• © upixa/Adobe.Stock.com

    In der Notaufnahme sind schnelle Entscheidungen gefragt. Betrunkene Patienten sind für Ärzte dort eine besondere Herausforderung. © upixa/Adobe.Stock.com

     

In der Notaufnahme: Darauf sollten Mediziner im Umgang mit betrunkenen Patienten achten

fzm, Stuttgart, April 2019 – Die einen sind labil und äußern Suizidgedanken, andere treten aggressiv auf: Kommen betrunkene Patienten in die Notaufnahme, sehen sich Ärzte oft vor besondere Herausforderungen gestellt. Zeitnah müssen Mediziner entscheiden, inwieweit die Betroffenen kognitiv noch in der Lage sind, medizinischen Eingriffen zuzustimmen oder sie abzulehnen. Auch müssen sie abschätzen, ob die Patienten für sich selbst oder für andere eine Gefahr darstellen. In der Fachzeitschrift „Fortschritte der Neurologie Psychiatrie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) geben Experten Empfehlungen für das Notfallmanagement von Patienten mit Alkoholintoxikation.

Patienten mit einer Alkoholvergiftung sind die häufigsten psychiatrischen Fälle in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser. „Bisher gibt es jedoch weder nationale noch internationale Empfehlungen, wie der behandelnde Arzt den Intoxikationsgrad, also das Ausmaß des Rausches, das Risiko für eine Eigen- und Fremdgefährdung und die Einwilligungsfähigkeit einschätzen und dokumentieren soll“, erklären Professor Dr. med. Tilman Wetterling und Professor Dr. med. Klaus Junghanns, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck. Gemeinsam haben sie in Handlungsanweisungen die wichtigsten Aspekte im Umgang mit Betrunkenen zusammengefasst, um Ärzten Risikoabschätzungen und Entscheidungen zu erleichtern.

Intoxikationsgrad prüfen

Um festzustellen, wie schwer die Alkoholintoxikation ist, also wie betrunken der Patient ist, werden Blutalkoholkonzentration (BAK) und Atemalkoholspiegel (AAS) bestimmt. „Ab 0,5 Promille ist mit beachtenswerten kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen zu rechnen“, so die Autoren. Dabei zeigen sich bei gewohnheitsmäßigen Trinkern Vergiftungszeichen möglicherweise auch erst später. Sie empfehlen Ärzten daher, zudem körperliche Untersuchungsbefunde, wie beispielsweise die Stand- und Gangsicherheit, die Orientierung zu Ort, Zeit und Person und die Reaktionszeit des Patienten, zu überprüfen. Darüber hinaus gelte es festzustellen, ob zusätzlich andere Drogen oder Medikamente eingenommen wurden.

Entlassen oder stationär aufnehmen?

Auch die Entscheidung für eine stationäre Aufnahme liegt bei den Ärzten. Hier müssen sie unter anderem das Risiko für eine Eigen- oder Fremdgefährdung abschätzen: Besteht beispielsweise die Gefahr, dass schwere Entzugserscheinungen, wie Delir oder Krampfanfälle, auftreten? Oder ist der Patient gar selbstmordgefährdet? Hier raten Wetterling und Junghanns: „Im Gespräch sollten Ärzte versuchen herauszufinden, ob es bereits Suizidversuche gab oder sich der Betroffene zurzeit in einer Krisensituation befindet, für die er keine Lösung sieht. Auch eine depressive und labile Gemütslage weist auf eine erhöhte Selbstgefährdung hin.“

Risikoeinschätzung zur Fremd- und Eigengefährdung

Gibt es hingegen Hinweise auf eine Schlägerei oder wurde der Patient durch die Polizei eingewiesen, besteht das Risiko einer Fremdgefährdung. Das sollten Ärzte dokumentieren. Dazu gehören auch Drohungen und aggressives Verhalten gegenüber dem Krankenhauspersonal. Medizinern und Pflegepersonal raten die Autoren zudem, sich nicht provozieren zu lassen, den Patienten zu beruhigen und Kollegen zum Selbstschutz hinzuziehen.

Einwilligungsfähigkeit alkoholisierter Patienten

Ein weiterer heikler Punkt ist die Aufklärungspflicht seitens der Ärzte über geplante medizinische Maßnahmen und die Einwilligung der Patienten. Ist der Patient nach Ansicht des Mediziners nicht in der Lage, einer Behandlung zuzustimmen, muss er die Dringlichkeit der medizinischen Maßnahme und die Wahrscheinlichkeit möglicher Komplikationen bei einem Aufschub abwägen. Falls der Patient auf eigenen Wunsch entlassen wird, muss eine Sicherheitsaufklärung erfolgen. Das heißt, der Arzt muss den Betroffenen über mögliche Konsequenzen informieren. „Wir empfehlen dringend, alle Vorfälle und Handlungen genau zu dokumentieren“, betonen die Experten abschließend.

T. Wetterling und K. Junghanns:
Alkoholintoxikation – ein psychiatrischer Notfall
Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 2019, online erschienen am 18.3.2019

 

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!