagnose Asperger-Syndrom erhalten und dadurch Antworten auf viele Fragen in ihrem Leben gefunden. Derzeit arbeitet sie mit einer Teilzeitstelle im Suchtbereich einer psychiatrischen Klinik, wo ihr der strukturierte Tagesablauf auf der Station sehr entgegen kommt. Sie hält Vorträge für Fachleute wie für selbst betroffene Menschen und ihre Angehörigen, schreibt Bücher und publiziert in Fachzeitschriften, um den Autismus in all seinen Facetten bekannter zu machen und zu einem besseren Verständnis für autistische Menschen beizutragen.

 


 Literatur:

Miller M (2013): Ergotherapie bei Frauen mit Autismus. In: Preißmann C (Hrsg.): Überraschend anders: Mädchen und Frauen mit Asperger. Stuttgart: Trias.
Preißmann C (2013a): Asperger – Leben in zwei Welten. Betroffene berichten: Das hilft mir in Schule, Beruf, Partnerschaft und Alltag. 2. Auflage. Stuttgart: Trias.
Preißmann C (2013b): Psychotherapie und Beratung bei Menschen mit Asperger-Syndrom. 3., erweiterte Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer.

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