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    Für eine positive Selbstinszenierung bieten soziale Netzwerke vielfältige Möglichkeiten, die immer mehr Menschen für sich nutzen. © Artur/Adobe.Stock.com

     

Generation Me – Soziale Medien und Narzissmus

fzm, Stuttgart, September 2019 – Die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung sind durch Facebook, Instagram und Co. gewachsen – auch für narzisstische Menschen. Sie nutzen soziale Netzwerke sehr häufig und intensiv, um sich so positiv wie möglich zu präsentieren. Es gibt aber auch eine umgekehrte Korrelation: Studien zufolge zeigen Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren, die mit sozialen Medien aufgewachsen sind, deutlich höhere Narzissmus-Werte als solche über 30. Für sie besteht darüber hinaus ein erhöhtes Risiko, eine Online-Sucht zu entwickeln. Darauf weisen Psychologen der Ruhr-Universität Bochum in der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) hin. Therapeuten sollten narzisstische Patienten daher frühzeitig auf eine übermäßige Nutzung sozialer Medien ansprechen und die Gründe mit ihnen erörtern. Gleichzeitig ist es wichtig, nach Alternativen, zum Beispiel im Sport, zu suchen, die ihnen eine Anerkennung von außen ermöglichen und gleichzeitig für eine innere Befriedigung sorgen.

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit zeichnen sich durch ein übertrieben positives Selbstbild aus. Sie messen sich selbst eine große Bedeutung zu und sind von ihrer Einzigartigkeit überzeugt. Entsprechend hoch ist auch ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bewunderung. „Aus diesem Grund neigen Narzissten dazu, viele soziale Beziehungen zu initiieren“, sagt Dr. Julia Brailovskaia, die an der Ruhr-Universität Bochum zu Themen wie Mediennutzung und Persönlichkeit forscht. Dabei stellen sie sich zunächst als charmant und humorvoll dar – ein Eindruck, der erhalten bleibt, solange die Kontakte oberflächlich bleiben. „Vertiefen sich die Beziehungen jedoch, treten vermehrt typisch narzisstische Merkmale, wie eine niedrige Empathie und ein starkes Verlangen nach Macht und Kontrolle, zutage“, erläutert Brailovskaia. Dann komme es häufig zu Konflikten und das gewünschte positive Feedback bleibe aus.

Nicht so auf Facebook: Die sozialen Medien erlauben es nicht nur, in kurzer Zeit viele Kontakte zu knüpfen – die Beziehungen bleiben darüber hinaus auch meist oberflächlich. Narzissten können das positive Selbstbild nach außen längerfristig aufrechthalten. Entsprechend anziehend wirkt das Medium auf narzisstisch veranlagte Menschen. Untersuchungen zufolge besuchen diese Facebook häufiger und verbringen dort mehr Zeit als andere Personen.

Umgekehrt scheint die stete Verfügbarkeit sozialer Netzwerke aber auch das Entstehen narzisstischer Züge zu fördern. „In Studien zeigt sich, dass jüngere Millennials, die heute in ihren Zwanzigern sind, deutlich höhere Narzissmus-Werte aufweisen als ältere Millennials“, sagt Brailovskaia. Anders als die über 30-Jährigen hätten die jüngeren Millennials bereits einen wesentlichen Teil ihrer Identitätsbildung auf Plattformen wie Facebook erlebt.

Die intensive Nutzung sozialer Medien ist teilweise problematisch. „Narzissmus stellt einen Risikofaktor für die Entstehung einer Online-Sucht dar, in deren Folge weitere psychische Probleme wie Schlafstörungen, Ängste und Depressionen drohen“, sagt Brailovskaia. Präventiv sei es daher wichtig, möglichst frühzeitig über einen kompetenten Medienumgang aufzuklären. Therapeutisch sollte der Schwerpunkt nicht auf einem vollständigen Verzicht liegen, sondern eher auf einer zeitlichen Begrenzung. Zudem sei es wichtig, die Gründe für die Mediennutzung herauszuarbeiten. „Meist ist es ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, das offline nicht ausreichend befriedigt wird“, sagt die Bochumer Psychologin. Hier gelte es, Alternativen zu finden, über die auch im realen Leben Anerkennung erlangt werden könne. Durch sportliche Aktivitäten etwa könne nicht nur die seelische, sondern zugleich auch die körperliche Gesundheit verbessert werden.

J. Brailovskaia, H.-W. Bierhoff:
Generation Me: Soziale Medien und Narzissmus
PiD Psychotherapie im Dialog 2019; 20 (3): S. 26–30

 

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