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  • Beyza Saritas
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  • 07.12.2021

Die Medizin wird weiblich

Immer mehr Frauen studieren Human- und Zahnmedizin. Doch bisher zeigt sich dieser Trend leider nicht in den Chefetagen der Kliniken. Wird sich das in Zukunft ändern?

 

 

Die Medizin befindet sich im stetigen Wandel. Während 1898 der 26. Deutsche Ärztetag in Wiesbaden nichts davon hielt, Frauen zum Medizinstudium zuzulassen, sind heute etwa zwei Drittel der Studienanfänger*innen Frauen. Banale, aber hammerharte Argumente waren damals, dass Frauen keinen erheblichen Nutzen für Kranke gehabt, mehr Schaden als Nutzen gebracht, keinen Mehrwert für die Wissenschaft gehabt und das ärztliche Ansehen gemindert haben sollen. Frauen galten als Bedrohung für die Männerdomäne.

Gut mehr als einhundert Jahre später liegt der Frauenanteil an Studierenden (Stand 2020/21) bei 64,26 %. Der Zuwachs von Frauen liegt aber nicht zwingend am gesteigerten weiblichen, sondern auch am sinkenden männlichen Interesse am Arztberuf. Das ärztliche Prestige und Einkommen sind dramatisch gesunken, die Arbeitszeiten unmenschlich, und selbst der Chefarzt gilt nicht mehr als Gott in Weiß, sondern als Geschäftsführer, der die Wirtschaftlichkeit im Auge behält. Natürlich sollte die Tatsache, dass junge Frauen durch ihren besseren Numerus clausus einfacher ins Medizinstudium gespült werden, nicht außer Acht gelassen werden.

Die Verweiblichung des Arztberufs bringt jedoch auch einige Hürden mit sich. Es müssen Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die erlauben, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Aktuell ist dies nämlich schwierig – sowohl für Frauen als auch Männer. Angesichts des verheerenden Ärztemangels müssen sich Arbeitgeber*innen zu Arbeitsmodellen durchringen, die früher niemals in Frage gekommen wären. Ärzte und Ärztinnen hingegen müssen fordern und Bedingungen stellen, um Veränderungen herbeizuführen. Vielleicht sind ja Kindergärten in unseren Krankenhäusern bald keine Seltenheit mehr.

Doch nicht in jedem Bereich der Medizin wird so deutlich, dass Frauen das Ruder in die Hand nehmen. 70 % der Medizinstudierenden, 65 % der Medizinabsolvierenden, aber lediglich 18 % der in der Chirurgie Tätigen sind weiblich. Die Schlussfolgerung ist für viele klar: Frauen möchten nicht in der Chirurgie arbeiten. Doch ist das wirklich so?

Hierzu berichtet eine Kommilitonin mir folgendes: “Zu Beginn meines Studiums wollte ich Chirurgin werden, aber durch meine Erfahrungen aus Praktika und Famulaturen sehe ich mich dort nicht mehr. Ich möchte nicht immer gegen Widerstände kämpfen und mich ständig dafür beweisen müssen, dass ich fachlich nicht schlechter bin, nur weil ich eine Frau bin. Als Frau reicht es aber häufig nicht aus, nur gute Arbeit zu leisten.”

Häufig gilt die Chirurgie als eine Männerdomäne. Man müsse sowohl körperlich als auch charakterlich dafür geschaffen sein, heißt es. Als Frau würde man schikaniert und belächelt. Es ist körperliche und mentale Fitness gefordert, ein “Knochenjob” eben. Da bringen die Männer oberflächlich betrachtet bessere körperliche Ausgangsbedingungen mit. In einem meiner Praxisblöcke sprach einer meiner Kommilitonen von einem „natürlichen Vorteil”, den er als Mann habe. Meinen Kommilitoninnen fiel natürlich die Kinnlade herunter. Belächeln, aber auch chauvinistische Sprüche, gut gemeintes Mitleid bis hin zum handfesten Mobbing sind keine Seltenheit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ein Professor während meiner Famulatur in der Unfallchirurgie folgende Kommentare von sich gab: “Die Studentinnen werden ja auch immer kleiner.” und “Wollen Sie jetzt mit mir etwa um die Haken kämpfen?”.

Auf der Karriereleiter dünnt der Frauenanteil in der Medizin deutlich aus. Als junge Assistenz- oder Fachärztin, ja sogar als Oberärztin, ist man vielen noch kein Dorn im Auge. Frauen auf dem Chefarztsessel hingegen sind eine Rarität. Betrachtet man die Zahl der Frauen in Führungspositionen an Unikliniken – dazu gehören dem DÄB zufolge die Inhaberin eines Lehrstuhls, die Klinikdirektion oder die Leitung eines Institutes einbezogen – finden sich noch 10 % Prozent Frauen in Führungspositionen. Mehr Ärztinnen, aber nicht mehr Chefinnen. Ist Frau sein nun ein Karrierenachteil in der Medizin? Die dominierende Weiblichkeit gilt scheinbar nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe.

“Die nächste Generation an Oberärzten und Chefärztinnen wird weiblich sein. Sie können etwas verändern und müssen Dinge einfordern.”, sagte ein Professor der Neurochirurgie in einem meiner Praxisblöcke zu uns Studierenden. Es ist unklar und offen, welche Veränderungen in der Arbeitswelt Medizin in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen werden. Die Medizin wird weiblich. So viel hingegen steht fest.

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