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  • Birte Burgdorf
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  • 04.02.2009

Was macht eigentlich ein ... Musikmediziner?

Einen Facharzt für Musikermedizin gibt es nicht. Dennoch haben die meisten Musikhochschulen mittlerweile einen Lehrauftrag und an drei von 26 Musikhochschulen und Konservatorien sogar einen Lehrstuhl für Musikermedizin. Ein Pionier in diesem Bereich ist der Neurologe Prof. Altenmüller, wie viele seiner Kollegen selbst passionierter Musiker. Das Institut für Musikermedizin in Hannover, dessen Leiter er ist, behandelt Musiker, betreibt Forschung zur Physiologie und Neurobiologie und engagiert sich in der Prävention von Musikererkrankungen.

 

Prof. Altenmüller - Foto: B. Burgdorf

Prof. Altenmüller, Leiter des Instituts für
Musikermedizin

 

Einmalig in Europa ist das Institut für Musikermedizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover (MTH), das 1974 gegründet wurde. Hier werden Musikphysiologie und Musikermedizin gelehrt, Forschung zur Physiologie und Neurobiologie in den Übungsabläufen von Musikern betrieben und Musikerkrankheiten erforscht, diagnostiziert und behandelt.

Die momentanen Forschungsschwerpunkte liegen bei der Wahrnehmung von Musik, der Bewegungserforschung beim Musizieren und Musikerkrankheiten.

Die fokale Dystonie steht dabei im Mittelpunkt. Von Hannover aus wird die größte Patientengruppe mit dieser Krankheit betreut (rund 500 Patienten). Das ermöglicht qualitativ hochwertige Studien. Jüngst zeichnete sich ab, dass wahrscheinlich 12-18 Prozent der Erkrankungen erblich bedingt sind. Zudem ist eine fokale Dystonie wohl nicht so lokal begrenzt wie allgemein angenommen.

Informationen zur Musikermedizin

Musikermediziner ist kein offizieller Facharzttitel, dementsprechend gibt es keine festgelegte Ausbildung für diesen Bereich. Eigeninitiative und Eigeninteresse spielen für alle Ärzte in diesem Gebiet eine große Rolle. Meist sind sie nicht nur Ärzte, sondern selber passionierte Musiker. Unter Musikern spricht sich rasch herum, welche Ärzte in dem Bereich besonders kompetent sind.

So gibt es laut Prof. Altenmüller keine Probleme mit Scharlatanen. Hierfür sei auch der finanzielle Anreiz viel zu gering, meint der Musikermediziner. Die meisten Musiker sind nicht besonders reich und nicht privat versichert.
Die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (dgfmm) bietet Interessierten regelmäßig wissenschaftliche Kongresse und Symposien zur Information und Weiterbildung.

www.dgfmm.org

Prof. Dr. Altenmüller: Werdegang und Zukunftsvisionen

Prof. Altenmüller leitet das Institut für Musikermedizin der Hochschule für Musik und Theater in Hannover seit 1994. "Mein Werdegang ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig Karrieren planbar sind!", so der Neurologe und Konzertflötist. Mehr auf Wunsch der Eltern studierte er Medizin. Während eines Studienaufenthaltes in Frankreich gab sein dortiger Flötenlehrer den Anstoß, sich doch an einer Musikhochschule zu bewerben. Erfolgreich bekam Eckart Altenmüller einen Platz bei dem Flötisten Aurèle Nicolèt in Freiburg. Orchestermusiker zu werden stand für ihn dennoch nicht zur Debatte. Zufällig entdeckte ein Freund eines tages eine kleine Anzeige der HMT im Ärzteblatt. Ein Nachfolger für Dr. Wagner am Institut für Musikermedizin wurde gesucht.

"Gereizt hat mich, dass ich von Anfang an die Arbeit hier maßgeblich mitgestalten konnte.", erklärt Altenmüller.
Drei Ziele hat er für die Zukunft: Zum einen soll "Musikermedizin und Musikphysiologie" Pflichtfach für jeden Musikstudenten werden. Außerdem wünscht er sich eine Humanisierung der Musik. Authentizität soll eine größere Rolle spielen als die Perfektion eines Vorspiels, Live-Musik anerkannter werden als professionelle Studioproduktionen. Sein Institut sähe Altenmüller gern als "Max Planck Institut für Science of Music", in dem Vertreter verschiedener Disziplinen rund um die Musikerbetreuung zusammen arbeiten und forschen.

Behandlungsmöglichkeiten von Musikern

Musiker aus aller Welt kommen hierher, um sich in Hannover behandeln zu lassen. 1 ½ Stunden nimmt sich Prof. Altenmüller pro Patient Zeit, erhebt ausführliche Anamnesen, lässt die Musiker auf ihrem Instrument spielen, bevor weitere Untersuchungen wie beispielsweise ein EMG folgen.
Durch ausführliche Erläuterungen der pathogenen Mechanismen und das Aufzeigen von Auswegen aus der Krankheit dank gezielten Übens wird bei chronischen Schmerzen eine Heilungsrate von über 80 Prozent erreicht.
Musikstudenten der HMT profitieren sehr von dem Institut. Sie werden dort zum einen behandelt. Zudem werden Musikphysiologie-Vorlesungen angeboten. Auch mit den Musikdozenten gibt es eine enge Zusammenarbeit. Bei Problemen werden zum Teil Schüler und Lehrer gemeinsam bei Prof. Altenmüller vorstellig und ganze Klassen besuchen das Institut. Diese Präventionsarbeit wird von 80 Prozent der Studenten als sehr wichtig bis wichtig angesehen. Vor allem von Osteuropäern, Deutschen und US-Amerikanern wird sie stark nachgefragt.
Mittlerweile hat dieses Konzept viele Nachahmer gefunden. Deutschlandweit gibt es kaum eine Musikhochschule, an der es nicht zumindest einen Lehrauftrag für Musikermedizin gibt. An drei von 26 Musikhochschulen und Konservatorien gibt es sogar einen Lehrstuhl für Musikermedizin. Darüber freut sich Prof. Altenmüller natürlich. Es zeigt, wie überzeugend und sinnvoll diese Verknüpfung aus Forschung und Lehre, Behandlung und Aufklärung im Bereich der Musikermedizin ist.

Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin

 

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