Virusinfektionen bei Amphibien

Autor(en): F. Mutschmann

Seit den bahnbrechenden Versuchen von Löffler und Frosch [434] wird der Terminus „Virus“ für Mikroorganismen genutzt, die Bakterienfilter passieren können und lichtmikroskopisch nicht nachweisbar sind (mit Ausnahme von Einschlusskörpern in Zellen, die bei der Virusvermehrung entstehen). Als eigenständige Gruppe von Mikroorganismen sind sie dadurch gekennzeichnet, dass sie lediglich Nukleinsäure, DNA oder RNA, als genetische Information enthalten und sich ausschließlich in lebenden Zellen vermehren können. 

Zur Virusvermehrung wird der Syntheseapparat der Wirtszellen verändert und für die Bildung von weiteren Virusgenerationen genutzt. Während die Wirtszelle alle Kompartimente zur Vermehrung benötigt, dient Viren lediglich ihre Nukleinsäure als Ausgangsmaterial. Eine Vermehrung durch Zweiteilung oder Wachstum ist nicht möglich, sondern Virusbestandteile werden von der befallenen Zelle unabhängig voneinander produziert und zu einer Vielzahl von Viren einer neuen Generation zusammengesetzt. 

Zudem besitzen Viren keine Möglichkeit zur Synthese energiereicher Verbindungen, auch der Stoffwechsel ist demzufolge von der Wirtszelle abhängig. Da sie keine Ribosomen enthalten oder ausbilden können, ist die Proteinsynthese vom Ribosomengehalt derWirtszelle abhängig. 

Diese enge Bindung an geeignete Wirtszellen bedingt eine lange, gemeinsame evolutionäre Entwicklung von Wirt und „Parasit“ (Viren können als genetische Parasiten und somit als Repräsentanten der höchstentwickelten Form dieser spezifischen Lebensweise betrachtet werden). Nach Ansicht einiger Virologen kann jedoch auch von einer Symbiose zwischen Virus und Wirt ausgegangen werden. Während Viren die Zellen für dieVermehrungnutzen, sichern sie selbst die Übermittlung neuer genetischer Informationen. Namentlich Retroviren
können theoretisch für die normale Informationsübertragung innerhalb einer Spezies, jedoch auch für den Informationstransfer über die genetische Barriere hinaus dienlich sein. Somit wäre ein entscheidender Einfluss auf die Evolution der Arten generell gegeben. 

Die meisten bisher bekannten Viren gelten als apathogen oder fakultativ pathogen, nur eine geringe Anzahl von Virenwird als obligat pathogen eingestuft. Dies gilt auch im besonderen Maße für Amphibienviren. Die Kenntnis über virale Infektionen bei Amphibien ist in den letzten Jahren wesentlich vertieft worden. Einige Virusfunde, wie z. B. der Nachweis von WEE-Viren (Western Equine Encephalitis-Virus, Familie: Togaviridae, Genus: Alphavirus) bei nordamerikanischen Leopardfröschen, ist eher von epizootiologischem und epidemiologischem Interesse, da die Viren über Vektoren (Moskitos) auf Pferde, Schafe und auch Menschen übertragbar sind und hier schwere Erkrankungen hervorrufen, Frösche jedoch lediglich als Erregerreservoir dienen.

Aus ähnlicher Sicht ist auch die experimentell nachgewiesene Reservoirrolle von Fröschen (in diesem Falle vom Seefrosch) für das West-Nile-Virus (Flaviviridae, Genus: Flavivirus) und die gelungene Infektion von Labormäusen über Moskitos (Culex pipiens) zu werten [397]. 

Für den praktisch tätigen Tierarzt ist der Virusnachweis bei Amphibien bis dato nicht exakt möglich, da spezifische Nachweisverfahren (z. B. immunologische Schnelltests), wie für Warmblüter kommerziell vertrieben, nicht zur Verfügung stehen und virologische Nachweistechniken Spezialeinrichtungen vorbehalten sind

Der Verdacht auf eine Virusinfektion kann jedoch auch mithilfe eines guten Lichtmikroskopes, beim Vorliegen von intrazellulären Einschlusskörpern (EK), erhoben werden. Diese EK entstehen in charakteristischer Form und Lokalisation während der Virusvermehrung, lassen sich mit verschiedenen Färbemethoden (z. B. Giemsa, Hämatoxylin/Eosin, Feulgen etc.) anfärben und lichtmikroskopisch darstellen. So weisen z. B. mit Herpesviren befallene Zellen intranukleäre EK, Zellen mit Iridoviren intrazytoplasmatische EK auf. 

Eine Therapie von Viruserkrankungen bei Amphibien ist derzeit indiskutabel, jedoch können bei Infektionsverdacht Maßnahmen hygienischer Art (Quarantäne, Desinfektion etc.) oder Selektionen vorgenommen werden, die einer weiteren Ausbreitung der Erkrankung im Bestand Einhalt gebieten.

-> Herpesviren bei Amphibien: s. Quelle 

-> Iridoviren bei Amphibien: s. Quelle 

-> Weitere Amphibienviren: s. Quelle 

Quelle: 

F. Mutschmann
Erkrankungen der Amphibien
ISBN: 9783830410973
2009, S. 205-206

Literaturhinweise:

[434] Loeffler F, Frosch P: Berichte der Kommission zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche bei dem Institut für Infektionskrankheiten in Berlin. Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten. Abt. I. 1898; 23: 371–391.

[397] Kostynkov MA, Alexejev AN, Byloitschev WP, Gordeeva SE: Experimentalnoe saraschenia komarov Culex pipiens L. virykom lichoraldki sapadnovo nila na osernych ljaguschkach Rana ridibunda Pallas i peredadschi evo ceres ukus (in Russisch). Med Parazitologia i parazitarnye bolzeni (Moskau). 1986; 55(6): 76–78.

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