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    Bei Geschlechtsdysphorie ist eine interdisziplinäre Behandlung ohne Zeitdruck notwendig. © wladimir1804/Adobe.Stock.com

     

Mit dem „falschen“ Geschlecht geboren? Kinder und Jugendliche nehmen Beratungsangebote vermehrt wahr

fzm, Stuttgart, Februar 2020 – Stimmt das „gefühlte“ Geschlecht nicht mit dem anatomischen überein, besteht eine sogenannte Geschlechtsinkongruenz. Kommt es hierdurch zu einem dauerhaften Leidensdruck, sprechen Mediziner von einer Geschlechtsdysphorie. Meist suchen die Betroffenen erst im Erwachsenenalter Hilfe bei Medizinern. Hormonexperten der Universität Leipzig berichten jetzt in der Fachzeitschrift „Klinische Pädiatrie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020), dass in den zurückliegenden Jahren auch der Beratungsbedarf von Kindern und Jugendlichen zunimmt.

Die endokrinologische Ambulanz der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Leipzig berät Heranwachsende, die darunter leiden, dass sie mit dem „falschen“ Geschlecht geboren wurden. Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen: Stellte sich dort zwischen 2005 und 2011 pro Jahr höchstens ein Patient mit Geschlechtsdysphorie vor, waren es 2018 bereits 18, berichtet Klinikdirektor Professor Dr. Wieland Kiess.

 

Die Wissenschaftler vermuten, dass der Anstieg mit der gesteigerten medialen Aufmerksamkeit für die Geschlechtsdysphorie und den verbesserten Informationsmöglichkeiten zusammenhängen könnte. So ist auch in anderen Ländern ein höheres Beratungsbedürfnis zu verzeichnen. In Leipzig wenden sich insbesondere Mädchen an die Hormonexperten. Von 66 Patienten, die seit 2005 in Leipzig betreut wurden, hatten 54 ein weibliches Geschlecht. Kiess vermutet gesellschaftliche Ursachen: Jungenhafte Eigenschaften und Verhaltensweisen würden bei Mädchen eher akzeptiert als mädchenhafte bei Jungen.

 

Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie leiden oft auch unter psychischen Erkrankungen – in Leipzig war dies etwa die Hälfte der betreuten Patienten Dazu gehörten selbstverletzendes Verhalten, Depressionen oder ein negatives Selbstbild. Die Behandlung, die oft mehrere Jahre dauert, wird deshalb in vielen Fällen von einer Psychotherapie begleitet.

 

Erst wenn die Kinder und Jugendlichen psychisch stabil sind und die gegengeschlechtliche Rolle im täglichen Leben erprobt haben, wird eine Hormonbehandlung mit sogenannten GnRH-Analoga in Betracht gezogen. Diese synthetischen Hormone verhindern über die Hirnanhangdrüse die Produktion von Geschlechtshormonen. Die pubertäre Entwicklung stoppt.

 

Eine Weiterbehandlung mit geschlechtsangleichenden Hormonen kann frühestens ab dem 16. Lebensjahr erfolgen. Voraussetzung ist, dass die Patienten im Alltag seit mindestens einem Jahr im Wunschgeschlecht leben und seit sechs Monaten GnRH-Analoga erhalten haben. Die abschließende operative Geschlechtsangleichung ist erst bei einer Volljährigkeit im Alter von 18 Jahren möglich. Manche Operationen, etwa die Entfernung der Brustdrüsen, könnten im Einzelfall aber schon früher vorgenommen werden, berichtet der Leipziger Pädiater.

 

In Leipzig haben diesen letzten Schritt bisher fünf der 66 Patienten durchführen lassen. Bei den fünf Frauen wurden die Brüste entfernt, bei einer zusätzlich auch die weiblichen Geschlechtsorgane. Die Behandlung erfolgt interdisziplinär. Pädiater, Psychologen und gegebenenfalls auch Endokrinologen, Urologen oder Gynäkologen betreuen die Patienten gemeinsam. Voraussetzung für einen Erfolg sei, dass die Therapie ohne Zeitdruck und nach einem gewissenhaften Abwägen erfolge, betont Kiess.

 

A. A. Specht, J. Gesing, R. Pfaeffle, A. Koerner, W. Kiess et al.:
Symptome, Komorbiditäten und Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie
Klinische Pädiatrie 2020; 232 (1); S. 5–12

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