Uteruserkrankungen des Kaninchens

Autor(en): B. Glöckner

Erkrankungen des Uterus’ kommen beim Kaninchen häufig vor und bleiben meist lange unentdeckt. Die Symptome sind variabel und meist unspezifisch. Oft werden die betroffenen Tiere auch mit dem Vorbericht eines blutigen Harnabsatzes vorgestellt, ohne dass der Harntrakt erkrankt ist. Neben einer gründlichen Allgemeinuntersuchung können deshalb einige gezielte Fragen bei der Aufnahme der Anamnese sehr hilfreich sein, um Differenzialdiagnosen rasch ausschließen zu können.

Anatomische Besonderheiten

Kaninchen besitzen einen Uterus duplex, d. h. zwei voneinander unabhängige Uteri mit jeweils eigener Zervix. Erkrankungen der Gebärmutter können daher in beiden Uteri sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. In Ausnahmefällen können auch zwei unterschiedlich weit fortgeschrittene Trächtigkeiten festgestellt werden.

Die Vagina des Kaninchens ist ein mehrere Zentimeter langer, weicher Muskelschlauch, der nicht mit einem Corpus uteri verwechselt werden darf. Als weitere Besonderheiten des Kaninchens sind die sehr langen, stark geschlängelten Eileiter sowie die insbesondere bei älteren Häsinnen auffallend ausgeprägten Fetteinlagerungen sowohl im Ligamentum latum uteri als auch in den Ovarialbändern zu nennen.

Physiologische Besonderheiten

Kaninchen weisen keinen vollständigen Sexualzyklus auf; die Induktion der Ovulation erfolgt durch den Deckakt. Der Zeitraum der möglichen Fortpflanzung beim Wildkaninchen wird zusätzlich durch die Tageslichtlänge beeinflusst, sodass die erste Bedeckung im Jahr meist ab Anfang März stattfindet und die Fortpflanzungssaison im Spätsommer/Frühherbst endet. Dieser Regulationsmechanismus ist beim Heimtierkaninchen in der Regel nicht mehr erhalten.

Die Schwelle zur Auslösung der Ovulation ist sehr niedrig. Neben dem eigentlichen Deckakt können auch vielfältige andere neurohormonale Reize zum Eisprung führen und eine Pseudogravidität zur Folge haben. Dabei zeigt die Häsin folgende Symptome:

  • Nestbauverhalten etwa zwei Wochen nach der Ovulation
  • eine oft aggressive Revierverteidigung
  • ein angebildetes Gesäuge, oft verbunden mit einer Laktation

Diese Symptome können in selteneren Fällen bereits bei sehr jungen Häsinnen ab dem 4. Lebensmonat unabhängig von der Jahreszeit auftreten, entwickeln sich meist aber erstmals im ersten Frühjahr nach der Geburt oder bei Vergesellschaftungen mit ausgeprägten Rangordnungsstreitigkeiten.Die bei wiederholten Scheinträchtigkeiten anhaltend hohen Spiegel an Östrogen und Progesteron führen sowohl zu Proliferation der Uterindrüsen und der Uterusschleimhaut als auch zu zunehmender Sekretion der Uterindrüsen. Daraus können sich im weiteren Verlauf verschiedene Erkrankungen der Gebärmutter entwickeln.

Untersuchungsmethoden

Palpation

Im Rahmen der Allgemeinuntersuchung liefert die Palpation der Metra bereits wichtige Hinweise.

Ein gesunder, nicht gravider Uterus ist palpatorisch nicht zu identifizieren.

Finden sich beim Durchtasten im kaudoventralen Abdomen Schlingen, so ist zumindest von einer Hyperplasie des Endometriums auszugehen.

Röntgen

Ein gesunder Uterus einer Häsin sollte röntgenologisch nicht darstellbar sein.

Eine Ausnahme bilden adipöse Tiere, bei denen das Fettgewebe im Ligamentum latum einen idealen Kontrast liefert. Diese z. T. massive Fettansammlung kann allein bereits für Verdauungsstörungen und Schmerzhaftigkeit durch Verdrängung von Darmanteilen verantwortlich sein und sollte daher im Rahmen einer Ovariohysterektomie stets ebenfalls entfernt werden. Mittel- bis hochgradige endometriale Hyperplasien oder eine intrauterine Flüssigkeitsansammlung unterschiedlicher Ursache und Qualität lassen sich sehr gut röntgenologisch darstellen. Gleiches gilt für neoplastische Veränderungen, die zudem häufig Verkalkungsherde aufweisen.

Ultraschalluntersuchung

Noch exakter lässt sich der Zustand der Gebärmutter mit Hilfe einer Ultraschalluntersuchung beurteilen. Auch geringgradige Veränderungen der Uteruswände können bereits dargestellt werden. Ein Nachweis möglicher pathogener Inhalte der erkrankten Gebärmutter gelingt selbst bei Vorliegen eines nur dünnen Flüssigkeitsfilms eindeutig. Die Qualität des Inhaltes (wässriges oder muköses Sekret, Eiter oder Blut) lässt sich aber aufgrund der z. T. sehr ähnlichen Echogenität nicht grundsätzlich differenzieren. Neoplastische Veränderungen sind ebenfalls gut diagnostizierbar. Da sie jedoch sehr unterschiedlich aufgebaut sein können, erlaubt die Ultraschalldarstellung lediglich eine grobe Einordnung hinsichtlich der Dignität der Umfangsvermehrung.

Erkrankungen des Uterus

Endometriale Hyperplasie

Die endometriale Hyperplasie ist die mit Abstand häufigste Veränderung des Uterus beim Kaninchen.

Ätiologie/Pathogenese: Die endometriale Hyperplasie entsteht durch hormonelle Stimuli und tritt oft bereits bei jungen Häsinnen unter 1 Jahr auf, die ein ausgeprägtes Sexual- und Dominanzverhalten zeigen.

Symptome: Meist unspezifisch wie Inappetenz, Apathie und Verdauungsstörungen. Einige der betroffenen Kaninchen erscheinen für den Besitzer auch symptomlos und die Vergrößerung des Uterus fällt bei Routineuntersuchungen wie z. B. vor Impfungen als zufälliger Palpationsbefund auf.

Diagnose: Bei der Palpation der Metra sind oft deutliche Schmerzreaktionen festzustellen. Die Veränderungen können zudem röntgenologisch oder mittels Sonografie dargestellt werden.

Therapie: Die einzige Therapiemöglichkeit ist die Ovariohysterektomie.

Keinesfalls darf Kaninchen, die durch wiederholte Pseudograviditäten auffallen, ein Gestagenpräparat zur „Zyklusunterdrückung” verabreicht werden! Nach Gestagenapplikation sind ansonsten beim Kaninchen äußerst selten zu beobachtende Erkrankungen des Geschlechtstraktes wie eine Pyometra oder Ovarialtumoren regelmäßig festzustellen.

Hämometra

Ätiologie/Pathogenese: Eine Hämometra entwickelt sich in der Regel aus einer endometrialen Hyperplasie, bei der es durch Gefäßruptur in dem stark hyperämischen und brüchigen Gewebe zu Einblutungen in das Gebärmutterlumen kommt. Gleiches kann auch im Rahmen eines Uterustumors entstehen. Bei geschlossenen Muttermündern kann die Blutansammlung über einen längeren Zeitraum unbemerkt bleiben; bei ein- oder beidseits geöffneter Zervix fällt blutiger Vaginalausfluss unterschiedlicher Stärke auf.

Symptome: Besonders häufig werden die betroffenen Kaninchen aufgrund von Apathie (als Folge der Anämie) oder mit einer vermeintlichen Hämaturie vorgestellt. Die bei Zystitiden deutliche Schmerzhaftigkeit beim Urinabsatz und die gehäufte Miktion sind jedoch bei Vorliegen einer Hämometra nicht festzustellen.

Ein ebenfalls typischer Hinweis auf eine Hämometra lässt sich bei genauem Nachfragen dem Vorbericht entnehmen: Während im Rahmen einer Zystitis jeder abgesetzte Urin blutig erscheint und die Blutstropfen mit dem Harn vermischt sind, wird bei Vorliegen einer Hämometra zunächst unveränderter Urin abgesetzt. Blut fällt oft erst in Form von einzelnen Tropfen zum Ende der Miktion auf.

Diagnose: Sie ergibt sich meist eindeutig aus dem Vorbericht und dem Palpationsbefund; oft wird blutiges Sekret während des Abtastens des Uterus’ abgesetzt. Zur Absicherung der Diagnose in Zweifelsfällen eignet sich die Sonografie.

Therapie: Möglichst umgehend eine Ovariohysterektomie. Zu beachten ist dabei das erhöhte Operationsrisiko durch eine evtl. bereits vorliegende Anämie. In vielen Fällen hat die betroffene Häsin bereits über einen längeren Zeitraum immer wieder kleinere Mengen Blut verloren, was aufgrund des sehr gründlichen Putzverhaltens des Kaninchens nicht aufgefallen ist.

Hydrometra, Mokumetra

Ätiologie/Pathogenese: Durch die unter Hormoneinfluss verstärkte Drüsensekretion kann sich bei geschlossenen Muttermündern eine erhebliche Menge an wässrigem oder schleimigem Sekret im Uterus ansammeln. In der Regel zeigt das betroffene Kaninchen über einen langen Zeitraum keinerlei Beeinträchtigungen des Allgemeinbefindens. Die durch die Ausdehnung der gefüllten Metra eingeschränkte Futteraufnahmekapazität fällt gerade bei der Haltung mehrerer Kaninchen zunächst nicht auf, da sich zudem der Bauchumfang des abmagernden Tieres vergrößert. Oft werden diese Kaninchen erst mit weit fortgeschrittenen Veränderungen vorgestellt. Nur selten berichten die Besitzer, dass das Kaninchen schon über längere Zeit abmagere, viele erwähnen im Gegenteil, dass die Patientin eher korpulent geworden sei.

Das Krankheitsbild einer Muko- oder Hydrometra, bei der Flüssigkeit abfließt, ist äußerst selten. Da der abgesetzte Vaginalausfluss farblos ist, wird er meist vom Besitzer nicht wahrgenommen. Auch das Allgemeinbefinden des betroffenen Kaninchens bleibt zunächst völlig ungestört, sodass die Erkrankung ein Zufallsbefund bei einer Routineuntersuchung sein kann. Bleibt die Veränderung zunächst unentdeckt, besteht die Gefahr, dass sich durch aufsteigende Infektion eine Pyometra entwickelt. Dies kommt jedoch nur in Einzelfällen vor.

Symptome: Meist unspezifisch wie Apathie und Inappetenz. Adspektorisch wird bereits der Gegensatz zwischen prallem Abdomen und hervortretender Wirbelsäule und Rippen als erster Hinweis auf ein bereits älteres Krankheitsgeschehen deutlich.

Diagnose: Palpatorisch fällt ein massiv aufgetriebenes Abdomen auf, wobei sich bei fortgeschrittenem Erkrankungsverlauf keine Uterusschlingen mehr abgrenzen lassen. Eine röntgenologische oder sonografische Untersuchung ist daher diagnostisch grundsätzlich sinnvoll.

Therapie: Auch hier sollte möglichst kurzfristig eine Ovariohysterektomie erfolgen. Um einem Volumenmangelschock bei der Entfernung des prall gefüllten Organs vorzubeugen, sollte jedoch nicht nur routinemäßig im Rahmen der Narkoseprämedikation eine Infusion verabreicht werden, sondern es hat sich bewährt, auch die Bauchhöhle intra operationem mit Vollelektrolytlösung aufzufüllen.

Prognose: In der Regel günstig, obwohl das entfernte Volumen der veränderten Metra bis zur Hälfte des Körpergewichtes betragen kann. Meist beginnt das betroffene Tier noch am Tag des chirurgischen Eingriffs mit der selbständigen Futteraufnahme. Allein der nun wieder gefüllte Magen-Darm-Trakt bedeutet einige hundert Gramm Gewichtszunahme. 

Neoplasien des Uterus

Ätiologie/Pathogenese: Bei Uterustumoren handelt es sich in der Regel um Adenokarzinome, die sowohl zystisch durchsetzt sein als auch soliden Charakter aufweisen können. Ihre Entstehung ist ebenfalls auf anhaltend hohe hormonelle Stimuli zurückzuführen. Die Veränderungen entwickeln sich aus endometrialen Hyperplasien und können parallel zu einer Hämometra vorzufinden sein.

Symptome: Kleine Uterustumoren sind häufig Nebenbefunde bei einer Allgemeinuntersuchung. Meist treten erst in fortgeschrittenem Stadium deutliche Krankheitssymptome auf wie z. B.:

  • Apathie
  • Inappetenz
  • Verdauungsstörungen
  • abdominale Schmerzen
  • intermittierende scheinbare Hämaturie
  • Dyspnoe bei Lungenmetastasen

Diagnose/Therapie: Die Verdachtsdiagnose ist meist bereits durch die Palpation des Abdomens zu stellen und kann durch Röntgenaufnahmen oder Ultraschall untermauert werden. Grundsätzlich sollten Röntgenaufnahmen der Lunge angefertigt werden, um eine Metastasierung auszuschließen. Ist die Lunge noch ohne besonderen Befund, sollte umgehend ein Operationstermin anberaumt werden. Die Prognose ist dann als günstig einzuschätzen. Das betroffene Kaninchen erholt sich meist rasch.

Oft wird vom Besitzer nach der Erholungsphase berichtet, dass das Tier deutlich munterer als vor der Operation sei. Dies ist darauf zurückzuführen, dass überwiegend Kaninchen im Alter von mindestens 4-5 Jahren betroffen sind. Wenn diese über einen längeren Zeitraum schleichend etwas reduzierter im Allgemeinbefinden wirken oder weniger aktiv sind, wird das oft für eine „normale” Entwicklung im Alterungsprozess gehalten und nicht mit einer Erkrankung in Verbindung gebracht. Nach der Operation wird dann erst deutlich, wie sehr das Tier zuvor durch Schmerzen eingeschränkt war.

Liegen bereits Metastasen in der Lunge vor, kann bei noch gutem Allgemeinbefinden der Häsin eine unterstützende Therapie erfolgen.

Zur Euthanasie sollte bereits bei ersten Anzeichen einer Dyspnoe oder bei Verschlechterung des Allgemeinbefindens geraten werden.

Endometritis, Pyometra

Ätiologie/Pathogenese: Eitrige Erkrankungen der Gebärmutter treten beim Kaninchen vergleichsweise selten auf. Mögliche Ursachen für eine Endometritis oder Pyometra sind:

  • Geburts- bzw. Trächtigkeitsstörungen
  • eine hochgradige Allgemeininfektion z. B. im Rahmen einer Pasteurellose
  • eine aufsteigende Infektion bei einer Hydro- bzw. Mukometra
  • eine iatrogene Induzierung durch Gestagenapplikation

Symptome: Das Allgemeinbefinden der erkrankten Häsin ist hochgradig gestört, neben Apathie und Inappetenz fallen ein angespanntes Abdomen, Zähneknirschen als Schmerzäußerung und gelegentlich eitriger Vaginalausfluss auf. Die Prognose ist vorsichtig zu stellen.

Therapie: Therapeutisch sollte eine Stabilisierung mit Infusionen, einem Breitbandantibiotikum und einem Analgetikum versucht sowie mit einer Zwangsernährung begonnen werden.

Besteht die Möglichkeit einer kurzfristigen Blutuntersuchung z. B. im Praxislabor, so ist neben der Erstellung eines Blutbildes eine Überprüfung der Nieren- und Leberwerte sinnvoll, um die Narkosefähigkeit der Häsin einschätzen und die Narkosevor- und -nachsorge optimal gestalten zu können. Eine Ovariohysterektomie ist unumgänglich und sollte schnellstmöglich erfolgen. Eine Probe des eitrigen Uterusinhaltes sollte zur bakteriologischen Untersuchung eingesandt werden, um nach Antibiogramm ggf. die antibiotische Behandlung gezielt umstellen zu können.

Eine konservative Therapie mit Aglepriston kann versucht werden, wenn ein chirurgischer Eingriff nicht in Frage kommt, bietet aber keinen dauerhaften Therapieerfolg.

Quelle: kleintier konkret 2009; 12(4): 23-27, DOI: 10.1055/s-0029-1213482

 

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