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    Bei chronischer Verstopfung ist die Angst vor dem großen Geschäft bei Kindern besonders groß. © Alexander/Adobe.Stock.com

     

Wie Physiotherapie Kindern bei chronischer Verstopfung hilft

fzm, Stuttgart, März 2020 – Harter Stuhlgang und Bauchschmerzen können durch innere Anspannung entstehen. Schmerzen beim Stuhlgang und die Angst davor lösen dann einen Teufelskreis aus und es entsteht eine sogenannte funktionelle Obstipation (Verstopfung). Für die Betroffenen, zu denen oft auch Kinder gehören, ist das sehr belastend. Ballaststoffreiche Kost, viel Trinken und ausreichend Bewegung können die Darmtätigkeit anregen. Reicht das nicht aus, kann Physiotherapie helfen. Denn oft sind es Verspannungen, die das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen stören und die Verdauungsprobleme verursachen. Welche Übungen den Weg zurück zu einer normalen Toilettenroutine ebnen können, beschreibt ein Beitrag in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020).

Gerade bei Kindern gibt es für eine länger anhaltende Verstopfung meist keine organische Ursache. „Der Darm ist an sich gesund, dennoch sammelt sich Kot im Enddarm an, dickt ein und ist dann nur noch schwer auszuscheiden“, sagt die Autorin Julia Jennrich, die als selbstständige Physiotherapeutin in Hamburg arbeitet. Oft trage eine zu hohe Spannung der Rumpfmuskulatur dazu bei, dass das Kotabsetzen nur mit Mühe möglich sei. Am Anfang kann aber auch eine bewusste Stuhlverhaltung stehen – sei es, weil es im Tagesverlauf zu wenige Ruhephasen gibt, oder weil das Thema bei Kindern stark schambesetzt ist.

 

Hat sich erst einmal ein harter Stuhlpfropfen gebildet, der nur unter Schmerzen abgesetzt werden kann, beginnt auch schon der Teufelskreis. „Die Afterregion ist sehr druck- und schmerzempfindlich – schon kleine Störungen können zu einer Verkrampfung führen, die den Stuhlgang weiter erschwert“, erklärt Jennrich.

 

Entspannung der Beckenbodenmuskulatur

 

Besonders die Muskeln des Beckenbodens spielen für die Darmfunktion eine wichtige Rolle, denn sie stehen eng mit dem Schließmuskel am After in Verbindung. Ein zentrales Element der Therapie ist daher die Entspannung. Für Kinder besonders anschaulich ist etwa die „Eiszapfenübung“, bei der sich der kleine Patient zunächst starr wie ein Eiszapfen auf eine Matte stellt, dann aber „schmilzt“ und letztlich auf die Matte „fließt“.

 

Bewegung bringt den Darm in Schwung

 

Darüber hinaus ist Bewegung wichtig, denn auch sie bringt den Darm in Schwung. Sie ist daher nicht nur fester Bestandteil der Therapiestunden, auch darüber hinaus sollten die Patienten körperlich aktiv werden. Zudem empfiehlt Jennrich Übungen, mit denen die Betroffenen ihre Körperwahrnehmung verbessern können. „Oft ist das Gefühl dafür, wann es Zeit ist, den Darm zu entleeren, bei den Betroffenen schon verloren gegangen“, sagt sie. Deshalb lernen sie beispielsweise zunächst sensible Hautreize zu deuten. So sollen sie Zahlen oder Buchstaben, die man ihnen auf den Rücken schreibt, erraten. Im weiteren Verlauf der Therapie üben sie dann ihren Darm zu spüren, zum Beispiel indem sie dessen Verlauf mit einem Tennisball abrollen.

 

Ein „darmgerechter“ Familienalltag

 

Auch für das Familienleben gibt Jennrich Tipps. Das Thema solle nicht schambehaftet sein und in der Familie offen angesprochen werden. Denn gerade bei Kindern ist die Unterstützung der Eltern – etwa bei einer Ernährungsumstellung – unabdingbar. Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte regen die Darmtätigkeit an, außerdem sollte viel getrunken werden, damit der Stuhl nicht zu hart ist. Für Kinder wie für Erwachsene ist es auch wichtig, den Tag so zu planen, dass nach den Mahlzeiten genug Zeit für einen entspannten Toilettengang bleibt. Denn durch die Dehnung des Magens beim Essen wird die Bewegung des Dickdarms angeregt. „Rund 20 Minuten nach der Mahlzeit ist daher die Chance, das große Geschäft erledigen zu können, besonders groß“, sagt Jennrich.

 

Hierfür solle sich der Patient einige Minuten Zeit nehmen, während der „Sitzung“ sollten die Füße Bodenkontakt haben, der Raum gut geheizt sein. Eine Lektüre oder eine Hör-CD helfen bei der Entspannung. Vorübergehend können die Patienten auch ein leichtes Abführmittel einnehmen – wenn der Toilettengang wieder eine entspannte Angelegenheit und das Gefühl für den Darm wieder zurückgekehrt ist, ist das aber meist nicht mehr nötig.

 

J. Jennrich

Die Angst vor dem großen Geschäft – Funktionelle Obstipation bei Kindern
physiopraxis 2020; 18 (2); S. 32–37

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