Tollwut, Lyssa, Rage, rabies beim Hund

Definition

Allgemein

  • virale Polioenzephalomyelitis
    • alle Warmblüter
    • einschließlich Mensch
  • meist tödlicher Verlauf
  • Anzeigepflicht
  • epizootisch
  • Übertragung: v. a. durch Bisse

Epidemiologie

  • weltweit mehrere antigene Varianten
  • tierartliche Empfindlichkeit variiert stark
    • z. B. bei Füchsen, Dachsen und Kaninchen größer als für Hunde oder Menschen
  • seit der Einführung der Hundeimpfungen: Raubwild (v. a. der Fuchs) Hauptreservoir (silvatische Wut)
  • seit 1978:
    • orale Tollwut-Vakzine für Füchse in Europa
    • → deutlicher Rückgang der Wildtollwut
  • Deutschland, die Schweiz, Österreich und Frankreich: tollwutfrei
  • gemeldete Tollwutfälle: eingeschleppte Fälle von importierten Hunden aus außereuropäischen Ländern
  • seit 2004: für EU geänderte Einfuhrbedingungen für Hunde und Katzen → Risiko der Tollwut-Einschleppung gering

Ätiologie und Pathogenese

Ätiologie

  • behülltes, einsträngiges RNA-Virus, Genus Lyssavirus , Familie der Rhabdoviren
  • weltweit verbreitet mit Ausnahme von:
    • Neuseeland
    • Antarktis
    • Großbritannien
    • Irland
    • Skandinavien
    • Australien
    • Japan
    • einige Inseln
  • Tenazität:
    • außerhalb des Organismus:
      • relativ unstabil
      • wird durch Wärme, UV-Strahlung und andere physikalische oder chemische Einwirkung (Seife, Desinfektionsmittel) rasch inaktiviert
    • in Kadavern vor allem bei kalter Witterung:
      • mehrere Monate überlebensfähig
  • Desinfektion:
    • seuchenpolizeilich vorgeschriebenen Mittel sollen verwendet werden
    • sowohl saure Desinfektionsmittel als auch Seife, Natronlauge, Phenole, Halogene und Formalin gut wirksam
  • Ausscheidung:
    • hauptsächlich mit dem Speichel
    • einige Tage vor klinischen Symptomen feststellbar

Pathogenese

  • Eintritt durch eine Bisswunde oder über Schleimhäute → Virus gelangt in die Muskulatur
  • ersten lokalen Virusvermehrung → über Muskelendplatten und neurotendinale Spindeln: Eindringen in Nervenfasern
  • → Wanderung mit der interaxonalen Flüssigkeit in Richtung Rückenmark oder Gehirn
  • im Gehirn:
    • rasche Virusvermehrung
    • Ausbreitung von Zelle zu Zelle
  • gefolgt von zentrifugaler Ausbreitung via Nerven in alle Organe
  • besonders in Speicheldrüsen und Augen
  • aerogene Infektionen bei Menschen und Hunden:
    • nach dem Aufenthalt in von Tollwut-infizierten Fledermäusen bewohnten Höhlen möglich
    • orale Infektion durch Aufnahme von Fleisch Tollwut-infizierter Füchse eher selten
  • Inkubationszeit:
    • 2.24 Wo.
    • in Einzelfällen 6-12 Mo.
  • Virusausscheidung:
    • v.a. mit Speichel infizierter Tiere
    • in kleinen Mengen auch via Harn, Fäzes und Ausatmungsluft
    • meist schon 1–5 Tg. vor dem Auftreten neurologischer Symptome
    • dauert bis zum Tod, der i. d. R. nach wenigen Tg. bis Wochen nach Beginn von Symptomen eintritt

Symptome

Allgemeines

  • Ausdruck der neuralen Schädigungen der peripheren motorischen Neurone (Lähmungen) und des zentralen limbischen Systems (Verhaltensstörungen)
  • klassische Auffassung:
    • Tollwut immer tödlich
    • verläuft in 3 Phasen unaufhaltsam progressiv
  • atypische Verlaufsformen:
    • relativ häufig
    • → bei jedem ungeimpften oder unvollständig geimpften Tier, das unklare neurologische Symptome zeigt oder ohne ersichtlichen Grund speichelt, sollte Tollwut als Differentialdiagnose mit in Betracht gezogen werden
  • vor der klinischen Untersuchung: Vorsichtsmaßnahmen, wie das Tragen von Handschuhen (s. auch amtliche Vorschriften, Tollwutverordnung)

Klassischer Dreiphasenverlauf:

  1. Prodromalstadium (Dauer h bis einige Tg.):
    • Wesens- und Verhaltensänderungen von überfreundlich bis abweisend, ängstlich, unruhig
    • Hunde weichen aus
    • bellen oder beißen unmotiviert
    • suchen vermehrt dunkle Plätze auf
    • Automutilationen an der Bissstelle und Schnappen nach imaginären Gegenständen
    • Fieber möglich
  2. Exzitationsstadium („rasende Wut“; Dauer 1–7 Tg.):
    • leichte Erregbarkeit
    • Aggressivität
    • Drangwandern oder Desorientiertheit
    • Steigerung der Unruhe und Launenhaftigkeit
    • Anorexie
    • Zerbeißen von Gegenständen
    • langgezogenes Bellen
    • Raserei und Entweichen
    • stures Herumirren
    • Angreifen von anderen Hunden
    • Muskeltremor
    • Schluckstörungen
    • starkes Speicheln
    • Inkoordination
    • spastische, im Verlauf auch schlaffe Lähmung
  3. Paralyse- oder Depressionsstadium (Dauer bis zum Tod 3–4 Tg.):
    • Unruhe geht zunehmend in Erschöpfung und Lähmungszustände über (Bulbärparalyse, Kehlkopflähmung, Rumpf- und Gliedmaßenparalyse)
    • Koma
    • Tod

„Stille Wut“:

  • ohne vorangehendes Exzitationsstadium: Lähmungen
  • Dauer ca. 2–4 Tg.
  • häufiger, in gewissen Gebieten sogar dominierender Tollwutverlauf
  • typische Symptome:
    • ausdrucksloser, stupider Blick
    • Teilnahmslosigkeit
    • Speicheln
    • Unterkieferlähmung
    • heisere Stimme
    • Unmöglichkeit der Futteraufnahme
    • Eindruck, dass Hund einen Fremdkörper im Schlund habe
    • Nickhautvorfall
    • ungleiche Pupillengröße
    • Schielen
    • schließlich Rumpf- und Gliedmaßenlähmungen
    • Tod

„Atypische Wut“:

Chronische oder mildere Verläufe sind ebenfalls beschrieben.

 

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