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  • Victoria Ziesenitz
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  • 02.01.2008

Gehirn-OP bei vollem Bewusstsein

Fluch oder Segen in der modernen Neurochirurgie: Dank spezieller Narkose-, Anästhesie- und Operationstechniken ist es möglich, dass Patienten ihre eigene Gehirn-Operation im wachen Zustand erleben. Von dieser Operationsmethode erhoffen sich die Neurochirurgen präzisere Operations- und Überwachungsmöglichkeiten.

Moderne Neurochirurgie

Anlässlich des Heidelberger Neuroonkologie-Symposiums, das im November 2007 im Deutschen Krebsforschungszentrum statt fand, stellte Prof. Dr. Andreas Unterberg, ärztlicher Direktor der Neurochirurgischen Universitätsklinik, verschiedene moderne Überwachungsverfahren vor, die intraoperativ hauptsächlich bei Gehirntumor-Patienten angewendet werden. Neben länger etablierten Techniken wie intraoperativer Sonografie, Magnetresonanztomographie und elektrophysiologischen Messverfahren stehen neuere Methoden wie intraoperative Laserfluoreszenz, computergestützte Neuronavigation sowie die direkte Kommunikation mit wachen, kraniotomierten Patienten zur Verfügung.

"Neurochirurgische Operationen werden routinemäßig in mikrochirurgischer Technik unter dem OP-Mikroskop durchgeführt," erklärt Professor Unterberg. "Bei Tumor-Resektionen setzen wir weitere Navigationsmethoden ein, insbesondere dann, wenn sich der Tumor in unmittelbarer Nähe zu empfindlichen Gehirnstrukturen befindet, oder sich das Tumorgewebe nur sehr mühsam von gesundem Hirngewebe unterscheiden lässt." Beispielsweise wird dem Patienten ein an Antikörper gebundener Fluoreszenzfarbstoff verabreicht, der sich nur im Tumorgewebe anreichert. Mit einem Laser wird der Farbstoff zum Fluoreszieren gebracht. Wegen der spezifischen Markierung 'leuchtet' nur der Tumor und kann somit einfacher und genauer reseziert werden.

 

In der Neurochirurgie ist das Operationsmikroskop ein Routine-Instrument
(alle Fotos stammen vom Medienzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg)

 

Computergestützte Neuronavigation

Bei der computergestützten Neuronavigation werden dem Patienten vor der Operation zunächst Markierungen auf den Kopf geklebt, die sich sowohl auf CT-, als auch auf MRT-Bildern abbilden lassen. Nachdem mit einer dieser beiden Techniken ein dreidimensionales Bild des Kopfes erstellt wurde, wird dieser Datensatz von der Navigationssoftware in ein virtuelles Koordinatensystem übernommen. Nachdem der Patient auf dem OP-Tisch gelagert und der Kopf fixiert wurde, werden mit Hilfe des Navigationsinstrumentes die Klebemarker eingelesen und die Koordinatensysteme von MRT-/CT-Daten und Patientenkopf verglichen. Danach kann die Position der Navigations- und Operationsinstrumente in den verschiedenen Schnittebenen und Ansichten der MRT- oder CT-Aufnahmen in Echtzeit verfolgt werden. Hierbei lassen sich sowohl Fokuspunkt als auch Sichtfeld des Operationsmikroskops im virtuellen Koordinatensystem abbilden. Außerdem kann der Operateur wichtige Gehirnstrukturen mithilfe verschiedener Linien in sein Sichtfeld am Mikroskop einblenden, um diese bei der mikrochirurgischen Intervention verschonen zu können.

 

Unmittelbar vor der Operation wird ein dreidimensionales Bild des Kopfes erstellt


Wachkraniotomie

"Bei der so genannten Wachkraniotomie erlebt der Patient die neurochirurgische Operation teilweise bei vollem Bewusstsein. Dieses Operationsverfahren wird insbesondere angewendet in der Tumor- und Epilepsiechirurgie und bei der Implantation von Elektroden zur tiefen Hirnstimulation, z.B. bei der Parkinson-Erkrankung." Dabei ist es die Aufgabe des Anästhesisten, einerseits dafür zu sorgen, dass der Patient während der Trepanation (Eröffnung des Schädeldaches), der intraoperativen MRT-Untersuchungen oder des Wundverschlusses schläft, andererseits während bestimmter Phasen der Operation wach, schmerz- und angstfrei sowie kooperativ ist. In diesen Wachphasen können insbesondere bei der Tumor- und Epilepsiechirurgie neurologische und elektrophysiologische Tests durchgeführt werden. "Während Operationen in der Nähe der Sprachzentren werden dem Patienten scheinbar sinnlose Fragen gestellt, beispielsweise 'Können Blumen niesen?'." Je nach Operationsgebiet wird der Patient auch nach Gefühlsempfinden, Sehstörungen und Stimmungsschwankungen befragt. Bei Operationen in den motorischen Arealen benachbarten Gebieten wird der Patient gebeten, ein Körperteil zu bewegen. So wird ermittelt, inwieweit Tumorgewebe entfernt werden kann, ohne dass Ausfallerscheinungen ausgelöst werden. Die Patienten werden während der Operation von Anästhesisten und Psychologen betreut.

 

Bei der Wachkraniotomie hilft der Patient aktiv bei der Navigation durch sein Gehirn mit


"Mit diesen funktionellen Tests ist es möglich, wichtige funktionstüchtige Hirnareale präziser von Tumorgewebe abzugrenzen und dadurch Hirntumore sowohl radikaler als auch schonender zu resezieren."

 

Weitere Informationen

Neurochirurgische Universitätsklinik

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