Zurück zu Allgemeine Infos
  • Info
  • |
  • Marita Thiel
  • |
  • 27.07.2012

Weiterbildung und Aufbaustudiengänge für Mediziner

Selten waren die Perspektiven für Mediziner so breit gefächert und so vielgestaltig wie heute. Marita Thiel erklärt, welche Aufbaustudiengänge und Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt.

Nach Erhalt der Approbation muss sich der frisch gebackene Mediziner für eine Fachrichtung entscheiden - vorausgesetzt er wandert nicht direkt in die Industrie, Personalberatung oder den journalistischen Bereich ab. Wie die Weiterbildung zum Facharzt geregelt ist und welche Bedingungen dafür erfüllt werden müssen, obliegt den zuständigen Ärztekammern. Auf der Grundlage einer Weiterbildungsordnung sollen definierte ärztliche Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden, um so eine möglichst einheitlich geregelte Ausbildung zu gewährleisten.

CME und die medizinische Qualitätssicherung

Die im Bundesgesetz verankerte Verpflichtung der Ärzte zur kontinuierlichen Weiterbildung wurde im Januar 2004 mit dem Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GMG) verabschiedet. Damit ist jeder praktizierende Facharzt in Deutschland zur regelmäßigen Weiterbildung verpflichtet. CME, continuing medical education, heißt das anglo-amerikanische Zauberwort und es steht für die permanente und berufsbegleitende Fortbildung des kurativ tätigen Facharztes. Erwirbt dieser in einem Zeitraum von 5 Jahren 250 CME Punkte, so erhält er von der zuständigen Ärztekammer ein Fortbildungszertifikat und kann dieses Fleißkärtchen als Nachweis seiner erbrachten Fortbildungspflicht der Kassenärztlichen Vereinigung präsentieren. Gedacht ist dieses Vorgehen als ein Teil medizinischer Qualitätssicherung. Punkte können unter anderem durch nachweisbares Eigenstudium von Fachartikeln, der Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen und durch klinische Fortbildung gesammelt werden.

Eine der führenden Organisationen mit Vorträgen namhafter Wissenschaftler und Experten ist das Forum für medizinische Fortbildung. Im gesamten deutschsprachigen Raum bietet diese Organisation fundierte Auffrischungskurse und Seminare zu aktuellen Themen der wichtigsten Fachrichtungen an. Im Gegensatz zu unzähligen anderen Organisationen macht das Unternehmen keinen Hehl daraus, dass einige seiner Hauptsponsoren der Pharmaindustrie entspringen. Der Gesetzgeber sieht nämlich vor, dass die ärztliche CME-Weiterbildung frei von wirtschaftlichen Interessen sei. Ein hehrer Anspruch, der angesichts eines immensen Bedarfs zwangsläufig fern der Realität ist.

 

Fachärztliche Zusatzbezeichnungen aus dem Reich alternativer Heilmethoden

Der Trend hin zu alternativen Heilmethoden ist ungebrochen. Ob der ärztliche Beweggrund für den Blick über den Tellerrand dabei eher medizinisch oder eher betriebswirtschaftlich begründet ist, sei dahingestellt. Fest steht, dass viele Patienten an alternativen Therapien interessiert sind. Und dies am ehesten dann, wenn die so genannte Schulmedizin keine Lösungen mehr hervor zu bringen weiß. Das Weiterbildungsangebot in diesem Zweig ist schier unüberblickbar und es erstreckt sich über den gesamten Globus von Beijing bis Zürich.

Dem Interessierten sei hier unbedingt angeraten, die Angebote kritisch zu durchleuchten und auf Seriosität abzuklopfen. Im ersten Schritt sind dabei ein klares Curriculum, ein strukturierter zeitlicher Rahmen der Ausbildung sowie ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis richtungsweisend. Ferner sollte man wissen, dass der Erwerb der Zusatzbezeichnung Akupunktur, wie alle weiteren Zusatzbezeichnungen auch, von den jeweiligen Ärztekammern im Rahmen der neuen Weiterbildungsordnung (WO) geregelt wird. Imponierende Zertifikate verkommen somit schnell zum schnöden Wandschmuck.

Die Deutsche Gesellschaft für traditionelle chinesische Medizin, DGTCM, bietet eine fünfjährige Ausbildung für Ärzte an. Die insgesamt 600 Ausbildungsstunden können jedoch entsprechend dem eigenen Zeitmanagement auf einen kürzen oder längeren Zeitraum veranschlagt werden. Hinzu kommt ein Praktikum von 200 Stunden. Ein Schwerpunkt der Ausbildung liegt neben der Akupunktur in der chinesischen Pharmakologie, Diätetik und speziellen Behandlungsmethoden wie Qigong und Tuina. Ein möglicher Vorteil ist die Ausrichtung der Ausbildung an den Standards der International Scientific Chinese Medicine Association, ISCMA. Damit ist die Ausbildung derzeit auf einen Master-Studiengang der portugiesischen Universität Porto voll anrechenbar.

Einen dreigeteilten Weg für den Erwerb der Zusatzbezeichnung Akupunktur für Humanmediziner bietet die Deutsche Akademie für Akupunktur, DAA e.V., an. Auf eine Grundqualifikation folgt ein praxisbetonter Teil in traditioneller chinesischer Medizin, der dann in die Vollqualifikation mündet. Auch hier beläuft sich der Stundenumfang auf nahezu 700 Stunden. Der Vorteil: Die Ausbildung deckt das aktuelle Kursbuch Akupunktur der Bundesärztekammer ab. Dafür muss noch nicht einmal der gesamte Stundenumfang absolviert werden.

Wer sich eher für indische Heilmethoden interessiert, dem sticht schnell die Europäische Akademie für Ayurveda im deutschen Städtchen Birstein ins Auge. Dieses Unternehmen hat eine Weiterbildung für Mediziner konzipiert. Der insgesamt vierjährige Hochschullehrgang gliedert sich in drei Teile und wird durch klinische Praktika in Indien und Europa ergänzt. Ein Vorteil liegt zum einen im Erwerb entsprechender CME-Fortbildungspunkte, zum anderen ist die Fortführung des Studiums im Rahmen des Master of Science in Ayurveda-Medizin an der Middlesex University in London, Dubai oder Mauritius möglich.

Die Universität Duisburg Essen hebt sich mit einer Stiftungsprofessur für Naturheilkunde der Alfred Krupp von Bohlen Halbach-Stiftung aus dem Reigen hiesiger Universitäten hervor. Das Besondere ist die gewollte Verknüpfung von Schulmedizin und Naturheilkunde. Hier können Ärzte die Zusatzweiterbildung Naturheilverfahren erwerben. Phytotherapie, Hydrotherapie, Ernährung und Bewegung sind ebenso Teil der Ausbildung wie die Mind/Body Medicine und komplementärmedizinische Anwendungen wie Neuraltherapie, Schröpfen, Blutegel und weitere ausleitende Verfahren. Insgesamt vier Kurse mit 160 Unterrichtseinheiten sowie eine 12-wöchige Praxis-Hospitation führen ans Ziel. Selbstverständlich sind die Kurse zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren von den Ärztekammern anerkannt.

Ein besonderes Highlight ist die Mind/Body Medicine Summer School der Universität Duisburg Essen. Bewegungstraining, Atemtherapie und Biofeedback, Tai Chi und Yoga, Autogenes Training und Meditation: Das sind die Säulen der Mind/Body Medizin. Alljährlich pilgern Anhänger und Neugierige aus ganz Europa ins Ruhrgebiet, um therapeutische Ansätze der Mind/Body Methode im Kontext einer neuen, integrativen Medizin näher kennen zu lernen. Hochkarätige Referenten und intensive Diskussionsforen runden das Duisburger Angebot ab.

 

Aufbaustudiengänge für Mediziner

Das Gesundheitssystem wandelt sich in rasantem Tempo. Die Gründe dafür sind vielfältig. Erklärungsansätze werden in der Kostenexplosion, dem technischen Fortschritt oder dem demografischen Wandel gesucht. Hinzu kommt, dass die Landarztpraxis ein Auslaufmodell ist und sich junge Mediziner zunehmend zu Praxisgemeinschaften formieren. Gleichzeitig werden aus Krankenhäusern Großkonzerne und auch deren Bedarf an mehrgleisig ausgebildeten Führungskräften wächst. So wird der Ruf nach soliden betriebswirtschaftlichen Fundamenten immer lauter. Für den Arzt, der stets an seiner medizinischen Kompetenz feilen muss, ist dies jedoch eine Terra incognita.

Hier setzten Studiengänge zum Master of Business Administration, MBA, an. Das Feld wird von unterschiedlichsten Anbietern besetzt. Von Universitäten über Business Schools bis hin zum Fernstudium ist alles dabei. Empfehlenswert sind erfahrene Träger mit akademischem Fundament wie die Bayreuther Campus-Akademie , die als ausführender Arm der Weiterbildungsangebote der Universität Bayreuth fungiert. Vorraussetzung zur Immatrikulation sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium inklusive einer zweijährigen Berufstätigkeit. Studieren kann man meist berufsbegleitend oder in Vollzeit. Dabei sind für den akademischen Abschluss vier Semester zu absolvieren sowie eine Abschlussarbeit anzufertigen. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse gepaart mit Führungskompetenzen bilden laut der einstimmigen Versprechungen der Anbieter dann die Startrampe für einen erfolgreichen Manager im Gesundheitssystem der Zukunft.

Einen etwas anderen Blickwinkel eröffnen interdisziplinäre Aufbaustudiengänge wie der Master of Public Health (MPH). Auch hier werden Experten für das Gesundheitswesen ausgebildet. Sie sollen die zukünftigen Gesundheitsprobleme auf der Ebene von Bevölkerungsgruppen identifizieren, bewerten und Strategien zu deren Lösung entwickeln. Anzumerken ist noch, dass das angloamerikanische System in diesem Themenkreis weitere Studiengänge wie beispielsweise den Master of Health Administration (MHA), den Master of Health Services Administration (MHSA), Master of Occupational Health (MOH) oder Master of Environmental Health (MEH) differenziert, während deutschsprachige Angebote eher die Epidemiologie in den Fokus stellen.

Einen innovativen Masterstudiengang aus dem Reigen medizinischer Fachgebiete bietet die Medizinische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit dem Aufbaustudiengang Master of Science (MSc) Palliative Care interessierten Postgraduierten an. Im Zentrum der palliativen Medizin stehen die Betreuung schwerstkranker und sterbender Patienten sowie deren Angehöriger. Neben speziellen Kenntnissen hinsichtlich palliativer Versorgungsstrukturen fordert die Palliativmedizin Kompetenzen aus den Bereichen Psychologie, Sozialwissenschaften, Ethik und Organisationsmanagement. Der Freiburger Aufbaustudiengang qualifiziert seine Teilnehmer für die Praxis der stationären und ambulanten Palliativversorgung ebenso wie für Managementaufgaben und Aufgaben in der Lehre, Wissenschaft und Forschung. Die Studiengangsleitung obliegt Professor Dr. med. Dipl.-Theol., Dipl.-Caritaswiss, Master of Palliative Care (King's College/University of London) Gerhild Becker. Sie hat eine Stiftungsprofessur der Deutschen Krebshilfe und damit die erste baden-württembergische Professur für Palliative Medizin inne.

Der Blick auf den akademischen Werdegang von Prof. Gerhild Becker unterstreicht zum Abschluss sehr eindrücklich das innovative und kreative Potential, das in einer mehrschichtigen Ausbildung des modernen Arztes verankert ist.

Schlagworte

Mehr zum Thema

Info: Was verdienen Ärzte?

Artikel: Vom Kaffee schütten und Kaffee trinken

Artikel: Die Medizin wird weiblich