Exophthalmus

Autorin: Anja Ewringmann

Ätiologie & Pathogenese 

Die Ursache für einen einseitigen Exophthalmus ist beim Kaninchen fast immer ein retrobulbärer Abszess, retrobulbäre Tumoren sind dagegen die absolute Ausnahme. Ausgehend von den Backenzähnen des Oberkiefers (meist M1 und M2), die bei apikalem Wachstum die Begrenzung der Orbita durchbrechen können, entstehen Abszesse, die den Bulbus aus der Augenhöhle drücken. Beidseitiger Exophthalmus kann bei Kaninchen durch eine Blutdruckerhöhung ausgelöst werden. Hinter dem Bulbus befindet sich ein ausgeprägter Gefäßsinus, der anschwillt, sodass das Auge leicht aus der Orbita gedrückt wird. Ursachen für derartige Erhöhungen des Blutdrucks sind bei Kaninchen Stresssituationen sowie raumfordernde Prozesse im Thorax, insbesondere Thymome. 

Klinik 

Bei beidseitigem Exophthalmus infolge einer Blutdruckerhöhung sind die okulären Strukturen völlig intakt. Die Nickhautdrüse kann jedoch auffällig vergrößert sein. Liegt ein Thymom zugrunde, so sind v. a. Atembeschwerden als weitere Symptome zu erwarten. Auch bei einseitigem Exophthalmus infolge eines retrobulbären Prozesses sind die okulären Strukturen zunächst unauffällig (siehe Abb.1). Da mit fortschreitendem Hervortreten des Bulbus der Lidschluss jedoch zunehmend unvollständig wird, trocknet im weiteren Verlauf die Kornea ein. Meist besteht ein Augenausfluss, der zunächst serös ist, aber eine zunehmend eitrige Konsistenz annimmt. 

Abb. 1: Exophthalmus durch retrobulbären Abszess 

Diagnose

Besteht ein einseitiger Exophthalmus, ist eine gründliche Untersuchung der Maulhöhle durchzuführen, wobei besonders der Zustand der Backenzähne des Oberkiefers überprüft wird. 

  • Bei jedem einseitigen Exophthalmus muss der Schädel in 2 Ebenen geröntgt werden. Nur so kann das Ausmaß der Zahn- und Knochenveränderungen diagnostiziert werden!
    Dies ist nicht nur wichtig für die einzuleitende Therapie, sondern auch von entscheidender Bedeutung für die Prognose (siehe Abb.2).
  • Bei beidseitigem Exophthalmus sollten stets Röntgenaufnahmen des Thoraxes angefertigt werden!  

Abb. 2: Retrobulbärer Abszess, ausgehend von den Molaren des linken Oberkiefers; osteolytische Veränderungen des gesamten linken Oberkiefers 

Therapie & Prognose

Die einzig sinnvolle Therapie eines retrobulbären Abszesses beinhaltet eine Bulbusenukleation und Extraktion des die Erkrankung verursachenden Zahns. Die Bulbusexstirpation wird wie bei Hund und Katze durchgeführt. 

  • Dabei müssen die Tränendrüsen restlos entfernt werden! Andernfalls kommt es zu anhaltender Tränenproduktion, die eine Ausheilung verhindert.  

Der in der Orbita befindliche Abszess muss anschließend vollständig entfernt werden. Die Lockerung und Entfernung des Zahns/der Zähne erfolgt über die Orbita oder über die Maulhöhle. Das Zahnfleisch wird über der Extraktionswunde vernäht. Andernfalls wandern später Futterbestandteile über den Fistelkanal in die Orbita ein. Die Wundhöhle wird (von der Orbita aus) gründlich mit einem scharfen Löffel ausgeschabt und wiederholt gespült (verdünnte Jodlösungen 94, Acridinfarbstoffe 92). Im Anschluss wird eine Drainage in die Augenhöhle eingelegt, die nach spätestens 2 Tagen zu ziehen ist. Auch danach sollten regelmäßige Spülungen der Wundhöhle im Abstand von 2 Tagen durchgeführt werden, bis die Wunde verschlossen ist. 

Die Tiere müssen nach einer Operation über einen Zeitraum von mindestens 4 Wochen mit einem knochengängigen Antibiotikum systemisch behandelt werden. Je nach Ausmaß der Osteomyelitis im Kiefer kann eine deutlich längere Behandlung erforderlich werden. Es ist sinnvoll, Eiter und Teile der Abszesskapsel mikrobiologisch untersuchen zu lassen, um eine gezielte antibiotische Therapie durchführen zu können. Liegt einem beidseitigen Exophthalmus ein Thymom zugrunde, so kann durch einen ACE-Hemmer der Blutdruck oft zufriedenstellend gesenkt werden. Liegen jedoch bereits Atembeschwerden vor, so sollte das Tier euthansiert werden. 

Therapie eines Exophthalmus bei Zahnerkrankungen 

  • Bulbusenukleation und vollständige Abszessentfernung
  • Extraktion der beteiligten Zähne regelmäßige Spülungen der Wundhöhle
  • knochengängiges Antibiotikum, z. B.
    •           Enrofloxacin 9 (Baytril ®), 1 × tägl. 10 mg/kg p. o., s. c.
    •           Marbofloxacin 13 (Marbocyl®),1 × tägl. 4 mg/kg p. o., s. c.
    •           Chloramphenicol 5 (Chloromycetin Palmitat®), 2 × tägl. 50 mg/kg p. o.
    •           Analgetikum, z. B.
      •                 Metamizol 99 (Novaminsulfon®, Novalgin®), 2–3 × tägl. 20–50 mg/kg p. o., s. c.
      •                 Meloxicam 98 (Metacam®),1 × tägl. 0,15 mg/kg p. o., s. c.
      •                 Carprofen 97 (Rimadyl®), 1 × tägl. 5 mg/kg s. c.  

Quelle: A. Ewringmann, Leitsymptome beim Kaninchen, Diagnostischer Leitfaden und Therapie, ISBN: 9783830410904, 2. Aufl., überarb. 2010, S. 66-68

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