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  • 27.08.2018

Spätdienst für Fortgeschrittene

Seit einigen Wochen gibt es in unserer Klinik mehr frühe und auch mehr späte Spätdienste. Dabei ist genau festgelegt, mit welchem Ausbildungsstand man für welche Art von Dienst bzw. für welche Dienstgruppe geeignet ist. Bei den 24-Stunden-Bereitschaftsdiensten startet man beispielsweise nach einem Jahr mit dem 4. Dienst und ist dann außerhalb der regulären Arbeitszeit ab 16 Uhr hauptsächlich für die Bereiche Unfallchirurgie, Gynäkologie und Wiederherstellungschirurgie zuständig.

Bei den Spätdiensten startet man mit den frühen Spätdiensten zwischen 11 und 20 Uhr und erst die fortgeschrittenen Weiterbildungsassistenten ab dem 4. Jahr machen regelmäßig späte Spätdienste zwischen 14 und 23 Uhr. Durch einige Umstellungen im Dienstplan passierte es nun, dass ich plötzlich einen späten Spätdienst hatte. Ich war recht überrascht und prüfte mein Plan mehrfach, hatte mich aber tatsächlich nicht vertan.

Also meldete ich mich an besagtem Tag um 14 Uhr zum Dienst und wurde erstmal in die Gefäßchirurgie geschickt, um die Narkose für ein „kaltes Bein“ zu machen. Ich kannte weder die Räumlichkeiten noch die Besonderheiten einer Narkose bei Durchblutungsminderung der unteren Extremität und war über die Anweisung zunächst verwundert. Ich erkundigte mich beim zuständigen Oberarzt, der mir glücklicherweise genau erklärte, welche Narkose ich zu machen hatte.

Im Prinzip ähnelte das Vorgehen einer Intubationsnarkose in der Unfallchirurgie, sodass ich mit diesem ersten Fall keine Schwierigkeiten hatte. Nachdem ich meinen Patienten im Aufwachraum abgegeben hatte, wollte ich eigentlich eine kleine Kaffeepause einlegen. Aber mein Telefon meldete sich augenblicklich in der Kitteltasche, und die diensthabende Ärztin schickte mich in den Augen-OP. Auch diese Abteilung hatte ich noch nie zuvor betreten, Besonderheiten einer Narkose bei Augenoperation waren mir bis dato unbekannt.

Die OP hatte bereits begonnen, und ich musste nach einer freundlichen und ausführlichen Übergabe einfach nur die Narkose fortführen und die Patientin wieder aufwecken. Dank einer sehr erfahrenen Pflegekraft gelang mir auch das ohne Mühen und nach Übergabe im Aufwachraum freute ich mich auf eine längst überfällige Trinkpause. Doch noch auf dem Weg zwischen Aufwachraum und OP-Trakt klingelte erneut mein Diensttelefon.

Diesmal ging es direkt in die Handchirurgie, wo ich die Narkose einer jungen Frau nach Suizidversuch übernehmen sollte. Ich war schon ein wenig verwundert, dass mich die diensthabende Ärztin als Anfängerin gleich alleine zu so einem Fall schickte. Aber mir blieb kaum Zeit, mir groß Gedanken zu machen. Ich eilte in den entsprechenden Trakt, machte eine klassische Intubationsnarkose und brachte die Patienten im Anschluss in den Aufwachraum.

Mittlerweile war ich schon völlig unterzuckert, ausgetrocknet und musste auch dringend auf die Toilette. Aber die diensthabende Ärztin hatte kein Erbarmen. An diesem Abend war in der Universitätsklinik einfach die Hölle los. Als nächstes sollte ich in die Neurochirurgie. Das war natürlich auch wieder eine Premiere, besonders, weil es sich um einen stark übergewichtigen Patienten mit einer seltenen Blutgerinnungsstörung handelte, der in Bauchlage an einem Abszess an der Wirbelsäule operiert werden sollte. Ich kippte mir schnell einen halben Liter Wasser in die Kehle und trottete in die neurochirurgische Abteilung.

Der Patient war wirklich sehr krank und hatte einen beginnenden septischen Schock. Diesmal kam allerdings die diensthabende Ärztin dazu und half mir bei der Narkoseeinleitung und der spezifischen Vorbehandlung aufgrund der Gerinnungsstörung. Kurz vor Dienstende zeigte sie sich mit meiner Leistung und meinem Pensum sehr zufrieden. Sie wusste wohl gar nicht, dass ich erst Anfängerin war. Ich war ein bisschen stolz und fiel zuhause halbtot ins Bett. 

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