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  • AG Junge Degro
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  • 05.11.2018

Strahlentherapie - Mit vereinten Kräften gegen den Krebs

Was macht eigentlich ein Facharzt für Strahlentherapie genau? Welche Krankheiten werden in diesem Fachgebiet behandelt?

Vorweg: Ein Strahlenmediziner vereinsamt keineswegs im dunklen Kämmerlein! Vielmehr ist Strahlentherapie ein äußerst vielseitiges, interdisziplinäres Fach, das jede Menge Teamgeist und Fingerspitzengefühl für Mensch und Technik erfordert. Als zentrale Disziplin der Onkologie steht die Behandlung krebskranker Patienten im Vordergrund. Das Behandlungsspektrum ist weit gefächert, es reicht vom Gehirntumor bis zum Weichteilsarkom des Unterschenkels. Die Patienten gehören allen Altersklassen an, vom Kleinkind bis zum Greis. Die Tätigkeit des Strahlentherapeuten ist abwechslungsreich, erfordert ein breites Fachwissen und viel Empathie, um sich auf jeden Patienten individuell einstellen zu können. 

Während der Behandlung ist der Radioonkologe der erste Ansprechpartner für den Patienten, er koordiniert Strahlen-, Chemo- und Immuntherapie sowie die gezielte Krebstherapie (engl. "targeted therapy") und kümmert sich um die Behandlung möglicher Nebenwirkungen. Auch Schmerz- und Ernährungstherapie sowie Kenntnisse in der Palliativmedizin gehören zum Handwerkszeug des Strahlentherapeuten. Nach die Therapie abgeschlossen ist werden die Patienten regelmäßig zur Nachsorge einbestellt, sodass ein intensives Arzt-Patienten-Verhältnis entsteht. Das Ergebnis ist eine sogenannte personalisierte multimodale Therapie.

Für eine optimale Therapie ist es wichtig, sich mit Kollegen aus anderen medizinischen Disziplinen wie den chirurgischen Fächern oder der Inneren Medizin auszutauschen. Strahlentherapeuten nehmen an allen Tumorkonferenzen teil und werden häufig konsiliarisch zu onkologischen Patienten hinzugezogen. Auch innerhalb der Klinik müssen verschiedene Berufsgruppen wie Ärzte, Medizinphysiker, Pflegekräfte, medizinisch-technische Assistenten als Team funktionieren, um den Patienten die bestmögliche Therapie zu ermöglichen.

Technische Grundlagen

Als Strahlentherapeut muss man weder Physik- noch Technik-Nerd sein. Ein wenig Grundlagenwissen sollte man dennoch mitbringen, wenn man tonnenschwere Therapiegeräte bedient, die im Minutentakt den Patienten umkreisen. Räumlich und zeitlich hochaufgelöste Bilddaten der Röntgen-, Magnetresonanz- und Emissionstomographie liefern die Grundlagen. Das Ergebnis komplexer Bildverarbeitungs- und Dosisoptimierungsalgorithmen ist ein je nach Entität des Tumors hochmodulierter Bestrahlungsplan. 

Und wer denkt, dass die Strahlentherapeuten das technologische Potential bereits ausgereizt haben, liegt falsch. Die nächste Faszination Technik wartet auf ihren Einsatz: Interdisziplinäre Forschungsnetzwerke u.a. zur Miniaturisierung großflächiger Beschleunigeranlagen der Teilchenphysik, Integration von Künstlicher Intelligenz mittels Radiomics und Machine Learning in der Therapieplanung und Bestrahlung von Tumoren mit gleichzeitiger (funktioneller) Magnetresonanz-Bildgebung zeigen eindrucksvoll das Arsenal des Strahlentherapeuten im Kampf gegen den Krebs.

Bench und Bedside – Mythos oder Realität?

Parallel zu den technischen Entwicklungen ist in den letzten Jahren eine strahlenbiologische Forschungslandschaft entstanden, die vor allem von ihrer Interdisziplinarität und ganz besonders von der hohen Umsetzung am Krankenbett lebt. So ist es heute unumgänglich, die Wirkung von molekular zielgerichteten Therapien vor dem Einzug in die Klinik entsprechend in komplexen in vitro und präklinischen Modellen zu evaluieren. Das beinhaltet nicht nur zu prüfen, ob ein Tumor auf die Strahlentherapie anspricht, sondern auch potentielle Nebenwirkungen einer Kombinationsbehandlung zu kennen, systemische Effekte zu analysieren, die durch multimodale Therapien ausgelöst werden und biologische Marker herauszustellen, die diese Wirkungen vorhersagen können. 

Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist essentiell, um Patienten und deren Erkrankung individualisiert zu behandeln, denn leider profitiert trotz einer Vielzahl an Therapeutika bislang nur ein kleiner Teil der Patienten. Umso wichtiger ist daher der Gedanke der interdisziplinären Zusammenarbeit, denn das Ziel der maßgeschneiderten effektiven Tumorbekämpfung kann nur durch eine starke Vernetzung der Strahlenbiologie, Radioonkologie, Medizinphysik und anderer benachbarten onkologisch arbeitenden Disziplinen erreicht werden.

Aktive Mitgestaltung

Um die Zukunft der Strahlentherapie aktiv mitgestalten zu können, wurde die Arbeitsgemeinschaft „junge DEGRO“ (jDEGRO) der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) als Zusammenschluss junger Mediziner, Medizinphysiker und Strahlenbiologen ins Leben gerufen. Die jDEGRO ist ein offenes Netzwerk, das den examinierten Nachwuchs aus den eigenen Reihen fördern sowie Weiterbildung und Forschung optimieren will.

Dazu gehört auch, die jährlichen Jahrestagungen der DEGRO mitzugestalten: Tagungsbeiträge werden begutachtet, wissenschaftlichen Sitzungen moderiert oder eigene Veranstaltungen organisiert. Außerdem beteiligt sich die jDEGRO daran, die Facharztausbildung zu aktualisieren und setzt sich dafür ein, das Fortbildungsangebot zu verbessern. Eine deutschlandweite Umfrage der jDEGRO zur Facharztausbildung im Fach Strahlentherapie zeigte, das junge Kollegen sehr zufrieden in ihrem Fach sind und die hervorragende Qualität der Weiterbildung loben (1).

Die jDEGRO leistete Pionierarbeit, indem sie eine eigene Forschungsgruppe junger Strahlentherapeuten, Medizinphysiker und Strahlenbiologen gründete - die „yDEGRO Trial Group“. Ein wichtiges Ziel der Gruppe ist, ein effektives Forschungsnetzwerk junger Nachwuchswissenschaftler aufzubauen, das nicht nur den Zugang zur klinischen radioonkologischen Forschung erleichtert, sondern auch eigenständige klinische Forschungsprojekte entwickelt und umsetzt. 

Mit der retrospektiven, multizentrischen Studie zur prognostischen Bedeutung von Tumorvolumenveränderungen in der Strahlentherapie des nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms (2,3) startete die Trial Group 2017 ihr erstes Pilotprojekt, an dem sich insgesamt 19 strahlentherapeutische Einrichtungen in Deutschland beteiligen. Das Besondere an diesem Projekt: Es wurde von der Studienidee bis hin zur Datenauswertung von jungen Kollegen realisiert.

Gruppenfoto der jDEGRO auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (Leipzig 2018)

Weitere Informationen

Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e.V.
Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 47, 10117 Berlin
Telefon: +49 30 8441 9188
Telefax: +49 30 8441 9189
E-Mail: office@degro.org

AG junge DEGRO
Sprecher: Dr. med. Christian Ostheimer, Dr. med. Nadja Ebert
E-Mail: info@jdegro.org
Website: https://www.degro.org/jd/

Literatur

1. Dietzel, C.T., Jablonska, K., Niyazi, M., Gauer T., Ebert N., Ostheimer C., Krug D. (2018) Quality of training in radiation oncology in Germany: where do we stand? : Results from a 2016/2017 survey performed by the working group "young DEGRO" of the German society of radiation oncology (DEGRO). Strahlenther Onkol 194: 293. https://doi.org/10.1007/s00066-017-1250-6
2. Käsmann, L., Niyazi, M., Blanck, O., Baues C. Baumann R., Dobiasch S., Eze C., Fleischmann D., Gauer T., Giordano FA, Goy Y, Hausmann J, Henkenberens C, Kaul D., Klook L., Krug D, Mäurer M., Panje C.M., Rosenbrock J., Sautter L., Schmitt D., Süß C., Thieme A.H., Trommer-Nestler M., Ziegler S., Ebert N., Medenwald D., Ostheimer C. (2018) Predictive and prognostic value of tumor volume and its changes during radical radiotherapy of stage III non-small cell lung cancer (Young DEGRO Trial Group) Strahlenther Onkol 194: 79. https://doi.org/10.1007/s00066-017-1221-y
3. https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03055715?cond=NSCLC&cntry=DE&draw=2&rank=71 (25. Mai 2018)

Affiliationen

Michael Oertel: Klinik für Strahlentherapie – Radioonkologie, Universitätsklinikum Münster
Matthias Mäurer: Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Universitätsklinikum Jena, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tobias Gauer: Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Benjamin Frey: Strahlenklinik, Universitätsklinikum Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Anne Vehlow: Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), Partnerstandort Dresden und Nationales Zentrum für Strahlenforschung in der Onkologie (OncoRay), Dresden
Nadja Ebert: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg, Deutschland
Christian Ostheimer: Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale), Deutschland

Fotos:  © MCI Deutschland GmbH/Thomas Ecke

 

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