• PD Dr. rer. nat. Christiane Mühle nimmt den Preis in der Kategorie „Original Article“ von Professor Dr. med. Matthias W. Beckmann entgegen. © Sascha Radke/DGGG

    PD Dr. rer. nat. Christiane Mühle nimmt den GebFra-Preis in der Kategorie „Original Article“ von Professor Dr. med. Matthias W. Beckmann entgegen. © Sascha Radke/DGGG e.V.

     

GebFra-Preis 2020 verliehen

Stuttgart/München, Oktober 2020 - Mütterlicher Stress sowie Alkohol- und Tabakkonsum während der Schwangerschaft beeinträchtigen die Entwicklung und Gesundheit des Kindes über die Geburt hinaus. Ein App-basiertes Achtsamkeitstraining könnte dabei helfen, das Stressniveau von Schwangeren zu senken und gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern. In einem Kooperationsprojekt der Frauenklinik, der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik und der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und des Universitätsklinikums Erlangen untersuchen Forscher derzeit, wie sich die Nutzung einer Achtsamkeits-App auf den Schwangerschafts- und Geburtsverlauf sowie die Entwicklung des Kindes auswirkt. Grundlagen und Ablauf dieser sogenannten Mindful/PMI–Studie sind in der Thieme Fachzeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde (GebFra)" erschienen. Der Erstautor Professor Dr. med. Bernd Lenz erhält dafür den GebFra-Preis 2020 in der Kategorie "Original Article". Darüber hinaus zeichnen die Thieme Gruppe und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) Dr. med. Marius Wunderle in der Kategorie "Review" aus. Der stellvertretende Oberarzt an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen fasst darin den aktuellen Forschungsstand zu groß angelegten genomischen Studien in Bezug auf erblichen Brustkrebs zusammen. Dabei zeigt er auf, wie neue Erkenntnisse bei der individuellen Risikoeinschätzung, der Prognose sowie der Prävention von Brustkrebs helfen könnten. Die Preisverleihung erfolgte am 10. Oktober 2020, im Rahmen des 63. Kongresses der DGGG in München.

Stress in der Schwangerschaft sowie Alkohol- und Zigarettenkonsum haben negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes über die Geburt hinaus. Unter anderem werden Auffälligkeiten in Bezug auf Emotionalität und Verhalten sowie allgemeine Entwicklungsbeeinträchtigungen des Kindes mit Stress in der Schwangerschaft in Zusammenhang gebracht. Umgekehrt fördert ein achtsamkeitsorientiertes Meditationstraining das Wohlbefinden der Mutter und begünstigt eine gesunde Lebensführung und damit eine positive Entwicklung des Kindes. Hier setzt die mit dem GebFra-Preis ausgezeichnete "Mindful/PMI–Studie" an: "Wir haben ein 15-wöchiges, achtsamkeitsorientiertes, App-basiertes Programm zur Reduktion von Stress sowie zur Verminderung von Alkohol- und Tabakkonsum bei schwangeren Frauen etabliert", fasst Preisträger Professor Lenz, der inzwischen am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim tätig ist, zusammen. Die mobile Anwendung enthält Meditationen und Übungen, mit denen Schwangere lernen, ihren Körper achtsam wahrzunehmen. Mittels Untersuchungen und Befragungen bestimmen Ärzte mehrmals im Verlauf der Schwangerschaft das jeweilige Stressniveau sowie einen möglichen Konsum von Alkohol und Nikotin. Zwei weitere Untersuchungen der Mutter und des Säuglings erfolgen nach der Entbindung und wenn das Kind elf bis zwölf Monate alt ist. Bei der letzten Untersuchung geht es vor allem darum, den Entwicklungsstand und das Verhalten des Kindes zu bewerten. Verglichen werden die Untersuchungsergebnisse mit denen der Kontrollgruppe. Hier erhalten Schwangere anstelle der Achtsamkeitsübungen App-basierte Informationen zu Schwangerschaft, Entbindung, Wochenbett und Stillen. Die Forscher untersuchen sie und ihre Kinder analog zur Interventionsgruppe.

"Erste Ergebnisse werden bis Ende des Jahres 2021 vorliegen. Anhand der Daten können wir den Einfluss von Stressfaktoren auf das Kind im Mutterleib bestimmen und einordnen. Das ist wichtig, um potenzielle Präventionsansätze stärker als bisher zu fördern. Zum Wohl von Mutter und Kind", so die Arbeitsgruppenleiterin PD Dr. rer. nat. Christiane Mühle, die die Auszeichnung in der Kategorie "Original Article" stellvertretend entgegengenommen hat.

Die darüber hinaus ausgezeichnete Übersichtsarbeit widmet sich aktuellen großangelegten genomischen Studien bei erblichem Brustkrebs. Diese sind erforderlich, um zusätzlich zu den bekannten Hochrisikogenen BRCA1 und BRCA2 weitere Risikogene zu identifizieren und deren Bedeutung für die Prävention und Therapie von Brutkrebs besser einschätzen zu können. So treten laut Deutscher Krebsgesellschaft bei etwa einem Viertel aller Frauen mit Brustkrebs vermehrt Krankheitsfälle in der Familie auf. Jedoch nur in fünf bis zehn Prozent aller Fälle lässt sich ein krankheitsauslösendes Gen und somit ein erblich bedingter Brustkrebs nachweisen. "Inzwischen wird bei genetischen Testungen auch nach Mutationen in einem Panel mehrerer Gene gesucht, von denen angenommen wird, dass sie mit einem überwiegend mittleren Erkrankungsrisiko einhergehen. Unter Panel-Genen werden klinisch relevante Gene für ein bestimmtes Krankheitsbild zusammengefasst – in diesem Fall Brustkrebs", erklärt Dr. Wunderle. Daneben werden häufig vorkommende genetische Varianten mit einem eher geringen Einfluss auf das Brustkrebsrisiko im Rahmen großer internationaler Kooperationen untersucht. Beispielhaft sei in diesem Zusammenhang das OncoArray-Projekt, in dem mehrere Institutionen zusammen eine Genotypisierung von annähernd 500.000 genetischen Varianten bei fast 450.000 Personen vorgenommen haben. "Über 170 Genveränderungen konnten so gefunden werden, die ein Brustkrebsrisiko bergen und bis zu 18 Prozent des familiären Risikos erklären können. Mit der Entdeckung weiterer Genvarianten ist innerhalb der nächsten Jahre zu rechnen", so Wunderle. Das Wissen von genetischen und nicht genetischen Risikofaktoren sei hinsichtlich der individuellen Präventionsmaßnahmen der Patientinnen von Bedeutung, fügt er abschließend hinzu.

Jurybegründung

Die beiden ausgezeichneten Arbeiten gehören – innerhalb der jeweiligen Kategorie – zu den am häufigsten zitierten beziehungsweise meist gelesenen Publikationen der GebFra innerhalb der letzten zwei Jahre. Professor Dr. med. Anton J. Scharl, Präsident DGGG erklärt zur Entscheidung der Jury: "Dass mütterlicher Stress in der Schwangerschaft die Kindesentwicklung beeinflusst, wird oft postuliert, ist aber bisher wenig untersucht. Die Studie von Professor Lenz sucht nach belegbaren Daten und geht dabei neue Wege. Mit einer eigens entwickelten mobilen Anwendung begleitet die Arbeitsgruppe Mütter durch die Schwangerschaft und prüft abschließend, ob und wie sich die angestrebte Stressreduktion auf das Kind auswirkt. Die App dient dabei nicht nur dazu, Stress zu minimieren, sondern ermöglicht auch eine kontinuierliche Dokumentation der Maßnahmen. Das ist innovativ und eines Preises würdig." Professor Dr. med. Matthias W. Beckmann, leitender Herausgeber der Fachzeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde" ergänzt: "Die Übersichtsarbeit zeigt in Bezug auf das Brustkrebsrisiko, dass sich nur in Großgruppen neue genetische Veränderungen als signifikant herausstellen und deshalb interdisziplinäre und Grenzen überschreitende Ansätze notwendig sind. Die hier gewonnenen Erkenntnisse sind für die betroffenen Patientinnen entscheidend, wenn es um eine individuelle Risikoabschätzung und darauf abgestimmte präventive und therapeutische Maßnahmen geht."

Ausgezeichnete Arbeiten

B. Lenz et al.:
Mindfulness-based Stress Reduction in Pregnancy:
an App-Based Programme to Improve the Health of Mothers and Children (MINDFUL/PMI Study)
Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion in der Schwangerschaft:
ein App-basiertes Programm zur Verbesserung der Gesundheit
von Müttern und Kindern (MINDFUL/PMI-Studie)
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2018; 78 (12); S. 1283–1291
DOI: 10.1055/a-0677-2630
Hier lesen Sie die vollständige Originalarbeit

M. Wunderle et al.:
Risk, Prediction and Prevention of Hereditary Breast Cancer –
Large-Scale Genomic Studies in Times of Big and Smart Data

Risiko, Vorhersage und Prävention von erblichem Brustkrebs –
groß angelegte genomische Studien in Zeiten von Big und Smart Data
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2018; 78 (5); S. 481–492
DOI: 10.1055/a-0603-4350
Hier lesen Sie die vollständige Übersichtsarbeit

Über den Preis

Die Fachzeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde", kurz "GebFra", ist das offizielle Organ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG). Mit dem gleichnamigen Preis zeichnet die Thieme Gruppe gemeinsam mit der Fachgesellschaft herausragende Original- und Übersichtsarbeiten oder Leitlinien in der Gynäkologie und Geburtshilfe aus, die innerhalb der letzten beiden Jahre in der Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Die von der Thieme Gruppe gestiftete Auszeichnung ist mit insgesamt 5000 Euro dotiert. Sie wird alle zwei Jahre im Rahmen der Fachtagung der DGGG verliehen.

 

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