• © Africa Studio/stock.adobe.com

    Medizinisches Cannabis als Alternative zu Opiaten in der Schmerztherapie? © Africa Studio/stock.adobe.com

     

Kann Cannabis vom Arzt Überdosierungen durch Opioide verhindern?

fzm, Stuttgart, Februar 2021 - Am Anfang stehen Schmerztabletten, dann folgt die Abhängigkeit: Zehntausende Menschen in den USA sind opioidsüchtig. Die hohe Zahl von Toten unter denjenigen, die durch die ärztliche Verordnung von opioidhaltigen Schmerzmitteln süchtig geworden sind, hat in den USA die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken gefördert. Dahinter steht die Überlegung, dass die Hanfdroge, wenn sie als Schmerzmittel eingesetzt wird, Opioide teilweise ersetzen und damit die Gefahr einer Opiatabhängigkeit mindern könnte. Diese Erwartung hat sich nach den Ergebnissen einer Studie in der Fachzeitschrift „Pharmacopsychiatry“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2021) jedoch bisher nicht erfüllt.

Nach Angaben des National Institutes of Health (NIH) erhalten in den USA jedes Jahr fünf bis acht Millionen Menschen Opioide zur Behandlung chronischer Schmerzen. Die Gefahr einer Abhängigkeit ist groß und nicht selten besorgen sich Patienten die Substanzen schließlich illegal oder steigen auf Drogen wie Heroin um. Infolge einer Überdosis kommt es immer wieder zu Todesfällen. Studien zufolge könnte medizinisches Cannabis ebenfalls Schmerzen lindern und so die Verschreibung von Opiaten senken. US-Forscher diskutieren deshalb seit einigen Jahren intensiv, ob die Legalisierung von Cannabis eine Möglichkeit wäre, die Einnahme verschreibungspflichtiger Opioide zu senken und damit auch die Gefahr eines anschließenden Heroinkonsums zu reduzieren.

Erste Studien, die Daten aus den Jahren 1999 bis 2010 untersuchten, legten einen Erfolg dieser Strategie nah. Die Zahl der Opioid-Überdosierungen sank in den Bundesstaaten, die den Einsatz von medizinischem Cannabis erlaubten. Forscher von der Commonwealth School of Medicine in Pennsylvania/USA, kommen nach weiteren Untersuchungen jetzt jedoch zu einem anderen Ergebnis.

Das Team um PhD Brian Piper untersuchte die Zahl der Opioidtoten in den drei Jahren vor der Einführung und in den drei Jahren danach. Die ermittelten Daten verglichen sie dann mit denen der Staaten, in denen Cannabis verboten blieb. Solche sogenannte Zeitreihenanalysen („Interrupted Time Series Analysis“) werden genutzt, um die Auswirkungen von politischen Reformen wissenschaftlich zu untersuchen. Insgesamt flossen Daten von 1999 bis 2017 in die Studie mit ein.

Laut Piper und Kollegen ist es in den Jahren 2012 bis 2017 in allen Bundesstaaten zu einem Anstieg der Opioidtoten gekommen. Dabei fiel der Anstieg in den Staaten mit der Freigabe von Cannabis noch deutlich stärker aus als in denen ohne. Im Jahr 2017 verzeichneten die Staaten, in denen Cannabis zu medizinischen Zwecken eingesetzt wurde, sogar doppelt so viele Opioid-Überdosierungen, berichtet Piper auf Nachfrage.

Welche Umstände genau zu diesen Ergebnissen führen, sei noch unklar und es wäre daher verfrüht, von einer Kausalität zu sprechen, betont Piper. Vor allem deshalb, weil es erheblich Unterschiede zwischen den Staaten gäbe, wie genau eine Todesbescheinigung ausgefüllt werde. Piper und Kollegen zeigen in ihrer Studie auf, dass in den Bundesstaaten, in denen Cannabis freigegeben wurde, die Substanz, die zum Tod geführt habe, häufiger erwähnt wird. Anders in Bundesstaaten ohne Legalisierung. Die Anzahl der Überdosierungen von 1999 bis 2015, bei denen die beteiligte Substanz auf dem Totenschein nicht spezifiziert wurde, reichte von null Prozent in Washington DC bis zu 51 Prozent in Pennsylvania. Die häufigere Nennung in den Staaten mit Freigabe könnte zu einem scheinbaren Anstieg der Opioid-Todesfälle geführt haben, so Piper.

Der Neurowissenschaftler erwähnt noch einen weiteren Umstand, der die Ergebnisse verzerrt haben könnte. In den Bundesstaaten östlich des Mississippi, wo Cannabis legalisiert wurde, wurde das Heroin zur gleichen Zeit zunehmend mit Fentanyl oder anderen hochpotenten Opioiden verschnitten. Die Gefahr einer Überdosierung war in diesen Staaten dadurch vergleichsweise höher.

Aber wie erklärt sich der Experte, die zunächst positiven Zahlen zum Einsatz von medizinischem Cannabis? Laut Piper könne das auf Maßnahmen des „Patient Protection and Affordable Care Act“ (PPACA) zurückzuführen sein. Das Bundesgesetzt wurde 2010 unter Präsident Barack Obama erlassen und wird daher auch landläufig als „Obamacare“ bezeichnet. Im Rahmen der „Medicaid expansion“, eines Ausbaus einer allgemeinen Gesundheitsfürsorge, wurde auch die Verordnung von Buprenorphin zur Behandlung der Opioidsucht gesteigert. Die Staaten, die Obamacare zuerst umsetzten, waren auch die, die Cannabis legalisierten. Der zunächst festgestellte Rückgang von Drogentoten in diesen Staaten, könne also auch auf die bessere Gesundheitsversorgung zurückzuführen sein.

Insgesamt sei es derzeit unklar, wie sich die Legalisierung von Cannabis auf die Zahl der Drogentoten auswirkt. Dies sollte in Europa bei möglichen Reformen bedacht werden, rät Piper.

D.E. Kaufman, A.M. Nihal, J.D. Leppo, K.M. Staples, K.L. McCall, B.J. Piper:
Opioid mortality following implementation of medical marijuana programs in the United States. Pharmacopsychiatry 2021; online erschienen am 23.2.2021

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!
Cookie-Einstellungen