Gicht

Autor(en): P. Kölle

Eine relativ häufige Erkrankung bei Reptilien stellt die in der Literatur ausführlich beschriebene Gicht dar, bei der die Nieren eine zentrale Rolle einnehmen. Bei Erhöhung des Harnsäurespiegels mit Überschreitung des Löslichkeitsproduktes im Blut kommt es v. a. bei gleichzeitiger Funktionsstörung der Nierentubuli zu einer Akkumulation von Harnsäure in der Zelle, die dann auskristallisiert. Weitere Uratablagerungen finden dann in der Peripherie statt und führen zu dem typischen histologischen Bild der sternförmig angeordneten nadelförmigen Kristalle. Diese sogenannten Gichttophi können bis stecknadelkopfgroß sein und sind in der Niere und anderen Organen bei der Sektion makroskopisch gut sichtbar. Durch Stau der Harnsäure im gesamten abführenden Systemkann die Niere auch weiß marmoriert erscheinen (s. Abb. 1). 

Abb. 1: Typische Gichtniere mit Gichttophi (Uratablagerungen in den Tubuli) 

Im weiteren Verlauf kommt es zur Ablagerung von Harnsäure und harnsauren Salzen in Organen und auf den serösen Häuten und zum Teil in den Gelenken. Aufgrund des makroskopischen Erscheinungsbildes werden 2 Formen unterschieden, die auch kombiniert auftreten können: 

  • viszerale Gicht mit Uratablagerungen in den Organen, vor allem Niere, Herzbeutel und Lunge, sowie den serösen Häuten,
  • Gelenkgicht mit Auskristallisieren von Harnsäure in den Gelenken und in den Sehnenscheiden.Für die Entstehung einer Hyperurikämie werden verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht. Die Behebung der Haltungs- bzw. Fütterungsfehler beugt der Gicht vor. Als Ursache sind bekannt:  

Wassermangel 

Wassermangel gilt als Hauptursache der Gicht. Gründe können sein, dass die Tiere dehydriert sind, keinen Zugang zum Trinkwasser haben oder die Luftfeuchte der Umgebung zu niedrig ist. Die schlechte Löslichkeit der Stickstoff-Stoffwechselendprodukte führt bei vermindertem Plasmavolumen und verminderter renaler Perfusion zur Akkumulation der Urate in den Tubuli. 

Übermäßige Proteinzufuhr 

Die Ernährung von Schildkröten mit proteinreichem Futter scheint insbesondere bei rein herbivoren Arten zum Auftreten von Gicht zu führen. Eine Korrelation konnte erstmals durch die Autorin eindeutig nachgewiesen werden. 

Nephrotoxische Substanzen 

Die am häufigsten erwähnte für Reptilien nephrotoxische Substanz ist das Glykosidantibiotikum Gentamicin. Auch Sulfonamide können bei falscher Dosierung, Wassermangel und vorgeschädigter Niere zu toxischen Tubulonephrosen führen. Ebenso sind Penicilline der neuen Generation, wie z. B. Pipercillin und Ticarcillin, nephrotoxisch. Ferner gelten Frostschutzmittel auf der Basis von Ethylenglykol als stark nierentoxisch, da sie zu einer intrarenalen Ausfällung von Kalziumoxalaten führen. Auch eine Verfütterung oxalathaltiger Pflanzen, wie z. B. Rhabarber oder Spinat, soll zu einem solchen Krankheitsbild führen. Viele Schwermetalle, vor allem Blei, können nierentoxische Wirkungen besitzen. Schon eine einmalige Verabreichung von 5mg Sublimat (HgCl2) pro kg KM konnte Nephropathien auslösen. 

Nephritis 

Gicht kommt auch alsmögliche Folge einer Nephritis in Betracht. Da Harnsäure in Form von Uraten aktiv über den proximalen Teil der Nierentubuli sezerniert wird, führt eine Schädigung des Epithels des proximalen Anteils zu einer Verringerung der Exkretion von Uraten und einem Anstieg von Harnsäure im Blut und einer konsekutiven Ablagerung in den geschädigten Tubuli und somit zur Gicht. 

Bakterielle Infektionen 

Aus Nieren von Reptilien, die an Viszeralgicht verendet sind, konnten häufig Bakterien der Gattung Aeromonas isoliert werden. 

Vitamin-A-Mangel 

Bei Vögeln kann ein Vitamin-A-Mangel das Epithel der Nierentubuli schädigen und durch die daraus folgende Hyperurikämie Gicht verursachen. Derselbe Mechanismus könnte auch bei Wasserschildkröten zum Tragen kommen. 

Hexamitiasis 

Degenerative Veränderungen in den Nierentubuli durch Hexamita spp. können als Spätfolge zu einer Nephritis und zu Nierengicht führen. 

Falsche Umgebungstemperatur 

Nicht adäquate Umgebungstemperaturen können auf Dauer ebenfalls gichtauslösend sein. Bei Rotwangen Schmuckschildkröten führte eine Erniedrigung der Umgebungstemperatur sowie die Winterschlafphase zur Erhöhung des Harnsäurespiegels im Blut. 

Prädisposition 

Maurische Landschildkröten scheinen anfälliger für renale Erkrankungen zu sein als Griechische Landschildkröten, Breitrandschildkröten oder Vierzehenschildkröten. Zudem waren in eigenen Studien männliche Tiere bei allen Spezies signifikant häufiger betroffen als die weiblichen Tiere. Dies dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass weibliche Tiere eine höhere Zufuhr von Protein in die Produktion von Eiern umsetzen können, während bei den männlichen Tieren überschüssiges Protein in Form von Harnsäure anfällt und gegebenenfalls in den Nieren abgelagert wird. In einem Bestand können unter gleichen Bedingungen nur einzelne Tiere erkrankt sein, sodass auch von einer individuellen Disposition auszugehen ist. Im Gegensatz zu Säugetieren ist Gicht bei Reptilien jedoch kein hereditärer Defekt im Purinstoffwechsel. 

Quelle:
P. Kölle
Die Schildkröte
Heimtier und Patient
ISBN: 9783830410669
2008, S. 169-170

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