Leptospirose

Autor(en): H. Nattermann

Definition

Die Leptospirose ist eine fieberhafte, akut bis chronisch, häufig klinisch inapparent verlaufende Infektionskrankheit, die mit Anämie, Ikterus, zentralnervalen Erscheinungen und Augenkomplikationen einhergeht.

Vorkommen und Epidemiologie

Leptospireninfektionen des Pferdes kommen in der ganzen Welt vor. Insbesondere werden Tiere befallen, die Weidegang haben. Die verschiedenen Serovare von pathogenen Leptospira (L.) species haben ihr biologisches Reservoir bei unterschiedlichen Tierarten. Diese stehen im Mittelpunkt des Seuchengeschehens. Im Falle von L. interrogans serovar Grippotyphosa sind es die Feld- und Sumpfmaus, der Hamster und weitere Nagetiere sowie das Rind, im Falle von L. interrogans serovar Pomona das Schwein, die Brandmaus und eine weitere große Anzahl verschiedener Wildtierspezies, von denen die Erreger mit dem Harn ausgeschieden werden. Die andauernde Infektion der Niere ist das Finalstadium des Infektionsablaufs und bewirkt das Zustandekommen von Infektketten. Daraus resultieren eine Saisonbedingtheit (maximale Infektionsgefährdung in derWeideperiode), eine Abhängigkeit der Infektionshäufigkeit von der Dichte und vom Verseuchungsgrad der betreffenden Wirtstierpopulation sowie die stärkere Durchseuchung älterer Tiere, wobei Reinfektionen mit geringen Erregerdosen zu allergischen Augenkomplikationen (s. periodische Augenentzündung) führen können.

Infektionen von Pferd zu Pferd kommen praktisch nicht vor, wenn man von der Infektionsmöglichkeit der Fohlen in der präund perinatalen Phase absieht. Infolge der geringen Dichte der Pferdepopulation und auch wegen der vorbildlichen Haltungshygiene, die bei Sportpferden die Regel ist, treten Leptospirosefälle meist nur sporadisch auf. Es muss aber immer und überall damit gerechnet werden.

Symptome:

Die Inkubationszeit beträgt einige Tage bis zu 3 Wochen. Es treten perakute und chronische Verlaufsformen auf. Bei der relativ seltenen perakuten Formwerden Apathie, Inappetenz, Leistungsdepressionen, Tachykardie, Atmungsbeschleunigung, Blutharnen, Pollakisurie und pathologische Veränderungen imBlut beobachtet. Nach Rückgang des Fiebers bis zur Norm und Subnorm kommt es zum starken Absinken der Erythrozytenzahl, des Hämoglobingehaltes, zur Leukozytose und Neutrophilie.

Die akute Form beginnt ebenfalls plötzlich mit 40–40,5 Grad C Fieber, Inappetenz und Leistungsdepression. Nach einigen Tagen können sich nach Fieberabfall Ikterus und eine weitere Verschlechterung des Allgemeinzustandes entwickeln. Wichtige Symptome sind weiterhin steifer Gang, Lähmungen und Myalgien. Auf den ikterisch verfärbten Schleimhäuten entstehen Petechien. Gelegentlich werden kurzfristige Durchfälle beobachtet, die in Obstipationen mit Kolikerscheinungen übergehen. Es besteht eine Oligurie. Der Harn ist rot gefärbt und pathologisch verändert. Gelegentlich kommen Nekrosen der Haut und Schleimhaut vor. Diese Krankheitsform dauert etwa 2Wochen.

Bei der chronischen Form stehen Abmagerung und Leistungsschwäche sowie periodische Fieberschübe, die 2–5 Tage andauern und im Abstand von einigen Wochen auftreten, im Vordergrund der Symptomatologie. Die Rezidive sind mit Subikterus, Hämorrhagien und Beschleunigung der Herztätigkeit verbunden.

Eine weitere klinische Form ist von meningoenzephalitischen Erscheinungen geprägt.

Aborte sind,wenn auchweitaus seltener als bei anderen Nutztierarten, bei akutem Verlauf der Leptospirose durchaus möglich. Sie erfolgen im letzten Drittel der Trächtigkeit. Über Aborte und Totgeburten durch die Serovar Kennewicki (Serogruppe Pomona),die bei den betroffenen Stuten mit einer sehr hohen Serokonversion einhergingen, wurde berichtet. Die meisten Fälle wiesen mikroskopische Veränderungen der Leber, Nieren, des Herzens, der Lunge und der Plazenta auf. Die Plazentaläsionen bestanden in Form von Thrombosen, Vaskulitis, einer gemischtzelligen Entzündung des Stromas und der Zotten, einer zystischen adenomatösen Veränderung des Allantoisepithels und aus Nekrosen. Bei den Feten wiesen Leber, Nieren, Lungen und das Myokard entzündliche Veränderungen auf. 

Ätiologie und Pathogenese 

Leptospiren sind weltweit verbreitet, derzeit sind 8 Leptospira-Spezies als pathogen anerkannt (WHO-ILS, 2003). Die bedeutendsten pathogenen Spezies sind L. interrogans, L. borgpetersenii und L. kirschneri. Das Basistaxon ist die Serovar. Beim Pferd sind L. interrogans serovar Kennewicki (Serogruppe Pomona), L. kirschneri serovar Grippotyphosa und L. interrogans serovar Bratislava zu nennen, die das Infektionsgeschehen bestimmen. Aber auch von den meisten übrigen ca. 200 Serovaren die in Serogruppen zusammengefasst sind, können Pferde beiWeide- und Wildtierkontakt sowie bei Kontakt zu anderen Haustierarten infiziertwerden. Die Leptospiren sind feine, spirochätenartige Mikroorganismen, deren Wachstumsoptimum bei 29 Grad C und pH-Wert-Optimum zwischen 7,2 und 7,6 liegt. Gegenüber Abweichungen von diesen pH-Werten sind sie sehr empfindlich,woraus ihre Tenazität in der Außenwelt, eine hohe Empfindlichkeit gegenüber allen Desinfektionsmitteln, die zu pH-Wert-Verschiebungen unter 6 und über 11 führen, und damit die Abhängigkeit des Seuchengeschehens von der Persistenz des Erregers in bestimmten Wirtstierpopulationen resultieren. Unter günstigen Bedingungen können sie jedoch auch außerhalb des Organismus einige Tage bis Wochen lebensfähig bleiben. Die Enzymaktivität ist ebenfalls gering. Es werden nur Lipasen, Hämotoxine und Endotoxine gebildet. Ihre ausgeprägte Antigenität hat eine hohe Spezifität und Treffsicherheit des Antikörpernachweises (Mikroagglutinationsreaktion, Enzymimmunassays  u. a.) zur Folge. 

Die Erreger dringen durch ihre Eigenbewegung aktiv in den Organismus ein und gelangen in die Blutbahn, von dort in die Leber, in der es zu einer Vermehrung kommt. Dies führt zu Leberfunktionsstörungen. Im Blut und in der Leber hält sich der Erreger ca. 8 Tage p. inf. auf (septikämische Phase) und wird dann unter dem Einfluss der sich bildenden Antikörper zerstört (toxische Phase) bzw. weicht in die Tubuli contorti der Nieren aus, wo er sich dem Zugriff der Abwehrkräfte entzieht. Die Lipaseproduktion führt zur Freisetzung von Fettsäuren, die ihrerseits hämolytische und zytotoxische Prozesse bewirken. Das Hämotoxin des Erregers bewirkt einen Erythrozytenzerfall, in dessen Gefolge Hämoglobinämie, Hämoglobinurie, Anämie und Ikterus auftreten. Die Endotoxinwirkung erstreckt sich auf Schädigungen des ZNS, anderer Organzellen und der Blutgefäße. Von diesen pathogenetischen Abläufen wird auch das Sektionsbild geprägt. 

Diagnose und Differentialdiagnose 

Die Diagnose der Leptospirose erfordert komplexe, klinische, epidemiologische, pathologische und labordiagnostische Untersuchungen. Beim Antikörpernachweis sind mehrere Blutserumuntersuchungen in Abständen von einer Woche empfehlenswert. Antikörpertiter in der Mikroagglutinationsreaktion von 1 : 100 können für eine Infektion sprechen. Ein Anstieg um mindestens 2 Titerstufen innerhalb einerWoche lässt auf eine frische Infektion schließen. Der direkte Erregernachweis kann im nativen Material (Harn, Augenkammerwasser u. a.) mit Hilfe der Dunkelfeldmikroskopie geführtwerden. Von hoher Aussagekraft ist auch die FA-Technik. Die Erregeranzüchtung ist sehr aufwendig, bedarf spezieller Verfahren und sollte deshalb nur ausnahmsweise im Speziallabor aus frischem Material versucht werden. Differentialdiagnostisch müssen vor allem Infektiöse Anämie (Coggins-Test), Bornasche Krankheit (Virusnachweis), Listeriose (bakteriologisch und histologisch) und Piroplasmose (mikroskopischer Erregernachweis) ausgeschlossen werden. 

Prognose 

Je früher die Antibiotikatherapie einsetzt, um so günstiger ist die Prognose. Die Letalität kann bei der perakuten Form bis zu 100% betragen. Allgemein ist die Prognose jedoch günstig. 

Therapie

 Erkrankte Tiere sind zu isolieren und ruhigzustellen. Das Mittel der Wahl ist eine Langzeitantibiotikatherapie. Die Tiere erhalten mindestens eine Woche lang Tagesdosen von 5–10mg Oxytetracyclin/kg KM i.m. bzw. Streptomycin oder entsprechende Depotpräparate. Gute therapeutische Wirkung zeigt auch Penicillin in Dosen von 10 000–15 000 IE/kg KM i.m. Es verhindert jedoch eine Nierenbesiedlung nicht. Hierfür ist Streptomycin das am besten geeignete Präparat. Die Erstellung eines Antibiogramms ist nicht erforderlich, da Leptospiren sehr empfindlich gegen Streptomycin, Penicillin und Tetracyclin sind. Zur symptomatischen Therapie werden je nach den vorherrschenden Symptomen Laxantien, Exzitantien, Diuretika und Kardiaka verabreicht. Glukoseinfusionen haben sich ebenfalls gut bewährt. 

Prophylaxe und Bekämpfung 

Alle Faktoren, die ein Zustandekommmen von Infektionen begünstigen (Nagerbefall der Ställe, schlechte Stall- undWeidehygiene, Kontakt zu Exkrementen anderer Tierarten, Flüssigkeitsstauungen usw.), sind auszuschalten.
Zur Ermittlung des Grades der Infektionsexposition und der vorliegenden Erregervariante sind serologische Reihenuntersuchungen in Pferdebeständen angezeigt. Bei der Fahndung nach den Ursachen für Leistungsdepressionen bei Sportpferden muss die Leptospirose mit in Betracht gezogen werden. Beim An- und Verkauf vonwertvollen Sportpferden ist eine zweimalige blutserologische Untersuchung mit der Mikroagglutinationsreaktion oder einem ELISA im Abstand von 14 Tagen zu empfehlen. Tiere mit Titeranstieg (mindestens 2 Titerstufen) können einer Antibiotikatherapie unterzogen werden. In Distrikten mit periodischer Augenentzündung können die Unterbindung des Weideganges und intensive Schadnagerbekämpfung empfohlen werden. 

O. Dietz, B. Huskamp (Herausgeber), Handbuch Pferdepraxis, ISBN: 9783830410287, 3. Aufl., völlig neu bearb. 2005, S. 698-699

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