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    Thieme Projektmanagerin Andrea Pötting (l.) übergibt die Auszeichnung gemeinsam mit dem physioscience-Herausgeber Prof. Slavko Rogan (r.) an Physiotherapeut Dr. Peter Oesch (Mitte). © Thieme/M. Verra

     

„physioscience-Preis“ geht an Schweizer Autorenteam

Stuttgart, November 2019 – Die Fachzeitschrift „physioscience“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) hat erstmals den mit 3000 Euro dotierten „physioscience-Preis“ vergeben. Ein Schweizer Autorenteam hat die Auszeichnung Anfang November im Rahmen des Clinical Research Forums am Universitätsklinikum Balgrist in Zürich erhalten. Sie überzeugten die Jury mit ihrer Arbeit zu „Erweiterten Rollenfunktionen (ER) der Physiotherapie im Akutkrankenhaus“. Die Ausschreibung für das nächste Jahr läuft noch bis Mai 2020.

„Angesichts der ständig wachsenden Zahl älterer Patienten und dem akuten Fachkräftemangel im Gesundheitswesen sind innovative medizinische Versorgungsmodelle gefragt“, erklären die Preisträger Dr. Peter Oesch, Sara Tomovic, Patrizia Sonderer und Cynthia Bovard. Ein möglicher Weg könnte die Erweiterung des bisherigen Tätigkeits- und Funktionsspektrums von nicht ärztlichem Personal sein, sind sie überzeugt. Im Bereich der Physiotherapie werden solche Bestrebungen als Advanced Physiotherapy Practice oder Extended Scope Physiotherapy bezeichnet. Angelsächsische und skandinavische Länder haben solche Überlegungen bereits in die Tat umgesetzt.

Im Rahmen einer Online-Umfrage haben die jetzt ausgezeichneten Autoren ermittelt, ob und in welchen Bereichen Physiotherapeuten erweiterte Rollenfunktionen in Kliniken der Ostschweiz bereits übernehmen. Darüber hinaus untersuchten sie, ob die Therapeuten dafür spezielle Aus- und Weiterbildungen benötigen und ob die jeweiligen Verantwortlichkeiten auch Teil ihrer Stellenbeschreibung sind und entsprechend entlohnt werden. Rund 180 Physiotherapeutinnen und -therapeuten nahmen an der Befragung teil.

Wie die Ergebnisse zeigen, übernehmen schon heute viele Physiotherapeuten in Kliniken der Ostschweiz erweiterte Funktionen. Die Bereiche betreffen klinische, koordinative, ausbildende, leitende und wissenschaftliche Tätigkeiten. Viele davon verlangen eine zusätzliche Aus- und Weiterbildung, werden in der Stellenbeschreibung der Beschäftigten aber nicht immer aufgeführt und auch nicht entsprechend honoriert. Dazu gehören beispielsweise, physiotherapeutische Spezialsprechstunden oder die Definition von Behandlungspfaden und Nachbehandlungsrichtlinien. Darüber hinaus weisen Physiotherapeuten Patienten anderen Fachdisziplinen für eine weitere medizinischen Abklärung zu. Andere tragen Sorge für die Praxisausbildung von Studierenden, übernehmen Führungsfunktionen oder arbeiten an Forschungsprojekten mit.

Die Autoren sind sich sicher, dass Physiotherapeuten Engpässe in der medizinischen Versorgung im Akutkrankenhaus mindern können. Bei entsprechender Anerkennung und Entlohnung könnten Kliniken ihnen attraktive Karrieremodelle bieten, die sich die Befragten auch explizit wünschten: So würden rund 87 Prozent der Befragten gern erweiterte Rollenfunktionen übernehmen beziehungsweise ausbauen. Für 98 Prozent ist Advanced Physiotherapy Practice ein wichtiger Faktor für die Entwicklung ihres Berufes.

„Die formal gut durchgeführte Studie greift ein politisch relevantes Thema auf, dass vor allem in der Schweiz unter dem Begriff Advanced Physiotherapy Practice zunehmend diskutiert wird“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Die Kommission setzt sich im jährlichen Wechsel aus Herausgebern der „physioscience“ zusammen. Sie alle sind in der Forschung und Lehre in Deutschland oder dem europäischen Ausland tätig. Für den diesjährigen „physioscience-Preis“ bewerteten Marina Bruderer-Hofstetter, Dr. Kirstin-Friederike Heise, Professor Dr. Sven Karstens, Professor Dr. Kerstin Lüdtke, Anne-Kathrin Rausch Osthoff und Professor Dr. Slavko Rogan alle Beiträge, die zwischen Juni 2018 und Ende Mai 2019 veröffentlicht wurden oder das Peer-Review-Verfahren erfolgreich durchlaufen hatten. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf die Relevanz des Beitrags für Physiotherapeuten sowie die wissenschaftliche Qualität der Forschungsarbeit.

Als deutschsprachiges Forum für wissenschaftlich interessierte Physiotherapeuten liefert die „physioscience“ viermal im Jahr aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis. In die Bewertung für den nächsten „physioscience-Preis“ gehen alle Original- und Übersichtsarbeiten, Fallberichte und Publikationen zu Leitlinien ein, die zwischen Juni 2019 und Ende Mai 2020 ins Peer-Review-Verfahren gehen. Alle Informationen zur Manuskripteinreichung finden Interessierte hier. Die Preisverleihung findet im November 2020 auf dem Forschungssymposium Physiotherapie der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaften (DGPTW) statt. Dort wird der Gewinner seinen ausgezeichneten Beitrag vorstellen.