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  • Protokoll Ines Elsenhans
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  • 18.08.2015

Warum ich den Kittel an den Nagel gehängt habe

"Nie hätte ich gedacht, dass ich die Klinik einmal verlassen werde. Doch ich bereue nichts."

 

Ärztin - Foto: iStockphoto

Symbolfoto: iStockphoto

 

 

Auf dem Untersuchungsstuhl wurde mir langsam unwohl. Das Spekulum zwischen meinen Beinen knarzte und die Hand auf meinen Bauch quetschte meine Gebärmutter. Schnell noch ein Abstrich und „Tschüss, bis in einem halben Jahr“. „Äh, halt mal, ich hätte da noch eine Frage …“ zu spät, Frau Dr. hatte mich schon wieder zur Anmeldung geschoben und weg war sie. In diesem Moment schwor ich es mir: Das kann ich besser! Jawohl, ich würde die beste Gynäkologin der Stadt werden.


Damals stand ich kurz vor dem Abitur, meine Noten waren gut und ich grübelte schon eine ganze Weile, was ich mit meinem Einser-Abschluss anstellen könnte. Jura? Medizin? Kulturmanagement? Tatsächlich für Medizin entschieden habe ich mich dann aus Interesse, aber auch aus reiner Bequemlichkeit. Das Medizinstudium konnte ich in München machen, nicht weit von meiner Heimatstadt und meinen Freunden, außerdem war es klar strukturiert: man fängt bei A an und kommt bei Z raus, alles ist vorgegeben, man muss sich keine Gedanken machen.


Meine Kommilitonen schworen alle mantraartig: „Ich will Arzt werden, weil ich Menschen helfen möchte.“ Das traf auf mich nicht zu. Auch das gute Arztgehalt ließ mich kalt. Ich fand einfach die Fächer toll: Biologie, Physiologie, Anatomie – schon in der Vorklinik interessierte mich vieles. Nie hatte ich große Probleme, den Stoff zu lernen und so führte ich ein Studentenleben, wie es sich gehört: morgens Uni, abends Party, bei Bedarf kurz auf eine Prüfung lernen.


Ich genoss das Leben – umso härter traf mich dann die Physikums-Klatsche: Ich flog tatsächlich durchs mündliche. So richtig gecheckt, woran es gelegen hat, hab ich bis heute nicht. In meinen Augen waren wir drei Prüflinge alle gleich schlecht. Vielleicht mussten die Profs einfach aussortieren, weil in der Klinik nicht Platz für alle Vorkliniker war. Tagelang konnte ich kaum aus meinen verheulten Augen schauen und war zutiefst gekränkt. Warum traf es ausgerechnet mich? An meinem Berufswunsch hat das aber nicht gerüttelt, ein halbes Jahr später bestand ich die erste Ärztliche Prüfung mit einer glatten Eins.


Endlich Klinik! Ich konnte mich gar nicht zwischen den Fächern entscheiden, machte Famulaturen in der Nephrologie, Inneren, Anästhesie und jobbte nebenher noch in der Derma. Im PJ probierte ich die Gyn, Hämato-, Onko- , Kardiologie und die Chirurgie aus. Erstmals bekam ich die Klischees der Chirurgie selbst zu spüren: Nachdem ich schon fünf Stunden Haken gehalten hatte, mir das Pipi fast zu den Augen rauskam und meine Beine auf Elefantendicke angeschwollen waren, kamen Sprüche wie „Jetzt zieh doch mal, ist doch kein Gucci-Täschchen“. Auch beliebt war: „Ein Chirurg ohne Skalpell ist wie eine Frau ohne Titten. Davon kannst du ja ein Lied singen."


Abgeschreckt hat mich das alles nicht und ich grübelte ernsthaft, ob ich meinen Facharzt in Gyn oder Chirurgie machen möchte. Da es mir die Gyn schon immer angetan hatte, bewarb ich mich nach dem Hammerexamen auf meiner alten PJ-Station. Prompt kam ein Brief „ … alles Gute für ihren weiteren Lebensweg“. Was jetzt? Im Ärzteblatt fiel mir eine Chirurgie-Stellenanzeige ins Auge „Wir bieten eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit in kollegialer Atmosphäre, selbstständige und verantwortungsvolle Arbeitsweise und spannende Entwicklungsmöglichkeiten“. Warum eigentlich nicht? Von ein paar blöden Sprüchen im PJ ließ ich mich nicht abschrecken, im Gegenteil mein Ehrgeiz war geweckt.


Ich wurde nicht enttäuscht, es war toll auf der Chirurgie: ein super Team, viele weibliche Kollegen, wenig Machos. Nach einem 24 h Dienst hatte ich immer einen Tag frei, den ich in vollen Zügen genoss. Ich war angekommen und liebte, was ich tat.


365 Tage später fühlte ich mich klinisch tot. Das Arztleben machte mich fertig, ich war völlig zermürbt. Die Dienste killten mich. Oft kam ich erst nachts um zwei in mein Ärztekämmerlein, pennte ein und 50 min. später ging der verdammte Piepser. Völlig übermüdet wandelte ich den Flur hinunter, um dann einen Patienten vorzufinden, der über Rückenschmerzen klagte. Auf meine Nachfrage, wie lange er schon Rückenschmerzen hätte, kam dann „etwa vier Wochen“. „Und warum sind Sie nicht zu einem Orthopäden gegangen?“ „Da bekommt man so schlecht einen Termin.“ In diesem Moment war der brodelnde Ätna ein laues Lüftchen gegen mein Innenleben. „Ok, dann bekommen Sie nun eine Tablette von mir“, brachte ich zwischen meinen Zähnen hervor. Und meine Ohren bekamen zu hören: „Keine Spritze? Ok, dann versuch ich’s in einer anderen Klinik." Kein Witz, solche Lappalien machen etwa 50% der Patientenfälle im Nachtdienst aus. In manchen Ländern ist Schlafentzug eine gängige Foltermethode.


Für einen 24h Dienst bekam ich ca. 100 € und gleichzeitig wurde mir ein freier Tag abgezogen, ich kam also auf 0 raus. Und überhaupt, wie kann es sein, dass ein Fließbandarbeiter bei BMW einen ca. 6-fach höheren Wochenendzuschlag bekommt als ein Chirurg? Meine Einstellung zum Arztberuf kippte immer mehr. Dazu kam, dass ich bei einer OP oft das Gefühl hatte „Scheiße, das müsste ich jetzt schon besser können“. Als ich bei einem jungen Mädchen eine Lymphknotenbiospie im Gesichtsbereich durchführen sollte, weigerte ich mich. Ich hatte sowas noch nie gemacht und wollte das Risiko sie zu entstellen nicht eingehen. Zu schnell ist im Gesicht ein Nerv verletzt. Meine Kollegen konnten das nicht verstehen. Viel zu geil waren sie aufs Operieren. Ich dagegen war vom hundertsten Blinddarm einfach nur gelangweilt. Meine eigene Denkleistung war im OP nicht gefragt, es gibt eine Methode und nach der wird operiert. In der Klinik empfängt man nur Befehle und führt diese aus wie ein Roboter. Am Ende war ich frustriert, saß nach Feierabend nur noch vor dem Fernseher und wurde durch die viele Trost-Schoki dicker und dicker – ich war einfach nicht mehr zu 100% begeistert von meinem Beruf.


Nach einem weiteren Horrornachtdienst fragte ich Google nach „Alternativen zum Arztberuf“. Mittlerweile konnte ich mir alles vorstellen: Ausbildung, Studium, egal, Hauptsache weg aus der Klinik. Ich bewarb mich auf ein Volontariat bei einer Zeitung und bekam die Stelle. Als ich an meinem letzten Arbeitstag die Klinik verließ dachte ich nur „Boah, ich bin gerade nochmal davongekommen, ohne Kunstfehler, ohne einen Patienten auf dem Gewissen zu haben.“


Jetzt fühle ich mich wie im Paradies auf Erden. Der Kontrast ist enorm: Meine Arbeit als Journalistin wird wertgeschätzt, ich habe mehr Freiheiten in dem, was ich tue, ich kann kreativ sein, ich habe GLEITZEIT, ich kann meine Freunde und Familie wieder regelmäßig sehen, kurzum: Ich habe wieder angefangen zu leben. An Urlaub dachte ich die ersten acht Monate überhaupt nicht, es fühlte sich schließlich jeder Tag wie Urlaub an. Nie hätte ich gedacht, dass ich die Klinik einmal verlassen werde, doch ich bereue nichts.

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