Akute Schmerzen bei Katzen erkennen

Autor: S. A. Robertson

In der Humanmedizin kann sich eine Schmerztherapie nach den Angaben richten, die der Patient zu Art und Grad seiner Schmerzen macht. In der Veterinärmedizin muss der Tierarzt dagegen die Schmerzanzeichen seines Patienten aufmerksam wahrnehmen und in ihrem Ausmaß interpretieren, um eine sachgerechte Therapie vornehmen zu können. Typische Veränderungen in Verhalten, Körperhaltung und Mimik helfen dabei, Schmerzen bei Katzen erkennen zu können und sie qualitativ wie quantitativ einzuordnen.

Obwohl Tierärzte operative Eingriffe bei Hunden und Katzen als gleich schmerzhaft einstufen und die Anzahl der Operationen an Katzen und Hunden ungefähr gleich ist, werden perioperative Schmerzen bei Katzen seltener therapiert als bei Hunden. Dies ist z. T. darauf zurückzuführen, dass Schmerzäußerungen und -anzeichen bei Katzen weniger augenscheinlich sind und daher nicht so einfach zu erkennen und zu interpretieren sind.

Bewertungssysteme zur Messung von Schmerzen, die physiologische Daten (objektiv) und/oder Verhalten (subjektiv) messen, sind auch für Katzen erarbeitet worden. Doch keines dieser Systeme wurde bisher validiert. Die visuelle Analogskala (VAS) ist ein etabliertes, subjektives Bewertungssystem. Typische Schmerzanzeichen einer Katze werden dabei beobachtet, bewertet und auf einer Skala zwischen dem niedrigsten Wert (keine Schmerzen) und dem höchsten Wert (starke Schmerzen) dokumentiert.

In jeder Tierarztpraxis sollte ein solches Bewertungssystem eingeführt werden, und zwar individuell so modifiziert, dass es zu den Abläufen der Praxis passt, für Tierarzt und Praxisteam praktikabel ist und für die Nachsorge verschiedener Eingriffe und Operationen einheitlich angewendet werden kann. Die Beurteilung von Schmerzen bei Katzen wird dann anhand von Verhaltensänderungen, Mimik und Körperhaltung vorgenommen.

Die häufig subtilen Anzeichen von Schmerzen bei der Katze können leicht übersehen werden, wenn offensichtliche Symptome wie Lautäußerung oder Unruhe erwartet werden.

Verhaltensänderungen bei Schmerz

Voraussetzung für die Beurteilung des Verhaltens einer Katze ist, dass die Wirkung von Sedation und/oder Narkose abgeklungen ist. Zeigt eine Katze ein vom Normalverhalten abweichendes Verhalten, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass die Katze Schmerzen hat.

Aber auch das normale Verhalten einer Katze kann in der Tierarztpraxis/Tierklinik von dem Verhalten zu Hause abweichen. Ängstliche oder gestresste Katzen ziehen sich z. B. auch ohne Schmerzen nach hinten in Transportbox oder Stationsbox zurück und/oder verkriechen sich unter einer Decke. Daher ist eine sorgfältige Beobachtung des Verhaltens in der Praxis/Klinik auch vor dem Eingriff äußerst wichtig. Ist eine Katze z. B. vor einer Operation freundlich und aufgeschlossen, danach aber verängstigt, so sollte dies Anlass sein, die vorgenommene Schmerztherapie zu überprüfen.

Je genauer eine Katze vor der Operation beobachtet wurde und je aufmerksamer sie nach der Operation beurteilt wird, desto wahrscheinlicher ist es, auch subtile Anzeichen von Schmerzen zu erkennen.

Reaktion auf Palpation

Die Palpation des betroffenen Körperteils oder der Wunde ist ein wichtiger Teil der Schmerzmessung. Anders als bei wild lebenden Katzen sollte eine Hauskatze leichten Druck auf und um den Wundort bei ausreichender Schmerztherapie geduldig ertragen, ohne dass sie zusammenzuckt oder versucht, den Untersucher abzuwehren. Wichtig ist auch hier der Vergleich des Verhaltens vor und nach dem Eingriff.

Lecken an Naht oder Verband

Das Schonen und Schütteln einer verbundenen Pfote oder übermäßiges Lecken an einem Verband oder einer Wundnaht kann darauf zurückzuführen sein, dass der Verband oder das Nahtmaterial mechanisch stören. Beides kann aber auch Hinweis auf Wund- oder Entzündungsschmerz sein. Beobachtet man sorgfältig, wie sich eine Katze verhält und was sie durch ihre Haltung oder Mimik ausdrückt, so kann dies helfen, die tatsächliche Ursache für das Verhalten und evtl. vorhandene Schmerzen zu eruieren und zu beheben bzw. zu behandeln.

Position in der Box

Hat eine Katze Schmerzen, so zieht sie sich meist in einen hinteren Winkel von Transportbox oder Stationsbox zurück und  reagiert nicht auf Ansprache. Auch hier muss der Vergleich vor und nach dem Eingriff vorgenommen werden, um das Verhalten richtig deuten zu können.

Rückenlinie

Eine Katze, die eine geduckte Haltung einnimmt, den Rücken aufkrümmt und den Kopf unten hält, hat wahrscheinlich Schmerzen. Eine geduckte oder zusammengekauerte Haltung wird v. a. bei akuten Schmerzen nach Bauchoperationen beobachtet. Dies wurde bereits in einer vorläufigen Arbeit an der Universität Glasgow beschrieben (S. A. Robertson, College of Veterinary Medicine, University of Florida, nicht veröffentlichte Daten 2007).

Mimik

Ein nach unten geduckter Kopf mit halb geschlossenen, zusammengekniffenen Augen und hängenden Ohren ist ebenfalls ein Hinweis auf Schmerzen.

Körperlage

Eine Katze, die flach ausgestreckt liegt und auf ihre Umgebung nicht reagiert oder kein Interesse an ihrem Umfeld zeigt, kann starke Schmerzen haben.

Wie häufig sollten Schmerzen beurteilt werden?

In welchen Abständen und über welchen Zeitraum postoperative Schmerzen bei einer Katze beurteilt werden sollten, hängt von der Art des Eingriffes, dem Ausmaß der Verletzungen sowie dem allgemeinen Zustand und evtl. Begleiterkrankungen des Patienten ab.

Grundsätzlich gilt, dass eine Beurteilung und Behandlung von Schmerzen bis zum endgültigen Abklingen von Schmerzanzeichen fortgeführt werden sollte.

Entscheidend für das Vorgehen sind ferner die Art der vorgenommenen Schmerztherapie und deren Wirkungsdauer. So brauchen z. B. die Schmerzen bei einer Katze, die nach Behandlung mit Buprenorphin und postoperativer Gabe eines NSAID keinerlei Schmerzanzeichen zeigt, über weitere 2-4 Std. nicht erneut beurteilt zu werden.

Wichtig ist, Katzen nach einer Opera¬tion durch eine ausreichende Schmerz¬therapie die Möglichkeit zu geben, zur Ruhe zu kommen, ausreichend zu schlafen und sich zu erholen. Die Vitalzeichen können überprüft werden, ohne das Tier unnötig aufzuregen. In regelmäßigen Abständen sollte eine Überprüfung des Schmerz¬status stattfinden, z. B. durch Einschätzung von Körperhaltung und Mimik sowie vorsichtiges Abtasten der Wunde. So lässt sich feststellen, ob der Effekt der Schmerztherapie ausreichend ist.

Ziel ist es, die Schmerztherapie so fortzusetzen, dass es erst gar nicht zu starken Schmerzen kommt, sondern erneuten Schmerzen durch die rechtzeitige bzw. lückenlose Gabe von Schmerzmitteln vorgebeugt wird.

Wird der Patient entlassen, ist die Schmerztherapie nicht unbedingt abgeschlossen. Der Besitzer sollte daher angehalten werden, zu Hause das Verhalten der Katze, ihren Appetit und allgemeinen Zustand zu beobachten, um zu überprüfen, ob die für die Nachsorge verschriebene und zu Hause fortgeführte Schmerztherapie ausreichend eingestellt ist. Nimmt der Tierhalter Anzeichen von Schmerz bei seinem Tier wahr, so sollte er Kontakt zur Praxis aufnehmen, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

Fazit für die Tierarztpraxis

Jede Katze sollte vor und nach einem Eingriff oder einer Operation aufmerksam beobachtet werden, um Veränderungen in ihrem Verhalten sowie Auffälligkeiten in Körperhaltung und Mimik wahrzunehmen. Ziel dieser Maßnahme ist es, den Schmerzstatus einzuschätzen und eine angemessene Schmerztherapie vornehmen zu können. Ist das Ergebnis der Beurteilung -fraglich, so sollte sicherheitshalber eine Schmerztherapie vorgenommen bzw. eine bestehende Therapie angepasst und die ¬Reaktion des Patienten auf diese Behandlung überprüft werden.

Quelle: kleintier konkret 2010; 13(6): 3-7; DOI: 10.1055/s-0030-1267779; Literatur/Referenzen: s. Quelle; © Enke Verlag in Georg Thieme Verlag KG

 

 

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