Zurück zu Chirurgie
  • Kasuistik
  • |
  • Dr. med. Felicitas Witte
  • |
  • 20.09.2005

Pneumothorax nach Ski-Unfall

Ein Sturz auf hartes Eis beim Skifahren: Brustfell verletzt, Luft im Pleuralspalt - jetzt muss schnell gehandelt werden.

Ein Crash auf der Piste kann selbst dem besten Skifahrer passieren. Glücklicherweise verlaufen solche Unfälle meist glimpflich. Doch ein Sturz auf hartes Eis kann auch schlimme Folgen haben: Wenn das Brustfell verletzt wird und Luft in den Pleuraspalt kommt, entsteht ein Pneumothorax. Damit sich die Lunge wieder frei entfalten kann, muss man per Thoraxdrainage für Entlastung sorgen.

Frederik Zumnorde nahm Schwung und glitt auf seinem Snowboard den steilen Abhang hinunter. Neben ihm sauste seine Kommilitonin Eva an ihm vorbei. Frederik preschte hinter ihr her. Den von oben herannahenden Skifahrer sah er erst, als es schon zu spät war. Noch bevor er bremsen oder ausweichen konnte, stieß er mit dem Skifahrer zusammen, überschlug sich und prallte auf die vereiste Piste.

Einen Moment blieb er liegen, rappelte sich dann aber mühsam hoch. „Alles noch heil“, dachte er erleichtert, als er Arme, Beine und Kopf bewegte. Auch dem Mann war glücklicherweise nichts passiert. Frederik half ihm, seine Skier und Stöcke zu suchen und schnallte sein Board wieder unter. Er wollte Eva unbedingt einholen.

Triumphierend glitt er eine Sekunde vor ihr vor die Skihütte am Dorfrand. Als sie ihre Hände an heißem Jagertee wärmten, hatte er seinen Unfall längst vergessen.

Plötzlich spürte er ein Ziehen in der Brust und musste husten. „Na, ist der Tee zu stark?“, kicherte Eva und klopfte ihm auf den Rücken. Frederik hustete wieder und wollte tief Luft holen, doch irgendwie gelang ihm das nicht. Er hatte das Gefühl, überhaupt keine Luft mehr zu bekommen. Das Atmen tat richtig weh. In diesem Moment drehte sich ein Mann vom Nebentisch zu ihm um.

„Na, junger Mann, fehlt Ihnen etwas?“ Frederik fühlte sich in der Tat ziemlich elend. Kurzerhand schlug ihm der Mann vor, ihn zu untersuchen – er sei Allgemeinarzt und habe seine Praxis hier in der Ortsmitte, nur einige Schritte entfernt. Der Medizinstudent erinnerte sich wieder an seinen Unfall und folgte Dr. Joseph Gruber erleichtert.
Im Untersuchungszimmer fiel Frederik das Atmen nun sichtlich schwer. Der Arzt tastete nach dem Puls: Für einen Sportler eine deutliche Tachykardie von 98 Schlägen pro Minute. Dr. Gruber legte beide Hände auf seinen Brustkorb. „Siehst du das?“, fragte er Eva. „Die linke Seite hebt sich mehr als die rechte“, stellte die Studentin fest. Der Klopfschall über der rechten Lunge klang deutlich hypersonor. Als Dr. Gruber die unteren Bereiche abklopfte, zuckte Frederik leicht zusammen.

"Ein Spannungspneumothorax muss sofort entlastet werden"

Der Allgemeinarzt runzelte die Stirn und setzte sein Stethoskop auf die Lunge. "Hör mal!", forderte er Eva auf. "Rechts klingt es viel schwächer als links!", bemerkte die Studentin beunruhigt. Frederik fühlte sich in seiner Rolle als Patient sichtlich unwohl. "Auf dem Röntgenbild, das ich von dir gleich machen werde, wirst du es sehen", vertröstete ihn der Arzt.

Zehn Minuten später zeigte Dr. Gruber den beiden Studenten das Bild von Frederiks Lunge (Abb. 1).

 

Abb. 1: Bei einem Pneumothorax (hier: rechts) wird die Pleura von außen oder innen verletzt. Luft gelangt in den Pleuraspalt und die Lunge sackt zusammen. Der rechte Thorax ist strahlendurchlässiger und hat weniger Gefäßzeichnungen.

 

"Seht ihr, dass der rechte Lungenflügel kollabiert ist?" Frederik nickte. "Da ist Luft im Pleuraspalt, oder?" "Richtig. Die Luft stellt sich schwarz dar. Das wird als Aufhellung bezeichnet. Das sieht man besonders gut, wenn die Aufnahme in Exspiration gemacht wird.

Du hast einen Pneumothorax. Ich vermute, dass bei dir eine oder zwei Rippen gebrochen sind, die das Brustfell verletzt haben. Dadurch kommt Luft in den Pleuraspalt und die Lunge sackt zusammen. Das Abklopfen hat dir ja ganz schön weh getan. Rippenbrüche können leicht passieren, wenn man auf hartes Eis knallt. Die Frakturen kann man im Röntgenbild noch nicht sehen. Aber das ist im Frühstadium oft so."

Frederik hatte einen so genannten geschlossenen Pneumothorax. Besteht eine Verbindung des Pleuraraumes mit der Außenluft, beispielsweise wenn gebrochene Rippen nach außen stechen, nennt man das einen offenen Pneumothorax.

"Die eingeströmte Luft im Pleuraspalt muss wieder raus", kündigte Dr. Gruber seinem Patienten an. Ich ruf meinen Freund Franz in der Klinik an. Der soll dir eine Thoraxdrainage legen."

Zusammen mit Eva begleitete er Frederik im Notarztwagen in die Klinik. Während Frederik von Dr. Franz Mohr versorgt wurde, erklärte der Allgemeinarzt der Studentin das Prinzip der Minithorakotomie (Abb. 2).

"Die Drainage wird im 4. bis 6. Interkostalraum (ICR) in der mittleren Axillarlinie oder im 2. bis 3. ICR in der Medioklavikularlinie gelegt. Man sticht am Oberrand der Rippe, weil sonst Arterien, Venen oder Nerven am Unterrand der Rippe verletzt werden könnten.
Eine Blutung aus Interkostalgefäßen kann lebensgefährlich sein! Liegt die Drainage im Pleuraspalt, wird ein Sog von etwa 20 cmH2O angeschlossen. So wird die Lunge langsam wieder aufgefaltet. Mit einem Röntgenbild kontrolliert man, ob die Drainage richtig sitzt."

 

Abb. 2: Minithorakotomie zur Entlastung eines Pneumothorax: Nach der Lokalanästhesie schneidet der Chirurg die Haut mit einem Skalpell ein (1), geht am Oberrandder Rippe in das Gewebe ein (2), ...

 

... präpariert einen Tunnel nach kranial, durchstößt die Pleura mit dem Finger oder dem Messer (3) und führt den Schlauch ein (4).

 

Frederik hatte ziemlich Glück gehabt. Leicht hätte er auch einen so genannten Spannungs-Pneu haben können: Hierbei kommt während der Einatemphase Luft in den Pleuraspalt.

 

An diesen Schlauch legt sich das Gewebe an und dichtet den Tunnel nach außen und innen ab (5).

 

Nach der Inspiration legen sich dann Muskel-, Haut- oder andere Strukturen so über die Öffnung, dass die Luft beim Ausatmen nicht mehr entweichen kann.
Als Folge wird der Pleuraspalt wie ein Ballon aufgepumpt und kann die andere Lunge oder das Herz abdrücken. Wird ein Spannungs-Pneu nicht sofort entlastet, kann es zu schweren Atemstörungen oder sogar zum Schock mit Herzversagen kommen.

Zwei Tage später hatten sich Frederiks Pleurablätter wieder aneinander gelegt, und nach drei Tagen wurde er entlassen. Den Rest des Urlaubs musste er auf das Snowboarden verzichten. Aber eigentlich machte ihm das nichts aus. Vom Hotelbalkon aus genoss er die schöne Bergwelt und war froh, dass er die gute Bergluft endlich wieder mit beiden Lungenflügeln atmen konnte.

Schlagworte

Mehr zum Thema

Fachartikel: Augmented Reality am OP-Tisch

Podcast: Arzt bei Interplast

Kasuistik: Manuelle Wiedergeburt