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  • Sven Jungmann
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  • 26.10.2015

Drei Wege zum E-Health Pionier – Teil 2: Promotion

Du würdest für deine Promotion lieber medizinische Apps entwickeln als im Labor pipettieren? Mit diesen Tipps kein Problem!

 

 

E-Health - Foto: ©Syda Productions/Fotolia.com

Die Entwicklung von Apps für den Medizinbereich ist höchst spannend. Denn auch die Zukunft in den Kliniken wird immer digitaler. ©Syda Productions/Fotolia.com

 

 

"Wie bist du eigentlich dazu gekommen, deinen Doktor über das Thema Internet zu machen?" fragte ich Ben, inzwischen einer meiner besten Freunde, bei einem sommerlichen Bier an der Spree. Nach seinem Jura-Studium hat er es genau anderthalb Jahre ausgehalten, als Anwalt in einer Kanzlei zu arbeiten. Dann zog es ihn ans Oxford Internet Institute, wo er nun mit großzügigen Stipendien (vergiss dein Assistenzarztgehalt!) seinen Doktor macht und sich weltweit mit brillanten Köpfen austauscht, inklusive hochrangiger Google-Mitarbeiter und Parlamentarier verschiedenster Regierungen. Als Jurist lag es dabei nahe, dass er sich auf die komplexen ethischen und datenschutzrechtlichen Fragen konzentriert, die das Internet aufwirft. Wir tauschten uns über unsere Desillusionierung über unsere Berufe aus und stellten fest, dass die Frustrationen für Berufsanfänger in der Medizin erstaunlich viele Parallelen in der Juristerei haben.


Wir Mediziner können von Ben lernen. Erstens, dass es auch für uns eine Welt außerhalb der Klinik und Praxis gibt. Und zweitens, dass Expertenwissen aus bestimmten Gebieten (wie Jura oder Medizin) hochgradig wertvoll sein kann, wenn man sich mit digitalen Innovationen beschäftigen möchte. Übrigens: es geht auch ohne radikalen Karrierewechsel. Wer die Arbeit am Patienten nicht verlassen möchte (es macht ja schließlich Spaß), kann auch eine Hybridposition suchen: halb-Kliniker, halb-eHealth-Forscher. Als Mediziner haben wir schließlich das Privileg, neben dem Studium zu promovieren und genießen exzellente Freiheiten in der Gestaltung unserer Dissertation.

Doch wie findet man ein geeignetes Thema an der richtigen Einrichtung? Denn schließlich geht es hier um ein Forschungsthema, das noch nicht gut etabliert ist. Entsprechend schwierig ist es, gute Betreuer zu finden, von denen man viel lernen kann.

 

1. Die Recherche


Deswegen ist eine ausführliche Recherche wichtig und damit solltest du ruhig früh anfangen, idealerweise schon in der Vorklinik. Als Ausgangspunkt bieten sich zunächst die Webseiten der medizinischen Fakultäten in Deutschland an. Einige haben Institute für Medizininformatik, die sicherlich interessante Doktorarbeiten vergeben. Manchmal gibt es auch klinische Professoren, die zum Beispiel an in-silico-Verfahren zur personalisierten Medizin oder Apps zur Therapieoptimierung arbeiten. Hier muss man schon Portale wie Researchgate, Google Scholar und LinkedIN durchforsten, um die richtigen Biographien zu finden.

Und vergiss nicht, auch außerhalb von Universitäten zu schauen. Es gibt spannende Persönlichkeiten in der Industrie, in Start-Ups und Hilfsorganisationen, die interessante Fragestellungen und gute Daten haben, aber Unterstützung bei der Auswertung brauchen. Einen universitären Betreuer brauchst du trotzdem, aber es wird kaum jemand einen Bewerber ablehnen, der bereits mit einer soliden Fragestellung und Zugang zu nützlichen Daten um die Ecke kommt. Lehrreich ist es allemal, eine Arbeit in Zusammenarbeit mit außeruniversitären Institutionen zu machen. Aber achte auf mögliche Interessenkonflikte!

Und schaue dich auch international um: neben dem Dr. med. kannst du nach dem Studium auch einen PhD machen. Wer Interesse an einer internationalen Karriere hat, ist damit manchmal besser aufgestellt. Gerade bei eHealth, was ja zumeist regionale und internationale Barrieren sprengt, ist ein internationaler Abschluss durchaus interessant. Worauf es aber letztlich ankommt, sind das Netzwerk und die Publikationen, die man sich über die Promotion erarbeitet. Ein Hauptgrund für einen PhD könnte sein, dass man auf dem internationalen Spielfeld mehr talentierte eHealth-Forschergruppen findet als wenn man sich auf Deutsche Grenzen beschränkt. Übrigens: es gibt auch Menschen, die beides machen, Dr. med. und PhD...

 

2. Kontakte herstellen

Zögere nicht, einzelne eHealth-Forscher (inklusive Doktoranden) direkt zu kontaktieren und um Rat zu bitten. Gibt es aktuell Arbeiten zu vergeben? Welche Konferenzen können sie empfehlen? Was macht einen idealen eHealth-Doktoranden aus? Gibt es vielleicht Kollegen, die sie als Doktorandenbetreuer empfehlen würden? Man muss auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und direkt ein Bewerbungsgespräch daraus machen. Vielleicht kann man um ein kurzes 15-minütiges Gespräch bitten, im Gegenzug für einen Kaffee. Aber bevor du jemanden ansprichst, solltest du zumindest ihre Publikationen und einige der Werke, die sie zitieren, gelesen haben (Zeit für eine Pubmed Sitzung im Café). Ein besonderes Augenmerk solltest du dabei auf den Methodenteil der Publikationen richten, um dich einerseits mit der wissenschaftlichen Herangehensweise vertraut zu machen, andererseits, um eine Idee zu bekommen, ob dir so ein Projekt überhaupt Spaß machen würde.

 

3. Was kann und will ich?

Wenn wir schon bei Spaß sind: du solltest auch großzügig Zeit investieren, um über dich selbst zu reflektieren. Klar geht's bei der Promotion vor allem um den Titel. Aber das ganze Unterfangen wird so viel deiner Zeit in Anspruch nehmen, dass du besser ein Thema und eine Methodik aussuchst, die dir Freude bereiten. Bestenfalls macht dich dein Thema zu einem Experten auf deinem Gebiet und du wirst wie Ben vom Fernsehen interviewt und zu Vorträgen eingeladen.

Neben deinen Interessen solltest du dir auch über deine Stärken und Erfahrungen Gedanken machen. Auf deinen Status als "digital native" wirst du dich eher nicht ausruhen können, wenn du in der richtigen Liga spielen willst. Aber manchmal erweisen sich banale Erfahrungen als überraschend wertvoll. Deine kleinen Anekdoten vom Umgang mit Patienten können für Informatiker von zentraler Bedeutung sein. Umgekehrt hat deine pubertäre Gamerzeit dir vielleicht genau das Verständnis gebracht, dass du gebrauchen kannst, um bei einer Computerspielentwicklung mitzuwirken, die Kindern richtiges Zähneputzen beibringen soll.

Selbst, wenn du gar keine Ahnung von Computern hast, gibt es viele Themen, für die du als Mediziner prädestiniert bist. Effektivitätsprüfung, zum Beispiel. Die Regeln der Evidence Based Medicine lernst du im Studium, sie ist für Medikamente klar etabliert, aber auf dem Gebiet der Apps zum Beispiel noch nicht. Wir brauchen clevere Köpfe, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Apps wissenschaftlich hinterfragen können. Machen Armbänder, die unsere körperliche Aktivität messen, wirklich gesünder? Tragen digitale Patientenakten wirklich zu besserer Versorgung bei? Wie kann man vermeiden, dass Tablets zu einer Verbreitung nosokomialer Erreger beitragen? Wer über tieferes informatisches Wissen verfügt, kann natürlich auch andere Arbeiten anstreben. Aber wenn du dir hier ein gutes Methodenwissen erarbeiten kannst, hast du bereits einen klaren Marktvorteil.

 

4. Gibt’s Stipendien?


Ganz unabhängig davon, wo und wie du promovierst, schaue dich unbedingt nach Promotionsstipendien, Preisverleihungen, Auszeichnungen und geförderten Austauschprogrammen um. Die bringen dir nicht nur Geld, sondern oft auch Zugang zu einem spannenden Netzwerk an talentierten Menschen und tollen Veranstaltungen. Selbst wenn du auch nur ein Reisestipendium für eine Summer School ins Ausland gewinnst – ist das nicht ein paar Stunden extra-Recherchearbeit wert?

Der Weg zur Promotion wird lang und hart, vor allem, da du mit eHealth häufig Neuland betreten wirst. Daher zum Schluss noch ein Zitat zur Motivation, es ist von Alfred Sloan, dem Mann nachdem die Business School des MIT benannt ist:

"Es muss diesen Pionier geben, dieses Individuum mit dem Mut und der Ambition jene Hürden zu überwinden, die sich immer bilden wenn jemand etwas Wertvolles zu unternehmen versucht, insbesondere wenn es neu und anders ist."

Vielleicht macht es sich gut an deinem Spiegel im Bad?

—Sven Jungmann (@s_jungmann)

 


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