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    Auch in Deutschland sind immer mehr Menschen von Armut betroffen. © Robert/ Adobe.Stock.com

     

Die Würde retten: Notfalleinsätze bei sozial benachteiligten Menschen

fzm, Stuttgart, Februar 2020 – Notärzte und Rettungssanitäter werden immer häufiger zu Menschen gerufen, die nicht nur medizinische, sondern vor allem psychosoziale Hilfe benötigen. Solche Einsätze sind in sozial benachteiligten Patientengruppen besonders häufig. Der Sozialmediziner Professor Dr. med. Gerhard Trabert warnt in der Fachzeitschrift „retten“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) davor, psychosozial motivierte Notrufe und das vermeintlich unnötige Aufsuchen der Notaufnahme als „Ressourcenverschwendung“ abzutun. Es sei vielmehr umgekehrt. Eine einfühlsame Behandlung sozial benachteiligter Menschen sei nicht nur menschlich, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Deutschland zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Aber auch hier leben viele Menschen in Armut. Einer EU-Definition zufolge gilt als von strenger Armut betroffen, wer weniger als 40 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Diejenigen, die weniger als 60 Prozent bekommen, sind armutsgefährdet. „Dazu zählt prinzipiell jeder, der soziale Transferleistungen bezieht“, erklärt Dr. Gerhard Trabert. Der Allgemeinarzt und Sozialpädagoge hat 1997 den Verein Armut und Gesundheit in Mainz gegründet.

 

Wie eine Datenanalyse aus Berlin zeigt, sind es vor allem Wohnviertel mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Menschen, in denen die Rettungsdienste häufig zu Einsätzen mit einer psychosozialen Indikation gerufen werden. Diese Beobachtung nimmt Trabert zum Anlass, die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Sozialstatus und Gesundheit zu beleuchten. Denn eine prekäre Lebenssituation hat auf Dauer gesundheitliche Folgen: Zwischen dem reichsten und dem ärmsten Viertel der deutschen Bevölkerung klafft ein Lebenserwartungsunterschied von elf Jahren bei den Männern und acht Jahren bei den Frauen. „Konkret haben ärmere Menschen ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden“, berichtet Trabert, der an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden eine Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie innehat. Auch das Risiko für Krebserkrankungen, Lebererkrankungen, Krankheiten der Verdauungs- oder Atmungsorgane, sowie für psychische Erkrankungen sei erhöht.

 

Zum einen ist die Krankheitslast in einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen somit tatsächlich höher. Zum anderen stellen Armut und Ausgrenzungserfahrungen ein permanentes Trauma für die Betroffenen dar. „Der Rettungsdienst füllt hier eine Lücke, die von anderen sozialen und medizinischen Einrichtungen offenbar nur unzureichend abgedeckt wird“, sagt Trabert. Als niederschwellig und flächendeckend erreichbare Institution komme er dem Bedürfnis der Betroffenen nach psychosozialer Unterstützung nach. Das bedeutet aber auch: Je nachdem, wie die Ärzte und Sanitäter mit den Hilfesuchenden umgehen, können sie ihnen soziale Sicherheit und Stabilität vermitteln oder aber ihnen ein weiteres Trauma zufügen. „Leider ist die Ansicht weit verbreitet, dass zu große Freundlichkeit hilfsbedürftige Menschen dazu verleitet, den Rettungsdienst noch häufiger zu rufen oder Notfallambulanzen noch stärker aufzusuchen, ohne dass ein greifbarer medizinischer Grund vorliegt“, sagt der erfahrene Arzt und Sozialarbeiter. Diese Sorge sei jedoch unberechtigt, wie eine Studie aus Toronto zeige. Hier waren Obdachlose in einer Notfallambulanz entweder standardmäßig oder aber mit besonderer Aufmerksamkeit, Wärme und menschlichem Interesse behandelt worden. Entgegen den Erwartungen kamen die besser umsorgten Obdachlosen anschließend sogar seltener in die Ambulanz. Eine einfühlsame Behandlung sozial benachteiligter Menschen scheint somit nicht nur menschlich, sondern auch ökonomisch geboten.

 

Darüber hinaus liefert Trabert in seinem Beitrag viele praktische Hinweise für den akutmedizinischen Umgang mit sozial benachteiligten Menschen. Gerade bei ihnen sei eine ausführliche Anamnese in einer leicht verständlichen Sprache wichtig. Zudem weist er beispielsweise daraufhin, dass aufgrund einer unzureichenden Nahrungsaufnahme und einer Alkoholproblematik bei vielen Patienten die Gefahr einer Unterzuckerung bestehe. Daher sei eine Blutzucker- und Blutdruckmessung immer sinnvoll. Gleichwohl sollten Rettungskräfte Symptome nicht sofort auf eine Alkoholkrankheit zurückführen, um nicht möglicherweise eine Akuterkrankung zu übersehen, wie etwa eine Hirnblutung nach einem Sturz.

 

G. Trabert
Rettungsdienst, der Libero – Armut und soziale Not
retten! 2020; 9 (1); S. 6–9

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