• Eingeschaltetes Blaulicht eines Notarztwagens © comofoto/stock.adobe.com

    Rettungskräfte kommt im medizinischen Kinderschutz eine besondere Bedeutung zu: Sie sind die ersten am Unfallort und können die häusliche Situation in Augenschein nehmen. © comofoto/stock.adobe.com

     

Notfall Kindesmisshandlung: Wie können Rettungskräfte im Verdachtsfall handeln?

fzm, Stuttgart, November 2020 - Bei rund jedem siebten bis achten Notfalleinsatz in Deutschland werden die Rettungskräfte zu verletzten Kindern gerufen. Doch auch bei Einsätzen, die Erwachsene betreffen, kann das Kindeswohl gefährdet sein: sei es, weil der einzige Sorgeberechtigte stationär versorgt werden muss, oder weil es Anzeichen für Gewalt in der Familie, für Substanzmissbrauch oder für Verwahrlosung gibt. Für den Rettungsdienst stellt sich dann die Frage, ob und wie sie tätig werden können. In der Fachzeitschrift "Notfallmedizin up2date" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) zeigen Experten auf, wie Rettungskräfte eine mögliche Gefährdung von Kindern und Jugendlichen erkennen und richtig darauf reagieren können.

Notfallmedizinern und Rettungssanitätern kommt im medizinischen Kinderschutz eine besondere Bedeutung zu, denn sie sind die ersten am Unfallort, denen der Unfallhergang geschildert wird und die den Unfallort und die häusliche Situation in Augenschein nehmen. "Das sind wertvolle Informationen, die Rückschlüsse auf eine mögliche Gefährdung von Kindern ermöglichen", sagt Oliver Berthold, Leiter der Kinderschutzambulanz an den DRK Kliniken Berlin Westend und einer der Autoren des Fortbildungsbeitrags. Auffälligkeiten sollten daher unbedingt dokumentiert werden.

Doch welche Hinweise sprechen dafür, dass das Kindeswohl bedroht ist? Ist das Kind selbst der Patient, ist es auf den ersten Blick oft schwer einzuschätzen, ob Verletzungen durch einen Unfall oder durch Gewalteinwirkung entstanden sind. "Dennoch gibt es Anhaltspunkte, die auf eine Kindesmisshandlung hindeuten können und zu besonderer Aufmerksamkeit Anlass geben sollten", sagt Berthold. Auffällig sei es etwa, wenn der von den Sorgeberechtigten geschilderte Unfallhergang nicht zu den Verletzungen passe, wenn der Notdienst erst verzögert gerufen worden sei, oder wenn das Kind mehrere Verletzungen unterschiedlichen Alters aufweise. Auch die Art der Verletzung kann den Verdacht auf Misshandlung begründen. Blutergüsse bei Säuglingen sollten generell zu einer genaueren Untersuchung Anlass geben, bei älteren Kindern zumindest dann, wenn sie an eigentlich geschützten, weichen Körperstellen wie Ohren, Wangen oder Genitalien auftreten. "Auch Rippenfrakturen oder gleichzeitige Frakturen mehrerer Knochen gelten als hochspezifischer Hinweis auf Gewalteinwirkung", sagt Berthold.

Ist ein Erwachsener der Patient, kann es notwendig sein, sich auch den Kindern im Haushalt anzunehmen. "Zumindest bei bestimmten Diagnosen wäre es wünschenswert, wenn routinemäßig auch nach minderjährigen Kindern in der Familie gefragt und geklärt würde, wie diese versorgt sind", sagt Berthold. Das gelte besonders bei Suizidversuchen, akuten Psychosen, schweren Depressionen, Alkohol- oder anderen Intoxikationen oder häuslicher Gewalt. Wie Untersuchungen zeigen, sind viele professionelle Helfer jedoch unsicher, welche Informationen sie weitergeben dürfen und wen sie um Rat bitten können. "Nur wenige wissen, dass sie einen Rechtsanspruch auf Beratung etwa durch Jugendämter haben", sagt Berthold. Zu jeder Tag- und Nachtzeit sei zudem die Medizinische Kinderschutzhotline erreichbar, die Hilfestellung bei der Einschätzung der Situation und zum weiteren Vorgehen gebe.

Die Annahme, dass sich andere Fachkräfte wie Erzieher, Lehrer oder Kinderärzte schon um die Belange der Kinder kümmern werden, sei ein häufiger Trugschluss: "Jede Fachgruppe hat nur ihren eigenen begrenzten Einblick in die familiäre Situation und muss daher nicht dieselben besorgniserregenden Aspekte wahrnehmen", erklärt Berthold. Außerdem stünden alle Fachkräfte vor denselben Unsicherheiten und derselben Zurückhaltung, schwierige Themen anzusprechen. "Wer gewichtige Anhaltspunkte für eine mögliche Kindeswohlgefährdung wahrnimmt, muss daher auch tätig werden."

O. Berthold et al.:
Notfallmedizinische Aspekte der Kindesmisshandlung
Notfallmedizin up2date 2020; 15 (3); S. 289–302

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