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    Auch Jugendliche, die ansonsten ein niedriges Risiko haben, mit dem Rauchen zu beginnen, sind durch das Experimentieren mit E-Zigaretten gefährdet. © Schlierner/Adobe.Stock.com

     

E-Zigaretten fördern späteres Rauchen

fzm, Stuttgart, 2020 – Wer als Jugendlicher E-Zigaretten probiert, neigt in der Folge dreimal häufiger dazu, später zu „echten“ Zigaretten zu greifen. Das belegt eine Langzeitstudie, die in der Fachzeitschrift „Pneumologie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) erschienen ist. E-Zigaretten als vermeintlich weniger gesundheitsschädlich zu bewerben, sehen die Studienautoren deshalb kritisch: Insbesondere Jugendliche mit einem sonst niedrigen Risikoprofil könnte das dazu veranlassen, mit E-Zigaretten zu experimentieren. Die Autoren fordern daher ein umfassendes Werbeverbot.

Die meisten E-Zigaretten enthalten Nikotin und machen daher genauso abhängig wie Tabakzigaretten. Suchtexperten befürchten, dass das vermeintlich harmlose Dampfen der Einstieg für das Rauchen sein kann. Ein Team um Professor Reiner Hanewinkel vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel hat hierzu Daten untersucht, die im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit erhoben wurden.

 

In der Studie waren an 44 Schulen in sechs Bundesländern Schüler der Klassen fünf bis acht im Abstand von zwei Jahren zweimal befragt worden. Bei der ersten Erhebung hatten 2388 Schüler, die damals im Durchschnitt 11,8 Jahre alt waren, noch niemals Zigaretten geraucht. Insgesamt 85 von ihnen (3,6 Prozent) hatten jedoch schon einmal E-Zigaretten konsumiert.

 

Bei der zweiten Umfrage gaben dann 430 Schüler (18 Prozent) an, schon einmal Tabakzigaretten geraucht zu haben. Mehr als die Hälfte dieser Schüler (53 Prozent) hatte bei der ersten Umfrage angegeben, bereits Erfahrungen mit E-Zigaretten zu haben. Von den Schülern, die E-Zigaretten noch nicht kannten, hatten nur 17,7 Prozent mit dem Tabakrauchen begonnen.

 

Die Schüler, die Erfahrungen mit E-Zigaretten hatten, griffen demnach in den folgenden beiden Jahren dreimal häufiger zu „echten“ Zigaretten. Der frühere Kontakt zu E-Zigaretten war jedoch nicht der einzige Grund, warum die Schüler mit dem Tabakrauchen begannen. Zu den weiteren Einflussfaktoren gehörten schlechtere Schulleistungen, der Schultyp und Alkoholkonsum. Auch Alter und Geschlecht spielen eine Rolle. So begannen Mädchen häufiger mit dem Tabakrauchen als Jungen.

 

Ein weiterer Grund war laut Professor Hanewinkel ein Persönlichkeitsmerkmal, das Forscher als „Sensation Seeking“ bezeichnen. Jugendliche, die dieses Merkmal aufweisen, sind mehr als andere auf der Suche nach Abwechslung und neuen Erlebnissen, da sie immer wieder neue Spannungsreize benötigen. Dabei stoßen viele von ihnen auf das Tabakrauchen, und zwar auch dann, wenn sie vorher keine E-Zigaretten konsumiert hatten.

 

In einer Mehrebenenanalyse hat Professor Hanewinkel die einzelnen Einflussfaktoren voneinander getrennt. Dabei erwies sich der frühere Kontakt zu E-Zigaretten als der wichtigste Auslöser. Damit erhöhte sich das Risiko später auch konventionelle Tabakzigaretten zu rauchen, um 85 Prozent. Es folgte der frühe Alkoholkonsum (plus 72 Prozent), ein weibliches Geschlecht (plus 43 Prozent) und das „Sensation Seeking (plus 35 Prozent). Auch ein höheres Alter (plus 21 Prozent) und subjektiv schlechtere Schulleistungen (plus 15 Prozent) spielen eine Rolle. Für den Schultyp, einen Migrationshintergrund und den sozioökonomischen Status (Einkommen und Bildung der Eltern) ließ sich ein Zusammenhang nicht sicher belegen.

 

Nach Ansicht der Autoren lässt sich die nachgewiesene dreimal erhöhte Raucher-Quote unter den Schülern mit E-Zigaretten-Erfahrungen nicht vollständig und ausschließlich auf die anderen erwähnten Einflussfaktoren zurückführen. Es ist daher anzunehmen, dass E-Zigaretten für viele Jugendliche den Weg zum späteren Zigarettenkonsum ebnen. In ihren Ergebnissen sehen Hanewinkel und Kollegen die sogenannte Gateway-Hypothese bestätigt: Das Suchtpotenzial des Nikotins ist der Katalysator, der einen späteren Umstieg auf herkömmliche Zigaretten wahrscheinlicher macht.

 

Die Experten sehen gerade Jugendliche, die ansonsten ein niedriges Risiko haben, mit dem Rauchen zu beginnen, durch das Experimentieren mit E-Zigaretten gefährdet. Werbebotschaften, in denen die Hersteller den Konsum als vermeintlich weniger gesundheitsschädlich darstellen, kritisieren sie scharf: „Ein umfassendes Werbeverbot unter Einschluss von E-Zigaretten erscheint überfällig“, betonen Hanewinkel und Kollegen.

 

J. Hansen et al.:
E-Zigarettenkonsum und späterer Konsum konventioneller Zigaretten
Ergebnisse einer 2-jährigen prospektiven Beobachtungsstudie
Pneumologie 2019; online erschienen am 22.11.2019

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