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  • Interview
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  • Thomas Krimmer
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  • 27.03.2009

Master of International Public Health - Helfer zur Selbsthilfe

Kai Stietenroth, Arzt und Master of International Public Health, arbeitet als freier Mitarbeiter für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in verschiedenen Projekten in Pakistan und Indien. Dr. Felicitas Witte sprach mit ihm über seine Arbeit, welche fachlichen Kompetenzen benötigt werden und warum er diese Arbeit einer klinischen Tätigkeit in Deutschland vorzieht.

 

Dr. Kai Stietenroth  - Foto: privat

Dr. Kai Stietenroth

> Herr Stietenroth, die ganze Welt redet über die Bankenkrise - was denken Sie darüber?

Ich bin richtig wütend. Politiker diskutieren endlos lange darüber, wie man Menschen in den so genannten Entwicklungsländern oder in Krisengebieten helfen kann. Gleichzeitig scheint es aber kein Problem zu sein, einer Bank mit einigen Milliarden aus der Krise zu helfen, deren hoch bezahlte Manager sich aus reiner Gier verzockt haben! Wenn die Politiker in den ärmeren Ländern richtig hinsehen würden, würden sie vielleicht viel gezielter handeln.

> Wie meinen Sie das?

Als ich nach meinem AiP als Arzt im Sudan und in Afghanistan arbeitete, dachte ich zunächst, dass die Menschen vor allem Ärzte und Pflegepersonal brauchen, die sich um sie kümmern. Ich realisierte aber immer mehr, dass es vor allem an den nicht funktionierenden Gesundheitssystemen liegt, warum die Menschen krank werden und früher sterben. Nur in wirklich akuten humanitären Krisen wie Kriegen oder Naturkatastrophen ist es notwendig, dass die reicheren Länder ausländische Ärzte und Pflegepersonal schicken, um den Menschen akut zu helfen. Das ist dann aber nur eine Symptombekämpfung - damit werden die wirklichen Probleme nicht gelöst.

> Wie kann man den Menschen denn eher helfen?

Die Menschen profitieren eher davon, wenn man ihnen hilft, sich selbst zu helfen. Wir können sie dabei unterstützen zu analysieren, warum ihre Gesundheitssysteme nicht funktionieren und was man wie verbessern könnte.

> Solche Kenntnisse lernt man aber nicht im Medizinstudium.

Nein, leider steht das nicht auf dem Lehrplan. Ich studierte deshalb "International Health", ein Public Health-Studiengang mit einem Schwerpunkt auf den Gesundheitssystemen der so genannten Entwicklungsländer. Ich studierte im TropEd-Verbund, einem Netzwerk von europäischen Universitäten. Während meiner Masterarbeit in Pakistan sprach mich der dortige Vertreter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) an, ob ich nicht als Berater beim Aufbau des pakistanischen Gesundheitssystems mitarbeiten wollte. Ich sagte spontan zu.

> Wollten Sie schon immer Menschen in ärmeren Ländern helfen?

Immer schon hat mich die Welt "da draußen" fasziniert. Es begann mit einigen längeren Reisen während des Studiums, zum Beispiel in einem alten, selbst umgebauten Lastwagen durch Afrika. Später absolvierte ich einige Famulaturen und mein PJ im Ausland und schrieb meine Doktorarbeit über Lepra in Indien. Nach diesen Erfahrungen wurden mir die Karriereplanungen meiner Kollegen in Deutschland immer fremder. Statt direkt mit dem AiP zu beginnen, fuhr ich mit dem Motorrad auf dem Landweg von Deutschland quer durch Asien. Nach dieser Reise stand für mich fest: Ich möchte nicht in Deutschland in einer Klinik arbeiten.

> Was brachte das sprichwörtliche Fass zum überlaufen?

Ich sah Menschen, die in erbärmlichen Umständen in Dörfern oder Slums lebten. Die Menschen hatten keinen Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung, keinen Zugang zu Schulen oder anderen Möglichkeiten, sich zu informieren. Damit fehlten ihnen alle Voraussetzungen, an ihrer Situation selbst etwas zu ändern. Ich konnte nicht wegsehen. Nach dem AiP bewarb ich mich bei Ärzte ohne Grenzen und ging in den Sudan. Später arbeitete ich für die Malteser in Afghanistan.

> Wie sieht jetzt Ihr Alltag aus?

Momentan arbeite ich in verschiedenen Projekten in Pakistan und Indien und unterrichte Themen der Gesundheitssystementwicklung in Masterkursen vor internationalen Studenten. Ich reise deshalb viel. Bei der konkreten Projektarbeit, zum Beispiel in Pakistan, nennt der Auftraggeber uns ein konkretes Problem. Dieses bearbeiten wir und schlagen Lösungen vor.

Im letzten Jahr war so eine Aufgabe zum Beispiel, Standards im Gesundheitswesen in Pakistan einzuführen, nach denen die Krankenhäuser und Basisgesundheitsstationen in Zukunft arbeiten sollen. Ich habe mich am Schreibtisch mit den Standards vergleichbarer Staaten beschäftigt, bin zusammen mit zwei Kollegen nach Pakistan geflogen und habe den Vorschlag mit Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums sowie den Ärzten, Schwestern und übrigen betroffenen Angestellten in mehreren Workshops diskutiert. Wir besuchten Krankenhäuser, diskutierten die Möglichkeiten und arbeiteten später die Änderungswünsche der pakistanischen Partner in unseren Vorschlag ein.

> Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit?

Ich bin davon überzeugt, die schönste Arbeit der Welt zu haben. Häufig kommt es mir gar nicht wie Arbeit vor! Ich schaue zum Beispiel selten auf die Uhr - das habe ich in deutschen Krankenhäusern öfter getan. Ich habe den Eindruck, dass alle meine Fähigkeiten gefragt sind und nicht nur das medizinische Fachwissen. Mein Tagesablauf ist so vielfältig: Morgens überlege ich beispielsweise, wie man Basisgesundheitsstationen in armen Ländern am besten organisieren kann und am Nachmittag spreche ich mit einem Regierungsvertreter, der einer islamischen Partei angehört und dem man die Übereinstimmung des Projektplans mit den heiligen Schriften des Korans erläutern muss.

> Sicherlich kennen auch Sie Situationen, die Sie frustrierend, traurig oder anstrengend finden...

Natürlich gibt es auch beim "Traumjob" solche Situationen. Mich frustriert es zum Beispiel häufig, wenn unsere guten Pläne und die der einheimischen Mitarbeiter und Partner in den Gastländern mit der Realität aufeinander treffen. Außerdem sehen wir nicht so schnell Erfolge wie Mitarbeiter einer humanitären Nothilfeorganisation.

> Können Sie das näher erläutern?

Mitarbeiter der humanitären Nothilfe klappen sozusagen sofort ihre Aluminiumkisten auf, arbeiten los und können kurz danach glückliche Patienten "vorweisen". Allerdings halten die Erfolge aber oft nicht lange an. Wir versuchen, die Systeme von innen heraus zu verändern, das ist keine leichte Aufgabe. Besonders schlimm finde ich, wenn die Verhältnisse motivierte Angestellte der einheimischen Gesundheitssysteme eher behindern als unterstützen. Wenn wir aber nach einiger Zeit Statistiken sehen, dass weniger Mütter oder Kinder gestorben sind, wissen wir, dass wir selbst dazu beigetragen haben - auch wenn man die Gesichter der Patienten nicht kennt und einem niemand die Hand drückt…

> Was tun Sie, wenn Sie die Arbeit frustriert oder Sie traurig sind über Situationen oder Umstände, die Sie akut nicht ändern können?

Viele meiner Freunde und auch meine Freundin arbeiten ebenfalls in der humanitären Hilfe oder in der so genannten Entwicklungshilfe. Da hilft es natürlich, in Gesprächen seinen Frust abzubauen und sich auch manchmal so richtig über Dinge auslassen zu können, die einem das Leben schwer machen.

> Möchten Sie immer in diesem Bereich arbeiten?

Eine andere Arbeit kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich glaube, mir würde es zudem schwer fallen, die Probleme in deutschen Krankenhäusern wieder als solche wahrzunehmen. Das soll nicht heißen, dass sie für die Patienten zu Hause nicht schwerwiegend sind, aber mein Wertesystem hat sich vermutlich schon zu weit verschoben.

> Was raten Sie Medizinern, die im Bereich der so genannten Entwicklungshilfe arbeiten möchten?

Ich empfehle, Famulaturen und PJ in ärmeren Ländern zu absolvieren. Dann kann man herausfinden, ob einem das Arbeiten in einem weniger entwickelten Land überhaupt liegt. Auch Reisen schadet nicht - es hilft ungemein, die Länder, in denen man potenziell arbeiten könnte, als Reisender erlebt zu haben. Man sollte nur einen Arbeitsbereich wählen, der einem auch richtig Spaß macht!

> Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?

Um in der humanitären Hilfe zu arbeiten, brauchen Mediziner unbedingt ein breites klinisches Fachwissen im Bereich der "Feld-Wald-und-Wiesen-Medizin". Einen deutschen Facharzt benötigt man nicht unbedingt. Falls man erst einen Facharzt machen möchte, sind sicherlich Pädiatrie, Gynäkologie, Allgemeinmedizin oder Innere Medizin hilfreicher als beispielsweise Radiologie. Meiner Meinung nach verschwendet man nur Zeit, wenn man vorher einen Facharzt macht. Ich empfehle eher ein Public Health Studium, idealerweise ein internationales Aufbaustudium mit Schwerpunkt Entwicklungshilfe. Public Health wird in der Entwicklungsarbeit immer wichtiger. Klinische Stellen für Ärzte gibt es kaum noch.

> Fachliche Kompetenz ist sicherlich nicht alles, was man mitbringen sollte

Nein, natürlich nicht. Fast noch wichtiger als die fachliche Qualifikation ist, dass einem die Arbeit Spaß macht, dass man sich für andere Kulturen und Religionen interessiert und eine breite geopolitische Allgemeinbildung hat. Fremdsprachenkenntnisse schaden natürlich auch nicht, zumindest Englisch muss man fließend beherrschen. Zusätzlich hilft eine gewisse Frustrationstoleranz sehr: Wenn man auch noch in ausweglos erscheinenden Situationen lachen kann, kann eigentlich nichts mehr schief gehen und man weiß, dass man seinen Traumjob gefunden hat.

> Vielen Dank für das Gespräch

Mehr zum TropEd-Studiengang unter

www.troped.org

 

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