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  • Christine Zilinski
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  • 17.02.2015

Facharztcheck Urologie – Mit viel Hightech und Gefühl

Urologen? Die kümmern sich doch nur um Männerleiden ... Falsch! Der Urologe ist für alle da! Er ist auch keineswegs nur der „Harnweg-Klempner“, der vor lauter Nierensteinen keinen Patienten mehr sieht. In diesem Fach braucht man neben ­technischem Know-how viel Fingerspitzengefühl und ein sensibles Ohr für die intimen Probleme der Menschen, die zu einem kommen.

 

Facharzt Urologie - Foto: Kirsten Oborny

Der Umgang mit den ableitenden Harnwegen gehört zum Kerngeschäft jedes Urologen. Hier macht der Arzt gerade eine Blasenspiegelung. Foto: Kirsten Oborny

 

"Oh barmherzige Isis, wie das drückt!“, denkt sich Sethos. Er steht hinter einer Pyramide und versucht, Wasser zu lassen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn seit einigen Tagen leidet er unter Ischurie, seine Blase entleert sich nicht vollständig. Als das drängende Gefühl unerträglich wird, geht er zum Arzt. Der tastet Sethos’ Bauch ab und entdeckt dabei das prall gefüllte Hohlorgan im Unterbauch. Kurz entschlossen greift er zu einem bronzenen Röhrchen, das er eigentlich für ein alchemistisches Experiment verwenden wollte. Vorsichtig schiebt er es in Sethos’ Harnröhre – bis sich der gestaute Urin mit einem dampfenden Strahl durch den starren Katheter entleert. Sethos atmet auf.

So oder so ähnlich könnte sich die Geburt der Urologie vor 3.000 Jahren abgespielt haben. Etwa 600 Jahre später im antiken Griechenland weiß auch Hippokrates um die Störun­gen beim Wasserlassen. Er beobachtet zudem, dass manche seiner Patienten an Blasensteinen leiden, die häufig grausame Schmerzen verursachen. Einige Heilkundige beherrschen schon damals das Verfahren des Steinschnitts: Sie setzen am Damm einen Schnitt, über den sie mit feinen Zangen den Stein aus der Blase bergen. Doch obwohl das Verfahren erfolg­reich ist, möchte der Urvater des Eides davon nichts wissen. Hippokrates erklärt, diese Arbeit sei eher etwas für Hand­werker.

So wird im Mittelalter der „Steinschneider“ oder „Litho­tom“ zu einem eigenen Berufsbild, der im Ansehen weit unter dem „Medicus“ rangiert. Erst in der frühen Neuzeit be­ginnen sich Hippokrates‘ Nachfahren seiner Em­pfehlung zu widersetzen: Chirurgen wie Marianus Sanctus oder Jean Baseilhac operieren Patienten mit Harnsteinen, verfeinern die Technik – und werden somit die ersten eigen­tlichen Uro­logen. 1633 wagt sich Marchetti mit einem Lenden­schnitt an die Niere und führt die weltweit erste Nephrolithotomie durch. Zur selben Zeit entwickelt der französische Arzt Civiale ein zangenartiges Gerät zur Zertrümmerung und Ent­fernung der Steine über die Harnröhre. Damit legt er den Grundstein für die Lithotripsie – ein Verfahren, das heute als extra­korporale Stoßwellenlithotripsie eingesetzt wird. Hierbei werden die Steine mittels Ultraschall zertrümmert, was für die Patienten natürlich deutlich komfortabler ist.

 

Typisch Urologie: Rasch an den Tisch

Haben sich die ersten Urologen noch stark auf die Entfernung von Harnsteinen fokussiert, ist das Repertoire der Krankheiten, die Urologen heutzutage behandeln, deut­lich umfang­reicher: Von chirurgischen und endoskopischen Eingriffen, über Beurteilungen bei Missbrauchsfällen bis zur Nachsorge von Krebspatienten ist alles dabei. Typische Erkrankungen bei Männern sind z. B. das Prostata-Ca oder die erektile Dysfunktion. Frauen leiden oft an Nierenbeckenentzündungen. Raucher leiden häufig an Blasen­krebs. Muss die Blase komplett entfernt werden, rekonstruieren die Urologen aus dem Dünndarm eine Neoblase. Kinder leiden meist an Miss­bildungen der Harnwege, z. B. des Nierenkelchs. Bei männlichen Jugend­lichen treten öfter Balanitiden (Eichelent­zündungen) oder Phimosen (Vorhautverengungen) auf.

Für Dr. Anika Winkel, Assistenzärztin in der Urologie Recklinghausen, war die Beseitigung einer Phimose die erste „eigene“ OP. Schon nach zwei Wochen Assistenzzeit durfte sie diesen Eingriff unter Anleitung durchführen: „So eine Phimose-OP geht zügig und relativ einfach“, erklärt sie. „Dann folgen rasch die anderen OPs. So hat man ständig Erfolgserlebnis­se.“ Entsprechend schaffen Urologen in spe den Weiter­bildungs­katalog in den dafür vorgesehenen fünf Jahren meis­t ganz gut. Auch in die Diagnostik und Therapie urologi­scher Not­fälle ist Anika Winkel schon sehr gut eingeführt. Kommt zu ihr in die Ambulanz ein Patient mit Hodentorsion, schickt sie ihn nach kurzer manueller Untersuchung direkt in den OP. Dort fixiert sie den Hoden per Orchidopexie am Skrotum. Am nächsten Tag kann der Patient dann schon wieder nach Hause. Im ­Intervall wird dann auch noch der zweite Hoden pexiert.

 

Ein kleines Fach mit vielen Einsatzgebieten: Neben dem handwerklichen, chirurgischen Geschick, das im OP nötig ist, zeigen Urologen auch bei der täglichen Visite viel Einfühlungsvermögen. Foto: Kirsten Oborny

 

Urologie - Foto: Kirsten Oborny

Beim Abtasten eines Bauches ist die Zuwendung zur Patientin wichtig. Foto: Kirsten Oborny

 

Urologie - Foto: Kirsten Oborny

Auch in der Bildgebung sind Urologen fit: Klagt ein Patient über schwere Unterleibsschmerzen, kann der Blick mit dem Ultraschallkopf eine schnelle Diagnose liefern. Hier überprüft der Urologe bei einem postoperativen Patienten die Nahtstelle zwischen Blase und Harnröhre. Foto: Kirsten Oborny

 

Keine Angst vor dummen Sprüchen!

So faszinierend die Urologie für die Ärzte ist, die in ihr arbeiten. Bei jungen Medizinern hat sie ein Imageproblem. Die wenigsten beginnen ihr Studium mit dem Gedanken, später in einem Fach zu arbeiten, in dem der ungehinderte Urinfluss ein zentrales Ziel ist. Auch für Prof. Jens Rassweiler, Chefarzt der Urologischen Klinik in Heilbronn, war die Urologie nicht der erste Berufswunsch. „Ich wollte viel lieber in die Gynäkologie!“, gibt er zu. Erst als er über seine Doktorarbeit mit dem Fach in Kontakt kam, entzündete sich seine Begeisterung. Heute ist die Urologie Prof. Rassweiler so wichtig, dass sie ihn sogar in der Freizeit nicht loslässt: Seit Jahren ist er Sänger und Gitarrist in der Mannheim Uroband. Dass Songs wie „Oh Prostata“ oder „Samba Urologica“ dabei nicht gerade brav da­her­kommen, hat nicht nur mit dem ganz speziellen Humor der Uro­logen zu tun. Mit seinen Liedern möchte er angehenden Urologen auch die Angst vor dem Fach nehmen.

Das gilt auch für Frauen, die sich für das Fach interessieren. Denn es gibt keinen Grund, warum sie die Urologie meiden sollten. Anika Winkel ist dafür das beste Beispiel. „Es gibt nur sehr wenige Patienten, die sich von mir nicht behandeln lassen möchten. Es passiert höchs­tens zweimal pro Halbjahr, dass ein Patient einen männlichen Kollegen verlangt – vielleicht auch deswegen, weil ich sehr ­resolut auftrete.“ Sie hofft, dass ihr bald mehr Kollegin­nen nach­folgen werden. Ihrer Erfahrung nach beachten Frauen noch mehr als Männer nicht nur die OP, sondern auch die Bedürfnisse der Patienten. „Mein Fokus liegt gefühlt mehr auf den onkologischen Patienten, ich überlege mir: Wie kann man die am besten weiter betreuen? Braucht der Patient noch eine Psycho­onkologin oder eine weiterführende Therapie?“

Über die Situation, dass sie sich als Urologin täglich mit – oft männlichen – Harnwegen und Geschlechtsteilen be­schäf­tigen muss, grübelt Anika Winkel nicht nach. Ein viel präsen­teres Thema ist für sie die Arbeitsbelastung, die in der Urologie durchaus hoch ist. Die wenigsten Urologen arbeiten nur die tariflich vorgegebenen 48 Stunden pro Woche. Dr. Winkel hat offiziell Arbeitsschluss um 16.00 Uhr. Meist kommt sie aber erst zwischen 17.30 und 19.00 Uhr aus der Klinik. „Das liegt am hohen Patientenaufkommen. Bis man die ganzen Neu­auf­nahmen durch hat, dauert‘s einfach“, erklärt sie. Prof. Rass­weiler arbeitet selbst zwar durchschnittlich 60 Stunden pro Woche. Er ist sich aber sicher, dass ein Trend zu mehr Familien­freund­lich­keit existiert. Ärzte in der Urologie haben zudem die Möglich­keit, aus der Klinik in eine eigene Praxis zu gehen. Dort ist laut Anika Winkel auch eher an Familie zu denken.

 

Urologische OP - Foto: Kirsten Oborny

Das Prostata-Ca zählt zu den häufigsten „Männer-Krankheiten“. Die Resektion des Tumors erfolgt wie hier häufig laparoskopisch. Foto: Kirsten Oborny 

 

Zukunft: Bangemachen gilt nicht!

Arbeitslosigkeit müssen Urologen nicht fürchten. Dr. Axel Schroeder, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Urologen, schätzt die Beschäftigungs­situation für Urologen als sehr gut ein. „Dank demografischem Wandel werden künftig immer mehr Patienten zum Urologen gehen, weil sich Nieren- und Prostataerkrankungen v. a. im höheren Alter häufen.“ Auch Prof. Rassweiler sieht die Jobperspek­tiven künftiger Urologen rosig – auf der anderen Seite fürchtet er, dass das momentan noch breite Einsatz­gebiet der Uro­logen allmählich eingeschränkt wird. „Es wird in unserem Fach vermutlich keine Generalisten mehr geben“, wagt er die Progno­se. Im Ausland ist es schon üblich, dass sämtliche onkologischen und radiologischen Tätigkeiten in der Urologie von Spezialisten ausgeführt werden.

Wenn Prof. Rass­weiler internationalen Kollegen erzählt, dass er bei Krebspatienten selbst die Chemotherapie anordnet, hört er als erstaunte Reaktion, dass bei ihnen dafür der medical oncologist zuständig sei. Diese Entwicklung zeigt sich auch in der vom Deutschen Ärztetag reformierten Weiter­bildungsordnung (WBO): Nachdem daraus Kernbereiche wie die medikamentöse Tumortherapie oder Onkologie gestrichen wurden, müssen Assistenz­ärzte durch verschiedene Kliniken rotieren, um diese Themen abzudecken. Das führt zu Engpässen: „Um die Urologen in den aus der WBO gestrichenen Bereichen aus­zubilden, müssen wir ergänzende Kliniken bemühen“, erläutert Dr. Schroeder. „In Zukunft werden nieder­gelassene Ärzte nicht umhinkommen, ihren Nachfolgern eine umfassende Weiter­bildung anzubieten.“

Auch die Konkurrenz zur Chirurgie verkleinert das Arbeitsfeld der Urologie. So streiten sich Urologen und Chirurgen z. B. um die Zuständigkeit bei Nebennieren-OPs und bei Nierentransplantationen. Trotzdem hat Prof. Rassweiler keine Angst um sein Fach: „Der Urologe wird langfristig überleben“, ist er sich sicher. „Wenn nicht als Generalist, dann zusammen mit anderen in einem Team von Spezialisten.“

 

Motto: „Wir sind die Besten!“

In welche Richtung sich die Urologie auch entwickeln wird, ein Trend ist unverkennbar: Sie wird immer technischer. Die Trans­urethrale Prostataresektion (TUR) bei benigner Prostata­hyperplasie, bei der mit einem Resekto­skop eine vergrößerte Prostata über die Harn­röhre entfernt wird, ist dabei schon ein alter Hut. Ein aktuelles Beispiel ist der „DaVinci-Roboter“, der in immer mehr urologischen Kliniken zum Einsatz kommt. Er setzt die Aktionen des Operateurs in Bewegungen um, die deutlich präziser sind, als es mit der menschlichen Hand möglich wäre. So ver­ringert diese Maschine im Vergleich zur herkömmlichen laparoskopischen Prostatektomie das Risiko, dass ein Patient inkontinent wird. Das passiert, wenn die Harnröhre nicht leckfrei wieder an die Blase angenäht wird und dadurch eine Anastomoseninsuffizienz entsteht.

Die neueste Entwicklung auf dem Gebiet der Hightech-OP ist die „Navigation“ mit dem iPad. „Das ist etwas ganz Verrücktes“, erzählt Prof. Rassweiler lachend. Er hat das System als weltweit erster Urologe an einem Patienten mit Nieren­steinen angewendet. Das DKFZ in Heidelberg hat das zugrunde ­liegende Prinzip entwickelt. Die Technik bietet ein 3-D-Bild des OP-Zielorgans, ohne den Patienten dafür aufzuschneiden. Wenn Prof. Rassweiler einen Patienten für einen Eingriff vorbereitet, klebt er zunächst den OP-Bereich um die Nieren mit farbigen Ankerpunkten ab. Dann legt er den Patienten in Bauchlage ins CT-Gerät und scannt das Organ.

Tags drauf wird der Patient in derselben Stellung operiert. Ein Rechner projiziert mittels WLan das 3-D-Nieren-Bild vom Vortag auf das iPad. Und wenn Prof. Rassweiler die iPad-Kamera auf den Rücken des Patienten richtet, sieht er jetzt das Live-Bild der Niere mitsamt Stein – durch die Ankerpunkte exakt im Körper des Patienten verortet. So kann er gezielt seine Inzision dort setzen, wo der Nierenstein liegt. Ein ähnliches Vorgehen ist natürlich auch mit Ultraschall möglich. Doch dank iPad stören keine lästigen Hände oder Schallköpfe die Sicht. Prof. Rassweiler ist begeistert von solchen technischen Neuerungen im OP – schließlich hat er auch mal Physik studiert, woraus er sich einen Anflug von Erfindermentalität bewahrt hat.

Das ist typisch für viele Urologen: Ihr Tätigkeitsfeld ist über­sichtlich – aber dort bringen sie sich voll ein. Für Anika Winkel macht dies einen großen Teil ihrer Begeisterung für ihr Fach aus: „Urologie ist zwar eher ein sogenanntes kleines Fach“, erklärt sie. „Das erlaubt einem aber, darin richtig gut zu werden und alle Tricks und Kniffe zu verstehen.“ Urologen machen einen tollen Job in einem Bereich, über den im täglichen Leben kaum gesprochen wird, dessen Patienten aber trotzdem sehr leiden. Das Selbstbewusstsein, diese Arbeit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sehr gut zu machen, spricht aus einer Liedzeile eines Songs der Uroband von Prof. Rassweiler: „Wir sind die besten Urologen, wir killen Steine und Tumoren, wir flicken Blasen, retten Hoden, wir sind die besten Urologen.“

 


Weiterbildung:

Kerngebiet der Urologie sind die Erkrankungen des männlichen Urogenital­systems und der weiblichen Harnorgane. Die Weiterbildung dauert 5 Jahre. Davon können 12 Monate im ambulanten Bereich abgeleistet werden. Außerdem können auch bis zu 12 Monate in der stationären Patienten­versorgung im Gebiet Chirurgie und bis zu 6 Monate in einem anderen Gebiet angerechnet werden. 

Die Besten für die Urologie

Schon seit einigen Jahren unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) Medizin­studenten, die sich für dieses Fach begeistern, mit dem Förder­programm „Die Besten für die Urologie“. Das Programm beinhaltet eine zweitägige Reise zum Jahreskongress der DGU. Bewerben können sich Studenten im klinischen Studienabschnitt mit sehr guten Leistungen im Bereich der Urologie.

Mehr unter www.dgu-kongress.de

 

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