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  • Bericht
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  • Anne-Sophie Mehdorn
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  • 11.10.2010

Vom Spender zum Empfänger

Organtransplantation ist ein großes Thema in der Medizin. Bereits 1963 wurde in Deutschland die erste Niere transplantiert. Seitdem folgten rund 98.000 Organe. Anne-Sophie Mehdorn schildert den Ablauf einer Transplantation und informiert über die Organspende in Deutschland.

Sonntagmorgen, 3.40 Uhr, das Mobiltelefon klingelt. Bestimmt einer meiner Freunde, die feiern und nachts gerne mal anrufen. Doch es kommt anders: Es ist die Dame des Koordinationsteams für Organtransplantation aus dem Krankenhaus, in dem ich zu diesem Zeitpunkt famuliere.

Um 6.45 Uhr soll es von München nach Leipzig gehen. Noch ist nichts passiert, doch das Herz rast und an entspannten Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Nach zwei Stunden unruhigen Schlafes ist es dann soweit: Treffen an der Klinik und los geht es. Mit dabei ist der zuständige Thoraxchirurg, ein Assistent und ein Perfusionsstudent.

In unserem Krankenhaus erwartet uns ein Ende 20-jähriger Patienten mit Cystischer Fibrose, der bereits vortransplantiert ist und mittlerweile zusätzlich unter Niereninsuffizienz leidet.

 

Organentnahme

Per Flugzeug und Eiltransport gelangen wir zum Krankenhaus des Organspenders. Dort sind die Viszeralchirurgen schon mit der Sichtung der Organe des Verstorbenen beschäftigt.

Der zuständige Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) informiert kurz über den Spender: Ein knapp 60-jähriger Patient, der sich einige Tage zuvor in die Klinik einliefern ließ. Er fühlte sich unwohl und hatte das Gefühl, er trübe langsam ein. Tatsächlich hatte er eine Subarachnoidalblutung erlitten und war schließlich gestorben. Klinisch wurde sein irreversibler Hirntod festgestellt und aufgrund der Zustimmung der Angehörigen die Organe zur Spende freigegeben. Mit Hilfe der Anästhesisten wurden seine übrigen Körperfunktionen künstlich aufrecht erhalten. Eigentlich war er auf den ersten Blick nicht von einem normal narkotisierten Patienten zu unterscheiden.

Kurz nach uns trifft der Herzchirurg ein. Wir haben Glück, die Organe sind in sehr gutem Zustand. So kann zur Tat geschritten werden: Der Thorax- und der Herzchirurg entnehmen zuerst die Organe des Thorax. Diese werden dann für den Transport sicher und kühl verpackt.

Während wir fast wieder auf dem Weg zurück sind, wird das Pankreas aufgrund seines guten Zustandes bei Eurotransplant nachgemeldet. Eurotransplant ist eine gemeinnützige Stiftung für die europaweite Vermittlung von Organspenden. Für die Leber ist bereits ein passender Empfänger gefunden.

 

Organverpflanzung

So schnell es geht, fliegen und fahren wir zurück; die Niere wird per Kurier nachgeschickt werden. Im Krankenhaus hat bereits ein erfahrener Transplanteur mit der Eröffnung des Thorax begonnen - nach der Ersttransplantation vor drei Jahren ist ein ausgiebiges Debridement notwendig.

Nach insgesamt drei Stunden Arbeit ist es soweit: Die rechte Lunge wird, nachdem sie sich knapp viereinhalb Stunden außerhalb des menschlichen Körpers befunden hatte, angepasst, in die rechte Thoraxhöhle gelegt und konnektiert.

Nun kommt der Moment, auf den alle hingearbeitet haben: Der Anästhesist öffnet den Tubus, der auf den rechten Bronchus zuführt. Ist alles gut gelaufen, müsste sich die Lunge nun langsam aufblähen, rhythmisch bewegen und dabei an Größe zunehmen. Und tatsächlich: Genau das passiert. Die Lunge wird größer und entfaltet sich schließlich vollkommen bis in die entlegenen Reccesus des Thorax.

Für mich gibt es in diesem Moment nichts Faszinierenderes und Schöneres als diese Lunge. Rosa, glänzend und überhaupt nicht verschmutzt. Gar kein Vergleich zum alten Transplantat.

Zwölf Stunden sind bereits vergangen, daher verabschiede ich mich aus dem OP. Müde, aber unglaublich glücklich verlasse ich das Krankenhaus, obwohl ich nichts zu dem Erfolg beigetragen habe. Der Patient wird in den nächsten Stunden noch einen zweiten Lungenflügel bekommen und außerdem eine neue Niere.

Wünschen wir ihm, dass es nicht wieder zur "Graft-versus-Host-Reaktion" kommen wird, der allseits gefürchteten Abstoßreaktion der empfangenen Organe.

 

Fakten zur Organspende

Die DSO koordiniert als zentrale Einrichtung die Vorbereitung und Durchführung der deutschlandweiten Spenden, die durch das neue Transplantationsgesetz von 1997 gefordert wurde. Bereits seit 25 Jahren unterstützt sie die Entwicklungen in der Organspende und -transplantation. Deutschlandweit werden ungefähr 1.400 Krankenhäuser und 50 Transplantationszentren durch diese Stiftung des bürgerlichen Rechtes bedient. Finanziert wird die DSO durch die Krankenkassen.

 

Organspenden

Organe, die gespendet werden können sind: Niere, Leber, Herz, Lunge, Pankreas und Dünndarm. Hier ist der Zeitfaktor ganz entscheidend, da die Organe nicht konserviert werden können. Deren Vermittlung wird europaweit über die gemeinnützige Stiftung Eurotransplant in den Niederlanden geregelt und in Deutschland von der DSO koordiniert. Mitgliedsländer der "Eurotransplantgruppe" sind Deutschland, Österreich, die Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Slowenien und Kroatien.

 

Gewebespenden

Gewebespenden werden oft erst nach Wochen transplantiert. Zuvor werden sie in der Gewebebank prozessiert und anschließend dort gelagert, bis ein passender Empfänger gefunden ist. Im Notfall kann so sofort transplantiert werden. Lange Wartezeiten wie bei den Organempfängern entfallen. Gewebe, die transplantiert werden können sind: Amnion, Kornea, Gefäß, Herzklappen, Haut und Knochen. Die Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) koordiniert diese Gewebespenden.

In Deutschland ist seit dem 1. Dezember 1997 das Transplantationsgesetz in Kraft. Es regelt "die Spende, Entnahme, Vermittlung und Übertragung von Organen, die nach dem Tode oder zu Lebzeiten gespendet werden". Laut diesem Gesetz herrscht in Deutschland die "erweiterte Zustimmungslösung". Das heißt: Der Wille des Verstorbenen zu Lebzeiten hat Vorrang. Ist er nicht dokumentiert oder bekannt, entscheiden die nächsten Angehörigen auf der Grundlage des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen.

In vielen anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel Österreich, Ungarn, Slowenien oder Spanien, legte der Gesetzgeber die Widerspruchsregel für die Organspenden fest: Primär ist jeder, der geeignet ist, Organspender, es sei denn, er hat dem zu Lebzeiten widersprochen.

 

Lebendspender und Totspender

Unterschieden werden Lebendspender von Totspendern. Lebendspender sind Menschen, die zur Zeit der Spende noch am Leben sind und einem nahe stehenden Menschen z. B. eine Niere oder einen Teil der Leber spenden. Vorausgesetzt wird hier allerdings, dass es sich bei dem Empfänger wirklich um einen Verwandten oder wenigstens sehr nahe stehenden Menschen handelt und die Spende freiwillig ist. Bei der Lebendspende muss stets bewusst sein, dass es sich bei der Organ- oder Organteilentnahme um einen Eingriff an einem klinisch gesunden Menschen handelt.

Totspender sind Menschen, die hirntot sind. Diese Diagnose ist "jeweils durch zwei dafür qualifizierte Ärzte zu treffen, die den Organ- oder Gewebespender unabhängig voneinander untersucht" (§ 5 TPG, Abs. 1) und für hirntot erklärt haben. Die untersuchenden Ärzte "dürfen weder an der Entnahme noch an der Übertragung der Organe des Organspenders beteiligt sein, noch der Weisung eines beteiligten Arztes unterstehen" (§5 TPG, Abs. 2).


Postmortal entnommene und transplantierte Organe

Hirntod

Hirntod ist per definitionem "der Zustand der irreversibel erloschenen Funktionen des gesamten Gehirns, also des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms" (DSO). Die Perfusion und Versorgung der Organe wird zu diesem Zeitpunkt medikamentös mit Hilfe der Anästhesisten aufrecht erhalten.

Zur Diagnostik des Hirntodes stehen mehrere Verfahrensmöglichkeiten bereit, die stets durchgeführt werden müssen: Zuerst muss eine primäre, durch Blutungen, Tumore, Verletzungen o. ä. oder eine sekundäre Hirnschädigung nachgewiesen werden.

Zustände wie Intoxikation, Kreislaufschock oder Unterkühlung müssen ausgeschlossen werden. Es folgt die klinische Untersuchung, welche Koma und Apnoe zusätzlich zur Hirnstammareflexie feststellt. Anschließend muss die Irreversibilität nachgewiesen werden. Dies erfolgt über einen Beobachtungszeitraum von mindestens 12 Stunden und wird wie immer von zwei unabhängigen, qualifizierten Ärzten durchgeführt. Dabei werden apparative Diagnostiken wie Doppler-Sonographie, Angiographie, Perfusionszintigraphie und EEG-Ableitung angewandt, sowie akkustisch oder somatisch evozierte Potentiale erfasst.

Erst wenn der Hirntod sicher nachgewiesen ist, wird festgestellt, ob sich der Patient z. B. aufgrund seines Alters als Organspender eignen würde und ob er überhaupt über einen Organspenderausweis verfügt, oder ob seine Angehörigen mit einer Organspende einverstanden wären.

Ist das Ergebnis positiv, wird laboratorisch überprüft, ob der potenzielle Spender "gesund" ist. Dabei wird untersucht, ob er z. B. unter einer Infektion leidet oder einen Tumor hat, welcher den möglichen Empfänger gefährden könnte. Sind auch diese Untersuchungen gelaufen, kann der potenzielle Spender an Eurotransplant gemeldet werden. Eurotransplant sucht daraufhin einen passenden Empfänger und koordiniert mit Hilfe der DSO die weitere Logistik. Dabei kümmern sie sich von Ärzten und Fahrzeugen bis hin zu den Empfängern und dem entsprechenden Zentrum, in dem die Transplantation durchgeführt werden soll.

 

Zahlen zur Organtransplantation

4.709 Organe wurden 2009 transplantiert; gleichzeitig warten täglich 12.000 Menschen auf ein neues, Leben rettendes Organ. Davon warten 8.000 auf eine Niere. "Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil sie kein Spenderorgan bekommen haben" (FAZ, 29. August 2010).

Organtransplantationen

Diese Diskrepanz erklärt sich aus folgender Problematik: Natürlich möchte jeder im Ernstfall gerne weiterleben, ein Organ von irgend jemandem bekommen und nicht Organversagen sterben. Doch eigentlich möchte auch niemand seine Organe hergeben und sich vorstellen, ohne Herz, ohne Leber, ohne Kornea beerdigt zu werden. Denn, "obwohl zwei Drittel aller Bürger angeben, Organspenden zu befürworten" (FAZ, 29. August 2010), haben nur 17 % der Menschen in Deutschland einen Organspendeausweis.

Dieser Organspendeausweis ist allerdings sehr wichtig, da man individuell eintragen kann, welche Organe man gerne und welche unter keinen Umständen spenden möchte. Da er aus Papier ist, kann er jederzeit zerrissen und die Meinung diesbezüglich nachjustiert werden. Vielen Menschen könnte mit einem Organspendeausweis geholfen werden.

Organe, die in Deutschland transplantiert werden sind: Niere, Leber, Herz, Pankreas, Lunge und Dünndarm. Patienten, die ein neues Organ benötigen, werden auf Wartelisten aufgenommen. Ist der Gesundheitszustand zu schlecht oder sind die Erfolgsaussichten zu gering, wird auf diesen Schritt verzichtet. Entsprechende Richtlinien zur Aufnahme oder Ablehnung auf die Wartelisten hat die Bundesärztekammer verfasst. Neben den klinischen Kriterien des Spenders und des Empfängers ist auch die Blutgruppenkompatibilität von extremer Bedeutung.

Zur Orientierung: Die Wartezeit auf eine Niere beträgt durchschnittlich fünf bis sechs Jahre.

Wenn mehr Menschen einen Organspendeausweis ausfüllen und bei sich tragen würden, könnte diese Wartezeit verkürzt werden.

Organspendeausweis

 

Weitere Informationen

Deutsche Stiftung Organtransplantation

Eurotransplant

Gewebenetzwerk

Artikel "Meine Niere wird Deine Niere" aus der FAZ, vom 29. August 2010

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