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    Hilfe bei Depressionen: Viele Betroffene warten wochenlag auf einen Therapieplatz. Digitale Gesundheitsanwendungen können helfen, die Wartezeit zu überbrücken. © dodoardo/stock.adobe.com

     

Depressionen per App behandeln!?

fzm, Stuttgart, September 2021 - Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann erkrankt im Laufe des Lebens an einer Depression (1). Viele von ihnen warten jedoch oft monatelang auf einen Therapieplatz. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) können Betroffenen helfen, die Wartezeit zu überbrücken, aber auch die reguläre Psychotherapie ergänzen. Aber was beinhalten die verschiedenen Apps und Online-Programme? Für wen eignen sie sich? Und wie wirksam sind sie? Diese Fragen beantworten eine Psychologin und ein Mediziner in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2021).

Social Distancing und wochenlange Lockdown-Regelungen haben die Versorgung von an Depression erkrankten Menschen erschwert. Gleichzeitig wurde während der Pandemie die Entwicklung digitaler Lösungen vorangetrieben. Haben sie die Prüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erfolgreich durchlaufen, dürfen DiGAs per Rezept verschrieben werden. Neben Smartphone-Apps mit kurzen Selbsteinschätzungsfragen gibt es auch browserbasierte Programme, die oft mehrwöchige Module anbieten. Je nachdem, ob ein Therapeutenkontakt via Chat oder E-Mail möglich ist, handelt es sich um sogenannte „geführte“ oder „ungeführte Angebote“.

Therapeutische Inhalte von DiGAs

„Die Möglichkeiten digitaler Anwendungen sind vielversprechend. Fast alle Apps und Programme für Menschen mit Depressionen bedienen sich Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie“, erklären Dr. sc. hum. Diplom-Psychologin Gwendolyn Mayer und Privatdozent Dr. med. Jobst-Hendrik Schultz. Die meisten verfügbaren DiGAs setzen beispielsweise das sogenannte Mood Tracking ein: Dabei werden die Nutzer*innen regelmäßig nach ihrer Stimmung gefragt. „Das bietet ihnen die Möglichkeit, kritische Ereignisse als mögliche Trigger für einen negativen Stimmungsverlauf zu entdecken und umgekehrt auch Bedingungen für positive Verläufe zu reflektieren“, so Mayer und Schultz, die beide am Universitätsklinikum Heidelberg tätig sind.

Viele Anwendungen setzten zudem auf eine kognitive Umstrukturierung. Hierbei werden typische negative Gedankenmuster und Gegenstrategien vorgestellt. Die Nutzer*innen können diese mit ihren eigenen Gedanken vergleichen und die vorgeschlagenen Lösungswege für sich adaptieren. Auch Hintergrundinformationen zu Depressionen (Psychoedukation) und Entspannungsübungen sind oft implementiert. Manche Anwendungen bieten zudem eine Art „Notfallkoffer“ mit hilfreichen Tipps für Rückfälle an.

Wie wirksam sind DiGAs?

Depressive Symptome bessern sich signifikant bei Patient*innen, die internetbasierte Anwendungen nutzen. Das zeigen randomisiert-kontrollierte Studien, die Nutzer*innen mit Betroffenen vergleicht, die ohne eine Intervention auf eine Behandlung warten, aber auch mit solchen, die Online-Foren nutzen oder sich ohne Unterstützung eigenständig über ihr Krankheitsbild informieren. Dabei sind die geführten Angebote, also die mit einem möglichen Therapeutenkontakt, den reinen Selbstmanagement-Tools überlegen. Eine Gleichwertigkeit zu einer Face-to-face-Therapie sehen Mayer und Schultz anhand dieser Daten aber nicht gegeben.

Auch seien digitale Angebote nicht für alle Betroffenen gleichermaßen geeignet. Insbesondere Betroffene mit schweren Symptomverläufen oder mit geringer Technikaffinität, einem niedrigen Bildungs- oder Menschen mit Migrationshintergrund profitierten in der Regel nicht von DiGAs.

Insgesamt sehen die Expert*innen den Einsatz von digitalen Technologien in der Psychotherapie noch in der Entwicklung begriffen. Künstliche Intelligenz und Virtual Reality könnten in Zukunft weitere vielversprechende Möglichkeiten eröffnen, die Psychotherapeut*innen bei der Versorgung psychisch erkrankter Menschen nicht ersetzen, aber doch unterstützen werden.

European Depression Day am 3. Oktober 2021

Am 3. Oktober findet zum 18. Mal der „Europäische Depressionstag“ (European Depression Day EDD) statt. Die European Depression Association (EDA), eine Allianz aus Expert*innen, medizinischen Fachkräften und Organisationen aus 17 europäischen Ländern, macht an diesem Tag auf die gesellschaftliche Relevanz der Erkrankung aufmerksam.

Über die Autoren

Dr. sc. hum. Dipl.-Psych. Gwendolyn Mayer ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik des Universitätsklinikums Heidelberg. Sie forscht und lehrt im Bereich E-mental-Health.
PD Dr. med. Jobst-Hendrik Schultz ist Oberarzt mit Schwerpunkt Psychokardiologie in der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universität Heidelberg. Er forscht im Bereich Big Data, Telemedizin sowie Arzt-Patient-Kommunikation und leitet unter anderem das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) im Fachbereich Humanmedizin Heidelberg.

G. Mayer und J.-H. Schultz:
Depression per App behandeln? Möglichkeiten und Grenzen digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGAs)
PiD Psychotherapie im Dialog 2021; 22 (3); S. 54–58

(1) Deutsche Depressionshilfe (24.09.2021)

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