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    Die Organfunktionen von Intensivpatienten sind teilweise eingeschränkt, daher müssen Medikamente oft individuell dosiert werden. © sudok1/Adobe.Stock

     

„Drug Interaction Stewardship“ verbessert Behandlung von Intensivpatienten

fzm, Stuttgart, November 2019 – Schwerstverletzte und Patienten, die auf einer chirurgischen Intensivstation behandelt werden, erhalten häufig mehrere Medikamente gleichzeitig. Diese können sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken oder abschwächen. Ein „Drug Interaction Stewardship“ (DIS) kann dazu beitragen, mögliche Infektionen wirksamer zu behandeln. Intensivmediziner der Universitätsklinik Magdeburg berichten im „Zentralblatt für Chirurgie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) über ihre Erfahrungen.

Bei Intensivpatienten sind die Organfunktionen mitunter eingeschränkt. Betrifft das die Nieren oder die Leber können Medikamente schnell überdosiert werden. Eine Herzschwäche oder Durchblutungsstörungen können dazu führen, dass Medikamente die erkrankten Bereiche des Körpers nicht erreichen. Schließlich beeinträchtigen sich Medikamente in ihrer Wirkung nicht selten gegenseitig, was als Wechselwirkung (engl. „Drug Interaction“) bezeichnet wird.

Das Universitätsklinikum Magdeburg hat deshalb Anfang 2012 ein „Drug Interaction Stewardship“ (DIS) eingerichtet. Wöchentlich – und bei besonderen Fragestellungen auch häufiger – begleitet ein Pharmakologe die Intensivmediziner bei ihrer Visite und berät sie bei der Verordnung von Medikamenten. Den Schwerpunkt bildet die Behandlung von Infektionen, wie Blutstrom-, Bauchraum- oder Wundinfektionen, die bei chirurgischen Intensivpatienten häufig auftreten. Im Rahmen eines „therapeutischen Drug-Monitorings“ (TDM) wird regelmäßig geprüft, in welcher Konzentration die jeweiligen Wirkstoffe im Blut vorhanden sind und ob diese dem angestrebten Behandlungsziel entspricht.

Dr. Uwe Lodes von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie hat gemeinsam mit Kollegen die Erfahrungen ausgewertet, die dort zwischen Anfang 2012 bis Mitte 2016 gemacht wurden. In dieser Zeit überprüften die extra eingesetzten Pharmakologen im Rahmen des DIS die Arzneimittelverordnung von 1454 Patienten. In 385 Fällen (26,5 Prozent) nahmen sie Änderungen in der medikamentösen Therapie vor. Am häufigsten geschah dies aufgrund von Wechselwirkungen. So kommt es beispielsweise häufiger zu Nebenwirkungen, wenn die Antibiotika Ciprofloxacin und Erythromycin gemeinsam verabreicht werden. Beide Wirkstoffe werden über dasselbe Enzym in der Leber abgebaut. Bei der gleichzeitigen Gabe der beiden Wirkstoffe kommt es hier zu einer Verzögerung. Dann steigen die Konzentrationen im Blut schnell an und erreichen toxische Werte.

Der gegenteilige Effekt tritt auf, wenn Epilepsiepatienten gleichzeitig das Antiepileptikum Valproat und als Antibiotikum ein Carbapenem erhalten. Die Konzentration von Valproat kann im Blut dann innerhalb kurzer Zeit so weit sinken, dass erneut Krampfanfälle auftreten.

Bei Infektionen gehen die Ärzte häufig auf Nummer sicher. Insgesamt 2333 Mal bestimmten sie die Konzentration der Medikamente im Blut. In 1130 Fällen (48,4 Prozent) waren die Mittel ausreichend dosiert. In 427 Fällen (18,3 Prozent) musste die Dosis nach dem TDM gesteigert und in 776 Fällen (33,3 Prozent) gesenkt werden.

Insgesamt wurde durch DIS und TDM bei zwei Drittel (67,6 Prozent) aller Untersuchungen eine Veränderung der medikamentösen Therapie vorgenommen. Nach Einschätzung der Magdeburger Ärzte haben sich deshalb die Visiten mit den Pharmakologen und die Blutuntersuchungen bewährt. DIS und TDM sollten nach Ansicht der Intensivmediziner Bestandteil einer hochqualitativen medikamentösen Therapie für Patienten auf der Intensivstation und auch für andere schwerkranke Patienten sein.

U. Lodes et al.:
„Drug Interaction Stewardship“ (DIS) und therapeutisches Drug-Monitoring (TDM) für die antiinfektive Therapie in der operativen Intensivmedizin, eine monozentrische Beobachtungsstudie
Zentralblatt für Chirurgie 2019, online erschienen am 11.11.2019

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