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  • Helen Lackner
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  • 27.11.2015

Ohne Betäubung, ohne Antisepsis – die Anfangszeiten der Chirurgie

Selbst herausgeschnittene Blasensteine, amputierte Zehen oder mysteriöse Schusswunden: In seinem Buch erzählt ein niederländischer Arzt Geschichten über einfallsreiche Chirurgen und berühmte Patienten. Hier einige blutige Ausschnitte.

Blasensteinentfernung in Eigenregie

Krampfartige Unterleibsschmerzen, ständiger Harndrang und Schmerzen beim Wasserlassen – im 17. Jahrhundert waren Blasensteine allgegenwärtig. Kein Wunder, die Hygiene um diese Zeit war grauenhaft, gerade in den Städten waren die Flüsse mit Fäkalien getränkt. Die Menschen wuschen sich und ihre Kleidung mit dem schmutzigen Wasser und bekamen so eine Blaseninfektion nach der anderen. Die Entzündung verursacht Konkrement oder Blasengrieß, der mit jeder neuen Infektion wuchs – bis der Blasenstein so groß war, dass er schmerzt.

Die Leiden waren so verbreitet, dass sich dafür ein eigener Berufsstand bildete: Die Steinschneider, die von Ort zu Ort reisten, um ihre armen Patienten von dem Leiden zu befreien – und um einige Taler zu erleichtern.

Bereits zweimal hatte sich der niederländische Schmied Jan de Doot einer Operation zur Entfernung seines Blasensteins unterzogen. Ein ziemliches Wagnis, wenn man bedenkt dass die Praxis des Steinschnitts für den Patienten mit einer etwa 40%igen Sterbewahrscheinlichkeit verbunden war – von Antisepsis wusste man damals schließlich noch nichts.

Den dritten Steinschnitt wollte de Doot selbst durchführen und schmiedete sich ein passendes Messer. Während seiner Operation gelang es ihm tatsächlich, den hühnereigroßen Blasenstein herauszupressen. Voller Stolz ließ er sich seine Tat einen Monat später von einem Notar beglaubigen und verzichtete auch nicht darauf, ein kleines Gedicht zu seinen Ehren zu verfassen:

»Was staunet man im ganzen Land
über diese glücklich’ Hand?
Es ist zwar eines Menschen Tat,
geführet doch durch Gottes Rat,
der selbst noch in des Sterbens Not
das Leben wieder gab de Doot.«


Der Gang zum Arzt blieb dem leidgeplagten Schmied dennoch nicht erspart: Die Wunde, die er sich selbst zugefügt hatte, eiterte noch lange und musste von einem Wundarzt versorgt werden.

Der Anschlag auf die Kaiserin

Kaiserin Elisabeth von Österreich, die nicht zuletzt durch die Sissi-Filme mit Romy Schneider unsterbliche Berühmtheit erlangte, fiel im Jahr 1898 einem Attentat zum Opfer. Auf dem Weg von ihrem Hotel in Genf zu einem Dampfschiff wurde sie von dem Italiener Luigi Lucheni attackiert, der den Brustkorb der Kaiserin mit einer kleinen angespitzten Feile durchstoß. Doch wider Erwarten, stand die Dame nach der Attacke wieder auf und setze ihren Weg zusammen mit ihrer Hofdame fort, um das Schiff nicht zu verpassen.

Erst an Bord fiel Elisabeth in Ohnmacht, woraufhin ihre Hofdame den Kapitän bat umzukehren und das enge Korsett der Kaiserin öffnete. Zurück im Hotel konnte nur noch der Tod der Kaiserin festgestellt werden. Erst bei einer späteren Autopsie wurde eine fast neun Zentimeter lange Stichwunde entdeckt, die durch die Lunge und das Herz ging und zur inneren Blutung geführt hatte.

Dass die Kaiserin so lange mit einem durchstochenen Herzen überlebte, ist wohl auf ihre körperliche Fitness zurückzuführen, zum anderen führte der Angriff zu einem Erregungszustand, bei dem der Körper in Anspannung versetzte wird: Der Herzschlag beschleunigt sich, die Muskeln werden mit mehr Blut versorgt und die Nebennieren schüttet das Hormon Adrenalin aus – daher war es ihr möglich, aus eigenen Kräften das Schiff zu erreichen. Erst an Bord wird Elisabeth durch den extremen Abfall des Blutdrucks ohnmächtig und stirbt kurz darauf am Blutverlust.

Ein Musiker und sein großer Zeh

Kein Scherz: Bob Marley, Idol der Rastafari-Bewegung und Mitbegründer der Reggae-Musik, starb wegen seines großen Zehs.

In diesem Fall verbot jedoch der religiöse Glaube die lebensrettende Operation. Nachdem der Musiker unter starken Schmerzen im Zeh litt, entdeckten seine Ärzte einen kleinen Tumor unter seinem Zehennagel und diagnostizierten ein malignes Melanom, eine aggressive Form von Hautkrebs. Trotz dringenden Anratens seiner Ärzte lehnte der Sänger eine Amputation des Zehs ab, woraufhin sich der Krebs im ganzen Körper ausbreitete.

Durch Fasten, Marihuanakonsum und Salben versuchte Bob Marley, sich zu heilen. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er in einer Klinik in Deutschland, die sich auf alternative Therapien zur Krebsbekämpfung spezialisiert hatte. Als sich sein Zustand verschlechterte, wollte der Musiker in seine Heimat Jamaika zurückkehren, verstarb jedoch während der Reise bei einer Zwischenlandung in Florida – drei Jahre nach der Diagnose.

Wäre der Musiker bereit gewesen, seinen Zeh zu opfern, vielleicht wäre er noch am Leben – so wurde Bob Marley durch seine Hits unsterblich.

Ein Einschusswunder oder der Anlass für Verschwörungstheorien

Am 22. November 1963 wird ein schwer verletzter Patient mit einer Schusswunde am Kopf in die Notaufnahme eingeliefert, er ist bewusstlos und atmet kaum noch. Der Arzt erkennt den Patienten sofort, es handelt sich um den 35. Präsidenten der USA, der Minuten zuvor Opfer eines Attentats wurde: John F. Kennedy.

Der behandelnde Mediziner führt einen Luftröhrenschnitt durch, dafür verlängert er eine kleine Schusswunde am Hals und führt dort den Beatmungsschlauch ein. Bekanntermaßen sollte der Patient den Tag nicht überleben.

Um den Tod Kennedys ranken sich bis heute verschiedene Verschwörungstheorien. Zu einer trug unbeabsichtigt auch der Mediziner bei. Bei einer improvisierten Pressekonferenz direkt nach den Geschehnissen bezeichnete er die Wunde am Hals als Einschusswunde, wohingegen es sich laut Autopsiebericht um eine Ausschusswunde handelte. Ein kleiner aber feiner Unterschied.

Die folgende Berichterstattung über eine Einschusswunde am Hals, welche von vorn verursacht worden war, stand von Anfang an im Widerspruch zu der offiziellen Version, welcher zufolge die Schüsse von einem Einzeltäter aus einer Position hinter dem Präsidenten abgefeuert wurden. Sofort entstand der Eindruck es sollte etwas vertuscht werden – Anlass genug für hartnäckige Verschwörungstheorien.

Die französischen Erfindungen der Belle Époque: Der Eifelturm und die Schulterprothese

Während des 19. Jahrhunderts zählten zwei chronische Infektionskrankheiten zu den gängigen Leiden: Unter Tuberkulose litten die Armen, unter Syphilis die bessergestellte Gesellschaftsschicht. Beide Krankheiten greifen nach und nach das Gewebe an, was zu Verstümmelungen und Missbildungen führen kann.

So erging es auch dem 37-jährigen Bäcker Jules Pedoux. Als dieser sich im Krankenhaus von Jules Émile Péan meldete, litt er an einem großen kalten Abszess am linken Oberarm. Da der Bäcker für seinen Broterwerb beide Arme benötigte, lehnte er eine Amputation ab – woraufhin Péan auf die Idee kam, die zerfressene Schulter durch eine mechanisches Gelenk zu ersetzen.

Mithilfe eines Zahnarztes konstruierte er ein mechanisches Schultergelenk aus Platin, das er dem leidgeplagten Bäcker einsetzte. Leider musste die Prothese ungefähr zwei Jahre später wieder entfernt werden, da der Patient mit einer eitrigen Wunde am Oberarm zu seinem Chirurgen zurückkehrte.

Péan fehlte zu dieser Zeit die Einsicht, dass eine Prothese unter sterilen Bedingungen eingesetzt werden muss, um Infektionen zu vermeiden. Aus heutiger Sicht war das Einsetzen der Prothese also völlig sinnlos, dennoch war Péan seiner Zeit weit voraus und bleibt in der medizinischen Welt durch eine andere Erfindung im Gedächtnis: dem Grundmodell fast aller chirurgischen Klemmen, der Péan-Klemme.

Was aus dem Bäcker Jules Pedoux geworden ist und ob die Funktionsfähigkeit seines Armes erhalten wurde, ist nicht bekannt.

 


Die hier vorgestellten Geschichten sind Zusammenschnitte aus dem Buch "Schnitt! Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen".

Autor: Arnold van de Laar

Pattloch eBook; Auflage: 1