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  • 01.12.2016

Plötzlich Patient - Blog 1

 

 

 

Heute hatte ich mal wieder ein MRT. Könnte Nummer 23 oder 24 gewesen sein, so genau weiß ich es inzwischen nicht mehr. Auf der Suche nach brauchbaren Venen für einen Zugang, mühten sich die beiden Schwestern ziemlich ab, denn ich sehe zwar nicht so aus, aber trotz meines Alters ist meine Krankenakte schon ziemlich dick und meine Venen entsprechend vernarbt.

In den Köpfen der Menschen passt das nicht zusammen: jemand der jung ist, und krank. Oder jemand, der (fast) Arzt ist und krank. Dass diese Faktoren zusammenkommen, das ist für die meisten so wahrscheinlich wie ein Fuß, der einfach so beim Laufen bricht.


Auf mich treffen all diese 3 „Un“-Wahrscheinlichkeiten zu. Ich bin der Ausreißer in einer Statistik, den man normalerweise wegstreicht und am Ende Messfehler nennt. In der Medizin sind solche Ausreißer sehr unbeliebt: Sie sind der Grund, warum es nie eine hundertprozentige Sicherheit gibt. Definitiv ist eine Vokabel, die den Medizinern zwar leicht über die Lippen kommt, aber so einfach ist das oft nicht.

Mein Mitbewohner und ich haben einmal spät abends eine leidenschaftliche Diskussion begonnen, wer das bessere Studienfach habe. Eigentlich waren wir beide auf dem Weg ins Bett, aber keiner konnte diese Debatte unvollendet stehen lassen. Also machten wir auf der jeweiligen Türschwelle kehrt und standen da, in der Dunkelheit, einige Meter voneinander entfernt, und verteidigten unsere natürlich definitiv bessere Entscheidung Medizin zu studieren, oder Psychologie. Eins meiner wichtigsten Argumente war, dass man in der Psychologie selten wirklich greifbare Messwerte zu Hilfe nehmen kann, wenn es darum geht, eine These zu bestätigen. Wir in der Medizin haben unzählige Apparate, die uns am Ende einen Wert ausspucken, mit dem man meint, eine sichere Aussage darüber treffen zu können, ob jemand krank ist oder nicht.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aus eigener Erfahrung schon längst, dass dem nicht so ist. Und obwohl mir die Wahrheit schmerzlich bewusst war, hielt ich noch einige Zeit daran fest. Es macht vieles einfacher, wenn man sie ignoriert, denn die Menschen mögen die Gewissheit. Nichts macht ihnen mehr Angst, als etwas, das unsicher ist.

Es fing an im Juli 2013. Wir waren das ganze Wochenende feiern, mein ehemaliger Mitbewohner war aus Berlin gekommen. Der Mitbewohner, der mir damals beigebracht hatte, wie „hart abfeiern“ geht. Also kam ich erst früh morgens nach Hause, und entkaterte das restliche Wochenende mit Tütchensuppe und Dokus aus der Mediathek.

Der Kater hielt sich erstaunlicherweise mehrere Tage und schien eher schlechter denn besser zu werden. Am Dienstag kam es mir verdächtig vor, dass ich noch immer so schlecht Luft bekam. Das konnte kaum noch von zu viel Alkohol und Zigaretten kommen.

Bei der Arbeit schaute mein Chef per Ultraschall, ob ich, allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz, Pleuraergüsse hätte. Die waren einige Monate zuvor zufällig in einem MRT aufgetaucht. Ergebnis: keine Pleuraergüsse. Also doch eingebildet. Einfach keine Kondition, das wird es sein. „Ach, wo wir schon dabei sind... wir können ja mal nach einem Perikarderguss sehen. Der macht auch Luftnot.“ Ich lachte und er selbst grinste auch. Aber gut, wo wir dabei waren...
„Du hast tatsächlich einen Perikarderguss.“ Wie bitte? Woher? Einen Perikarderguss vom Feiern, na hallelulja, da hatte ich wohl von allen am härtesten abgefeiert!

Am nächsten Tag kamen die Schmerzen dazu. Vorne, hinterm Brustbein. Brennend, kontinuierlich. Ich machte noch Witze und schrieb einem Bekannten via WhatsApp: „Fühle mich wie IronMan“, ein Bild von Robert Downey Jr. im Anhang, im roten Eisenanzug, in der Mitte des Brustkorbs diese unendliche Energiequelle, die innerlich bestimmt genauso brannte, wie ich es empfand.

Am Donnerstag waren sie so schlimm, dass alle frei verkäuflichen Schmerzmittel nur zwei Stunden Erleichterung schafften und ich nur in gebückter Haltung bleiben konnte. Sobald ich einige Meter gegangen war, begann etwas meinen Thorax zusammen zu drücken, als habe man mir eine Schlaufe um den Oberkörper geschlungen hätte, die sich mit jedem Schritt mehr zusammen zog. Oder als säße jemand auf mir. Ein bisschen wie früher, wenn man beim „Haufen bilden“ das Pech hatte ganz unten zu liegen: Eine Horde Kinder lag auf einem und man konnte kaum noch Luft holen, um zu sagen, dass sie wieder runter sollten.

Freitagabend dann die Kapitulation. Selbst die Kombination aus dem, was meine Medikamentenkiste hergab, half nicht mehr. Mein anfänglicher „Kater“ brachte mich Freitagabend um halb zehn auf die Überwachungsstation der Kardiologie. Der Betreuer meiner Doktorarbeit hatte Dienst, ich bekam ein Bett auf der Station, auf der ich vor einem Jahr famuliert hatte.
Und damit begann der Abschnitt Arzt Patient im Praktikum.

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